15. Oktober 2019 - 4:51 / Ausstellung / Sonstige 
19. Oktober 2019 1. März 2020

Die Sonderausstellung „Ikonen. Was wir Menschen anbeten“ (19. Oktober 2019 – 1. März 2020) realisiert ein radikales Konzept: Erstmals wird die gesamte Kunsthalle Bremen mit ihren rund 4.500m2 Fläche mit einer einzigen Ausstellung bespielt. In jedem der 60 Räume wird jeweils nur ein bedeutendes Werk präsentiert – von der russischen Ikone bis Jeff Koons. Die Ausstellung geht anhand von einzigartigen Kunstwerken aus neun Jahrhunderten der Frage nach, wie sich auch heute noch mit dem Begriff der Ikone kultische Verehrung und die Idee des Übersinnlichen verbinden. Durch die einmalige Inszenierung besteht die Möglichkeit die spirituelle Kraft von Kunst in konzentrierten Begegnungen unmittelbar zu erfahren.

Ursprünglich wird als Ikone ein religiöses Andachtsbild bezeichnet. Nach ostkirchlicher Auffassung ist Gott in der Ikone unmittelbar gegenwärtig und somit wird ihr eine besondere Aura zugesprochen. Tatsächlich soll die Ikone Wunder vollbringen können. Heute hat sich der Begriff weitgehend von den Heiligenbildern gelöst und wird inflationär in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. So kann heute fast alles und jeder eine Ikone sein: Von Schauspielern und Popstars über Eventarchitektur und Kunstwerken bis hin zu Marken und Produkten.

Die Ausstellung „Ikonen. Was wir Menschen anbeten“ präsentiert pro Raum jeweils ein Meisterwerk oder eine zusammenhängende Werkgruppe. Die Werke drücken auf ihre eigene Art Aspekte der Spiritualität, Andacht und Ehrfurcht aus – von der russischen Ikone und mittelalterlichen Reliquien über Caspar David Friedrich, William Turner, Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Francis Bacon, Mark Rothko, Yves Klein, Joseph Beuys bis hin zu Andy Warhol, Niki de Saint Phalle, Bill Viola, Isa Genzken, Andreas Gursky und Jeff Koons. Weltberühmte Leihgaben stammen aus bedeutenden Museen wie dem San Fransisco Museum of Modern Art, der Tretjakow-Galerie in Moskau, der Tate in London, dem Stedelijk Museum und dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem Louisiana Museum in Kopenhagen, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und zahlreichen Privatsammlungen. „Alltagsikonen“, wie Muhammad Ali, Beyoncé oder Karl Marx, ergänzen die Auswahl. Das traditionelle Bildkonzept der Ikonen wird so mit dem Phänomen der Ikonisierung in unserer alltäglichen Lebenswelt kontrastiert.

Die Besucherinnen und Besucher haben die einmalige Möglichkeit, im Rundgang durch 60 Galerieräume die abwechslungsreiche Architektur der Kunsthalle Bremen neu zu erleben und die spirituelle Kraft der Kunstwerke direkt zu erfahren. In der Ausstellung wird das Museum selbst zum Ort der intensiven Begegnungen durch Entschleunigung, Kontemplation und Reflexion.

Die Facetten der Ikone – Am Beispiel von sechs Exponaten
Im Alten Testament wird zwar ein Bilderverbot formuliert, die Ikone bildet jedoch eine Ausnahme, da sie der Legende nach nicht von Menschenhand geschaffen wurde – Christus selbst soll den Abdruck seines Gesichts auf einem Tuch hinterlassen haben, das er an König Abgar von Edessa sandte, um ihn von einer schweren Krankheit zu heilen. Später wurde das Tuch eingemauert und erst Jahrhunderte später wiederentdeckt. Bei seiner Freilegung hatte sich der Gesichtsabdruck Christi auf einen Ziegel übertragen, was die Echtheit und Wunderkraft des Tuches zu beweisen schien. Das „Mandylion“ gehört zur Gruppe der sogenannten acheiropoieta, der nicht von Menschenhand gemachten Bilder. Es ist in der Bremer Ausstellung durch eine bedeutende russische Kopie vertreten.

Van Gogh zählt zu den bekanntesten Künstlern überhaupt und kann sowohl als Malerikone bezeichnet werden wie auch als Inbegriff des missverstandenen und gequälten Genies gelten. Im ausgestellten Selbstbildnis von 1887 inszenierte sich der Maler als Heiliger und verweist zugleich auf sein problematisches Seelenleben. Das Bildnis belegt, wie van Gogh seine Selbstporträts nutzte, um seine Persönlichkeit zu reflektieren und damit gleichzeitig zum Verständnis des leidenden und doch übermenschlichen Künstlergenies beitrug.

