verfasst von Haimo L. Handl / 30. September 2007 - 7:35 / Wort zum Sonntag
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Am Theater kann man ziemlich gut gesellschaftliche Geschmäcker ablesen und auch soziale Befindlichkeiten. Durch die Stückwahl einer Saison, durch die Art der Inszenierungen, aber vor allem durch die Reaktionen des Publikums und die Kritik in den Medien. Nur noch Musik, besonders die populäre, gibt soviel her für solche Auskünfte. Kein anderes künstlerisches Medium.

Die "Klassiker" bilden seit Generationen einen festen Bestandteils des Programms. Aber es gibt Verschiebungen. Wenn in vielen "wichtigen" Theaterstätten plötzlich ähnliche oder gleiche Stücke Premiere haben, gibt das zu denken. Wenn Inszenierungsstile sich angleichen, als ob die Globalisierung einheitlich, gleichgeschalten und gleichschaltend regiere, sollte das zum Nachdenken geben.

Dass es modisch wurde, nicht mehr denken und reflektieren zu sollen, sondern an Spass, ablenkender Unterhaltung sich zu "entspannen" bzw., wenn schon spannen, dann in vorgegebenen Rahmen, wenn teuerste Technik und blendendster Glamour Substanz (Botschaft, Aussage, Moral) ersetzen, und somit alles sich einpasst in die Seichtheit, die man von der TV-Kultur gewöhnt ist, dann fallen Unterschiede als Absonderlichkeiten um so stärker auf, manchmal sogar jenen, denen alles gewohnt ist, weshalb sie nicht merken, dass und wie "gewöhnlich" sie sind.

Es könnte sein, dass die billige Überfütterung mit teuren technischen Mätzchen wieder zu einer Art "art brut" führt, zu einem reduzierten Inszenierungsstil der vorgibt, radikal zur Wurzel zu graben, in Tiefen zu tauchen, den Kern herauszuschälen. Gab es, erfolgreich, wird es wieder geben.

In London wurden gerade von Samuel Beckett fünf ganz kurze Stückchen, "Fragments" aufgeführt. In der Kritik fand ich interessant, dass, ohne am Nimbus des anerkannten Meisters und Nobellaureaten herumzumäkeln, doch eine bedingte Schwäche oder Dünnheit kritisiert wurde. Becketts Stücke sind teilweise alt, obwohl einige "klassisch" und damit vermeintlich zeitlos wurden. Fünfzigerjahregeist. Der wirkte im entsprechenden gesellschaftlichen, historischen Umfeld besonders. Wie wirkt er heute? Immerhin so, dass die verhunzende Fledderei wie mit den echten Klassikern (noch) nicht so leicht möglich ist.

Im New Statesman notierte ein Kritiker, dass die Stückchen auch diesmal eine Beckettgemeinde zur Begeisterung führen, sonst aber niemanden. Er hatte ein wichtiges Fänomen benannt: Fans. Die immer kommen, immer klatschen, immer hysterisch werden, immer in Ohnmacht fallen. Entsprechungen gibt es nicht nur bei den Kindern oder noch unreifen Jugendlichen, sondern vor allem im Sport, wo auch Erwachsene zu Adoleszenten regredieren oder beim Grossteil des sogenannten Elitepublikums, das zwar nicht kreischt, aber ebenso unvernünftig und stereotyp auf gewisse Stimuli reflexartig antwortend, die immergleichen Festivals besucht um sich im trauten Kreise wiederzufinden und, wie all die andern, die "niederen" Gewöhnlichen, nicht wirklich reflektiert oder denkt (es wohl auch nicht vermöchte). Die "feinen Unterschiede" entwachsen anderen Wurzeln.

Feinsinnig bemerkte der Kritiker die Stellung Peter Brooks, des Regisseurs des besprochenen simplen Beckettabends, der von der Theaterwelt, also von seinen Fans, die offensichtlich auch im Theater und nicht nur im Publikum stark sind, mit Gott verglichen werde. Stardust. Servilität. Bewunderung oder Wertschätzung sind anders. Mit Göttern kann man nicht reden. Da darf man nur beten.

Dass in der Kritik dieser Umstand erwähnt wurde, gar nicht aufgeregt, sondern nebenbei, zeigte mir einen Unterschied zur hiesigen Szene. Bei uns liesse sich das unfreie, unreife Getue vieler Regietheaterprinzen nicht so leicht fassen oder anmerken. Das führte zu empfindlichen Reaktionen. Der Schnösel Hartmann, ein Seitenblicketyp fürs Burgtheater, meinte dort schnippisch nach dem Reinfall seiner Romeo-und-Julia-Show, dass, was den Bayern die Lederhose ist, den Wienern ihre Niedertracht sei. So einfach, so frech. So akklamiert.

Beckett hatte schrittweise sein Werk reduziert. Der Zeit entsprechend wurde die Kargheit der Sprache als hohe Dichtung verstanden. Vielleicht erlaubt die Distanz jetzt eine neue Wertung. Ähnlich wie bei Ionesco, dem anderen Vater des absurden Theaters, lässt sich heute doch feststellen, dass die Sprache oft unbeholfen, holprig ist, und vielleicht doch ein Fehlen, eine gewisse Leere, damals attrahierte, die, wie vieles Stumme, als bedeutsames Schweigen missinterpretiert worden war.

Als ich als Junger, in Kenntnis einiger Beckett-Stücke, im Fernsehen damals seine ganz kurzen Stücke sah, vor allem die wortlosen, imponierte mir die extreme Reduktion. Sie begeisterte mich. Doch das Stückchen "Atem" fand ich, müsste, wenn konsequent weitergeführt, das Nichts, das Leere selbst auf die Bühne bringen bzw. die Bühne lassen, wie sie ist, leer. Das Endziel Becketts schien mir folgerichtig kein Beckett, weder als Autor, noch als ein Stück von ihm. Nichts. Reduktion. Das Leben als Sinnbild mit dem Tod in sich. Ohne Zutun. Das Sein als Nichts. Bevor er soweit kam, starb Beckett und behielt seinen Ruhm.

Die Auseinandersetzung mit der Reduktion wäre aber lohnend, vor allem in Zeiten des Überflusses, des dümmlich-kindischen Technozaubers und teuren Glamours. Aber Spasskultur und Einfachheit vertragen sich nicht. Vielleicht konnte man das in London auch feststellen (anders als in Wien, wo vor einigen Jahren Luc Bondy seine Godot-Inszenierung nahtlos ins breite Festwochenprogramm zu integrieren vermochte).