24. Februar 2020 - 14:12 / Ausstellung / Malerei / Skulptur 
15. Februar 2020 16. August 2020

Geheimnisvolle und rätselhafte Szenen auf riesigen farbenprächtigen Tableaus ziehen uns in ihren Bann. Bühnenartige Räume sind bevölkert von merkwürdigen Figuren, umgeben von Tieren und alltäglichen oder skurrilen Gegenständen.

Jonas Burgert (geboren 1969, lebt und arbeitet in Berlin) zählt zu den Hauptfiguren der aktuellen internationalen Kunstszene. Eigens für die große Einzelschau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck hat er neue monumentale Gemälde und raumgreifende Skulpturen geschaffen. Im Zentrum steht dabei die menschliche Existenz mit all ihren Abgründen, Begierden, Ängsten und Freuden.

Jonas Burgert spürt dem Menschsein nach, der ständigen Suche nach dem Sinn des Lebens und unserer Selbstdefinition. Im Gegensatz zur altmeisterlich perfekten Malweise steht die Menschlichkeit und Verletzlichkeit von Burgerts Figuren. Sie wandeln zwischen Hoffen und Scheitern, werden getrieben von Ängsten, Begierden und existenziellen Fragen, sind verletzt, verwundet und verwirrt. Wir begegnen Antihelden, mit denen wir uns unmittelbar verschwistern. Sie bewegen sich als Einzelkämpfer, in Gruppen oder als regelrechte "Menschenknäuel" auf der Bildfläche. Gelegentlich manieristisch überzeichnet, mit überlangen Gliedmaßen und in verzerrten Formen sind sie eingebettet in absurde, rätselhafte, metaphorische und destruktive Szenerien. Sie alle ringen auf ihre Art um ihr menschliches Dasein – das In-derWelt-Sein. Burgert malt das Schlachtfeld, auf dem sich dieser Kräfte zehrende, psychologische Kampf abspielt.

Auf den monumentalen Leinwänden (vier davon im Format 5,40 m x 3,60 m) breiten sich turbulente Geschehnisse aus, in die Menschen, Tiere, Pflanzen und bizarre Gegenstände verwoben sind. Diese sind teils extrem detailreich und präzise ausgearbeitet, stellenweise bleiben sie aber auch abstrakt. Sie faszinieren und berühren uns und verleihen wie Versatzstücke unzusammenhängender Traumsequenzen den Gemälden etwas Surreales. Ganz unverkennbar verbinden sich Jonas Burgerts faszinierende Gemälde mit den ein Stockwerk höher präsentierten Meisterwerken von Salvador Dalí. Im Themenjahr "Total surreal" vereint beide Künstler die malerische Meisterschaft, akribisch ausgearbeitete Details und ein kaum zu übertreffender Perfektionismus.

Die Kulissen für das Geschehen im Bild sind ruinöse, urbane Landschaften, Interieurs oder architektonische Versatzstücke. Der Schaffensprozess seiner großformatigen Bilder geht häufig vom Ort aus, inspiriert von realer Architektur (z.B. in singt sich, 2020). Ist das Grundgerüst geschaffen, platziert er seine Figuren, die sich ineinander verschlingen oder in starrer Pose verharren, dort hinein. Vorskizzen benötigt Burgert in der Regel nicht, denn seine Sujets entfalten sich direkt auf der Leinwand und werden durch Farb- und Formexperimente verbunden mit Übermalungen weiterentwickelt. Die Kulissen lösen sich partiell in Farb- und Fleckenmuster auf oder bilden stellenweise eine ornamentale Fläche.

In den Porträts im kleineren Format schafft Burgert mit Präzision und einem ausgeprägten malerischen Gespür die schmale Gratwanderung zwischen Stärke und Empfindlichkeit. Vor dunklen, hellen oder farbigen Hintergründen tauchen menschliche Gesichter oder ganze Figuren, wie von einem Spotlight beleuchtet, aus dem dunklen Bildgrund auf. Drapiert mit Vögeln, Insekten oder Fischen, bekommen Arme und Hände teils eine besondere Bedeutung durch eine auffällige Farbigkeit verliehen. Manchmal scheinen sie aus dem Bild herauszugreifen (feinwund, 2019). Die Köpfe sind oftmals mit Pflanzen (schmiege, 2019) oder Bändern (sinn frisst, 2019/ immer, 2014) bekrönt, die an die voluminösen Kopfbedeckungen in den Gemälden Jan van Eycks erinnern. Die dargestellten Personen entspringen keinem realen Gegenüber, sondern gehen auf die Vorstellungskraft des Künstlers zurück. Durch die intime Raumsituation im Kabinett des Arp Museums werden die Besucherinnen und Besucher umkreist von den durchdringenden Blicken der Abgebildeten.