Im Jahr 1915 stellte Kasimir Malewitsch sein berühmtes „Schwarzes Quadrat“ in Sankt Petersburg aus und platzierte es oben in der östlichen Ecke des Ausstellungsraumes – in der „heiligen“ Ostecke hängt traditionell die russische Ikone. In seiner radikalen Abstraktion und Präsentation des Werks setzte Malewitsch sich mit den Traditionen der religiösen Andachtskunst auseinander und schuf zugleich eine „Ikone der Kunstgeschichte“.

Marcel Duchamp funktionierte 1917 ein gewöhnliches Pissoir zum Kunstwerk um. „Fountain“ wurde allein dadurch zur künstlerischen Arbeit, dass der Künstler das Urinal im Kontext einer Ausstellung in der Horizontalen präsentierte, signierte und mit einem Titel ausstattete. Duchamp stellte den Kunstbegriff damit radikal in Frage und löste einen Eklat aus. Heute zählt „Fountain“ zu den bedeutendsten Werken der Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Werk ist schließlich in genau jene „Kunsttempel“ eingezogen, die der Künstler ursprünglich kritisieren wollte.

Barnett Newman ist berühmt für seine monumentale Farbflächenmalerei. Er wünschte sich, dass die Betrachter möglichst nahe vor den Gemälden stehen, so dass die Bildgrenzen nicht mehr wahrnehmbar sind. Sein Ziel war es durch eine entgrenzende Erfahrung ein überwältigendes und transzendentales Erlebnis hervorzurufen. Seine Gemälde sind schon mehrfach vandalistischen Attacken zum Opfer gefallen, wie auch das provokativ betitelte „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue III“ von 1968/69.

Thomas Struth fotografierte im Jahr 2005 Besucher und Besucherinnen in der Eremitage in Sankt Petersburg. Die Menschen betrachten im Museum ein Madonnenbildnis, das heißt ein ehemals für einen religiösen Kontext und zur Verehrung geschaffenes Kunstwerk. Struth reflektiert in seinen Fotografien, wie sich die Wahrnehmung eines ursprünglich spirituell aufgeladenen Kunstwerks durch unterschiedliche Präsentationsorte wandeln kann.

Themenräume
Die Kunstwerke in der Ausstellung werden ergänzt durch alltägliche „Ikonen“. So untersuchen vier Themenräume verschiedene Aspekte des heutigen Ikonen-Begriffs: Es werden zum einen ikonische Personen und Momente der letzten 150 Jahre vorgestellt. Von Politikern über Schauspieler, Musiker und Sportler bis hin zu Naturwissenschaftlern – gewisse Gesichter kennt jeder. Das Gleiche gilt für Fotografien von zentralen Momenten der Menschheitsgeschichte, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingeprägt haben.

Ein zweiter Schwerpunkt widmet sich den privaten Leidenschaften für Personen oder Objekte, die sich in individuellen „Hausaltären“ manfestieren. Fotografien von Hausaltäre, die Besucherinnen und Besuchern dem Museum zur Verfügung gestellt haben, zeigen, wie wir verehren, zelebrieren und inszenieren. Ob Lady Gaga, der SV Werder Bremen oder Schneekugeln – jeder Hausaltar ist anders und signalisiert das Gleiche: Ich verehre!

Ein weiterer Themenraum reflektiert, wie populäre Produkte oder ikonische Marken unser Leben subtil erobert haben und wie sie sowohl unseren kollektiven als auch individuellen Wissens- und Erfahrungsschatz geprägt haben. Gewisse Jingles, Slogans, Gerüche oder Formen assozieren wird intuitiv mit konkreten Marken.

Die Ikonisierung des Ichs ist heute dank des Internets und der sozialen Medien für alle möglich. So thematisiert ein weiterer Raum die Welt der Influcencer und Social-Media-Stars.

Katalog: Anlässlich der Ikonen-Ausstellung erscheint ein Katalog (Deutsch/Englisch) im Hirmer Verlag, herausgegeben von Christoph Grunenberg und Eva Fischer-Hausdorf. Der Ausstellungskatalog versammelt neben Abbildungen und Werktexten zu allen Exponaten auch Essays ausgewählter Autoren und Autorinnen aus dem Bereich der Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft und Literatur. Der Katalog ist ab Ausstellungsbeginn für € 35 im Museumsshop erhältlich (Deutsch: ISBN 978-3-7774-3394-3 | Englisch: 978-3-7774-3396-7).

Ikonen. Was wir Menschen anbeten
19. Oktober 2019 bis 1. März 2020

Kunsthalle Bremen
Am Wall 207
D - 28195 Bremen

T: 0049 (0)421 32908-0
F: 0049 (0)421 32908-47
E: office@kunsthalle-bremen.de
W: http://www.kunsthalle-bremen.de/

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  •  19. Oktober 2019 1. März 2020 /
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