24. Januar 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Den amerikanischen Bürger zu kontrollieren, war das Hauptziel des FBI-Gründers J. Edgar Hoover, doch niemanden und nichts kontrollierte er laut Clint Eastwoods Biopic mehr als sich selbst. Der 81-jährige Altmeister verknüpft meisterhaft Fakten aus der 50-jährigen beruflichen Geschichte Hoovers mit einem Blick in die Psyche. Im Zentrum: ein großartiger Leonardo Di Caprio.

Nicht "Hoover" oder "J. Edgar Hoover" titelt Clint Eastwood sein Biopic über den Mann, der als FBI-Chef acht Präsidenten überlebte und der angeblich von sich selbst sagte, ihm sei egal, wer unter ihm Präsident der USA sei. Der Titel "J. Edgar" macht von vornherein klar, dass Eastwood auch den Menschen hinter dem mächtigen Beamten zeigen will, dass es nicht um ein Abhaken von Fakten gehen kann, sondern auch um die psychische Disposition Hoovers gehen muss.

Die Erzählperspektive ist dabei von Anfang an festgelegt, wenn J. Edgar Hoover Anfang der 70er Jahre einem seiner jungen Agenten seine (fiktiven) Memoiren diktiert. Nicht chronologisch werden dabei die Ereignisse von 1919 bis in 70er Jahre aufgerollt, sondern zwischen den Zeiten wechselnd, wobei man durch das wechselnde Alter der Figuren immer gut den Überblick behält.

Vorgegeben ist mit dieser Erzählweise auch, dass "J. Edgar" nicht zu einer bissigen Abrechnung mit dem Machtmenschen Hoover werden wird. Nüchtern und wertneutral ist Eastwoods Blick auf seinen Protagonisten, der von Leonardo DiCaprio im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert wird. DiCaprio lebt sich in die Figur des FBI-Direktors völlig hinein. Hier passt jeder Satz, überzeugt jede Bewegung, egal ob als junger oder alter Hoover. Er ist das Zentrum des Films, um ihn herum altern seine Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts) und sein Stellvertreter Clyde Tolson (Arnie Hammer), mit denen er sein Leben lang zusammenarbeitete.

Wie Hoovers Leben ohne große Veränderungen verlief, Washington DC immer sein Wohnort blieb, so blieb auch seine ultrakonservative politische Einstellung konstant. Gegen die Kommunisten wetterte er 1970 nicht anders als 1919, warnte immer wieder davor, dass die Kriminalität die USA in den Abgrund stürzen würde, und sah auch in der Bürgerrechtsbewegung eine Gefahr für die Stabilität des Staates. Diese Angst und dieser Hass erscheinen nach außen hin als Triebfeder für sein Bestreben den FBI zu revolutionieren und moderne Techniken wie das Anlegen von Verbrecherkarteien und Fingerabdrücken einzuführen.

Eastwood schildert in gelassenem Erzählrhythmus und von Kameramann Tom Stern meisterhaft in fast auf Schwarzweiß reduzierten desaturierten Bildern gefilmt die zentralen beruflichen Ereignisse in Hoovers Leben von den Massenverhaftungen und der Deportation der Anarchistin Emma Goldman nach den Palmer Raids 1919 über den Kampf gegen die legendären Verbrecher der späten 1920er und frühen 1930er Jahre und die Entführung des Lindbergh-Babys bis zur Durchsetzung moderner Abhörtechniken.

In einer Linie mit dem Leinwandhelden James Cagney sah sich Hoover dabei gerne, Ausschnitte aus "Public Enemy" oder "G-Men" verweisen auf diesen Referenzrahmen. Doch das öffentliche Bild Hoovers, das hier entsteht, bricht Eastwood wieder, wenn er Clyde Tolson dem mächtigen Chef und Freund, mit dem er täglich zu Mittag und zu Abend aß, vorwerfen lässt, dass er sich nur medial inszeniere, sich Taten zuschreibe, die er nie vollbracht habe.

Aber Eastwood zeigt eben auch die andere Seite Hoovers, zeigt ihn privat als einen Mann, der sich nie von seiner gluckenhaften Mutter (Judi Dench) befreien kann. Als er ihr gegenüber seine homosexuelle Neigung andeutet, macht sie ihn nieder. Eine ebenso abgründige wie denkwürdige Szene gelingt Eastwood, wenn J. Edgar nach dem Tod seine Mutter ihre Kleider und ihren Schmuck anzieht und dann verzweifelt zusammenbricht.

Bewusst im Vagen bleibt der Film dagegen in der Beziehung zwischen Hoover und seinem Stellvertreter Tolson. Mehr als eine Hand auf dem Bein des anderen während einer Taxifahrt, ein Kuss Tolsons oder die Tatsache, dass sie auf Dienstreisen das Bett teilten, zeigt Eastwood nicht, doch die Blicke sprechen Bände, deuten eine Beziehung zwischen den beiden Männern an, die über die berufliche und freundschaftliche weit hinausging, doch der Schwulenhasser Hoover konnte sich wohl nie durchringen, diese Liebe zu gestehen.

So erzählt "J. Edgar" nicht nur von einem Machtmenschen, sondern im Kern von einem ungelebten Leben, von einem Menschen, der alle anderen kontrollieren will, mit seinem Wissen sogar Präsidenten wie Franklin Roosevelt oder John F. Kennedy unter Druck setzt, letztlich aber vor allem sich selbst kontrolliert, verdrängt, was er nicht wahrhaben will und mit dem Machtstreben die Verdrängung kompensieren will. – Sympathisch wird einem der FBI-Gründer deshalb noch lange nicht, aber in seiner Zerrissenheit und Ambivalenz ein Charakter, den man nicht so schnell vergisst.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu J. Edgar

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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