27. Dezember 2011 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Neu ist die Erkenntnis, dass die Politik ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter von Menschen korrumpiert, zwar nicht, doch George Clooney erzählt in seinem großartig gespielten Politdrama immerhin spannend davon.

Mitten in die Vorwahlen um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten wirft George Clooney in seinem vierten Spielfilm den Zuschauer. Fieberhaft arbeiten der junge Polit-Berater Stephen Meyers (Ryan Gosling) und der erfahrene Wahlkampfleiter Paul Zara (Philip Seymour Hoffmann) daran Gouverneur Mike Morris (George Clooney) den entscheidenden Vorsprung gegenüber dem Gegenkandidaten zu verschaffen.

Kein Zufall ist es dabei, dass "The Ides of March" den Vorwahlkampf um den Bundesstaat Ohio ins Zentrum rückt. Entscheidend war der Gewinn dieses bevölkerungsreichen Industriestaates nicht nur immer wieder bei den Vorwahlen, auch bei den Präsidentschaftswahlen gab dieser "Swing State" immer wieder den Ausschlag. Seit 1892 sind nur zwei Kandidaten ins Weiße Haus eingezogen, die in Ohio nicht gesiegt haben.

Clooney präsentiert den von ihm selbst gespielten Mike Morris als aufrichtigen und fortschrittlichen Amerikaner, offen für alle Religionen, nur der amerikanischen Verfassung verpflichtet, Befürworter der Homo-Ehe und Gegner der Todesstrafe sowie entschiedener Kämfer für neue Technologien, um so nicht mehr vom Öl aus dem Mittleren Osten abhängig zu sein. Mit Frau und Kind zeigt er sich bei seinen öffentlichen Auftritten und lehnt einen Deal mit einem ihm missliebigen Senator entschieden ab.

Aber nicht nur das Bild des Strahlemanns bekommt bald Risse, vielmehr lässt Clooney mit den Augen Meyers den Zuschauer auch hinter die schmutzigen Praktiken im Wahlkampf blicken, deckt schonungslos auf, wie hier intrigiert, manipuliert und verraten wird, lässt Wahlkampfhelfer bald tief stürzen und dann wieder, nachdem sie gelernt haben, die Moral über Bord zu werfen und selbst mit den schmutzigen Tricks zu arbeiten, wie Phönix aus der Asche ganz groß aufsteigen.

An shakespearesche Königsdramen erinnert dieses Politdrama ebenso wie an ein Schachspiel, in dem Nebenfiguren rücksichtslos geopfert werden, und spielt freilich im Titel "The Ides of March" auch auf die Ermordung Caesars an - auch wenn das Ende hier ganz anders aussieht. Das Privatleben der Figuren wird konsequent ausgespart, ganz auf die öffentliche Ebene beschränkt sich der Film. Die Einblicke, die dabei in das politische Intrigen- und Machtspiel geboten werden, überraschen zwar kaum und an Brisanz und Sprengkraft mag es "The Ides of March" damit zwar fehlen, packend inszeniert ist das dennoch.

Das liegt nicht nur an der ebenso konsequenten wie sachlich-nüchternen Erzählweise, sondern ganz entscheidend auch am exzellenten Ensemble. Während Clooney als Präsidentschaftskandidat eher eine Nebenrolle spielt, brillieren Philip Seymour Hoffmann und Ryan Gosling als seine Wahlkampfleiter ebenso wie Paul Giamatti als ihr Gegenpart auf der Seite des Konkurrenten. Während Giamatti und Hoffmann abgeklärte Profis spielen, verkörpert Shooting Star Gosling eindringlich Meyers Wandlung vom idealistischen Politberater zum eiskalten Karrieristen. Im starken Finale taucht Clooney diesen jungen Aufsteiger in kaltes Licht und vermittelt seine Ambivalenz im nur halbseitig ausgeleuchteten Gesicht.

Wie schon in seiner Abrechnung mit der McCarthy-Ära "Good Night, and Good Luck", die auch dezidiert als Kritik an den Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten nach 9/11 zu lesen war, präsentiert sich Clooney auch hier wieder als aufrechter Amerikaner, der der amerikanischen Politik die Rute ins Fenster stellt. Schon lange wollte der 50-Jährige Beau Willimons Theaterstück "Farragut North" verfilmen, doch in die Begeisterung um die Obama-Kandidatur passte so ein Film nicht.

Drei Jahre später macht sich freilich längst Ernüchterung in den USA breit. Nichts mehr ist von der Aufbruchstimmung und der Ankündigung des "Change" zu spüren und diese Desillusionierung wird in "The Ides of March" im kalten Winterlicht und den kalten Farben spürbar. Keine Hoffnung auf einen Wandel und einen Neubeginn gibt es hier am Ende, nicht Anstand und Gerechtigkeit, sondern der Skrupelloseste und Gerissenste setzt sich hier letztlich durch.

Läuft derzeit im Metrokino Bregenz

Trailer zu "The Ides of March"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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