Zwischen Zerstörung und Poesie bewegen sich dagegen Burgerts raumgreifende Skulpturen. Schon am Eingang des Museums, und später nochmal im Außenbereich des Richard Meier-Baus, begegnet uns eine Figur in sonderbarer Haltung und zerfetzter Kleidung (stirnstand, 2012). Sie erscheint wie aus einem der monumentalen Gemälde entsprungen und auch ihr sieht man die destruktive Kraft an, die in den Bildern zu spüren ist. Im Innenraum begegnen wir dann puls spur stop (2012), einer männlichen Figur auf einem Podest, die zu kriechen scheint und deren Arme und Hände unnatürlich in den Raum verlängert sind. Mit erstarrtem Blick bemüht sich die Figur, nach etwas zu greifen und Halt zu finden. In einem konsequenten letzten Schritt verselbständigt der Künstler die herausgreifenden Arme zur eigenständigen Skulptur (staub, 2014). Als Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leiden und Hoffnung bilden diese Skulpturen ein Element des Dazwischen.

Ganz anders sind dagegen die beiden überlebensgroßen Frauenskulpturen (Sie blieb & und blieb, 2019). Schön, geheimnisvoll und anmutig stehen die Zwillingsstatuen wie Wächterinnen in rosa Pastelltönen vor den Bildern im Raum. Faltenwürfe, Bänder und florale Elemente zieren ihre in Kleider gehüllte Körper. Eine der beiden Figuren ist im Begriff zu zerfallen und offenbart die Zerbrechlichkeit ihres Ausgangsmaterials – dem Ton. Die Augen sind geschlossen, in den nach hinten verschränkten Armen halten sie jeweils einen Vogel – entweder beschützend oder gefangen. In ihrer stolzen Haltung und enormen Größe symbolisieren sie die poetische Weiblichkeit. Ähnlich wie im Monumentalgemälde Ihr wir (2020) auf der Lobbywand ist ihre Größe fast ein Drittel überlängt. Eine Darstellung, die zumeist nur heldenhaften Männerfiguren zu Teil wird. Burgert gesteht diese Herrschaftlichkeit jedoch den Frauen zu.

Jonas Burgerts Skulpturen sind in Bronze gegossen und anschließend mit Ölfarbe bemalt. So bleibt er auch als Bildhauer seiner individuellen Handschrift als Maler treu und kreiert einen konsequenten, homogenen Stil durch die verschiedenen Medien hindurch.

Die vielfältigen Dimensionen der menschlichen Existenz scheinen sich in den Bildern und Skulpturen von Jonas Burgert zu vereinen. Der Künstler rückt das Individuum in den Fokus und so tragisch einige Werke vielleicht auch erscheinen mögen, ist es spürbar, dass der Künstler kein Menschenfeind, sondern ein Menschenfreund ist. Unsere Welt ist bunt und dazu gehören auch jegliche Nuancen dunklerer Schattierungen. Toleranz aufzubringen, Verständnis füreinander zu haben, hinzuschauen und achtsam im Umgang miteinander zu sein – all das zählt in der heutigen Zeit sehr viel.

Jonas Burgert. Sinn frisst
15. Februar 2020 bis 16. August 2020
Kuratorin: Jutta Mattern

Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
D - 53424 Remagen

T: 0049 (0)2228 9425-12
F: 0049 (0)2228 9425-21
E: info@arpmuseum.org
W: http://www.arpmuseum.org/

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  •  15. Februar 2020 16. August 2020 /
Jonas Burgert, "Feinwund", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Feinwund", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Ihr Wir", 2020 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Ihr Wir", 2020 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Ruhsuch", 2020 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Ruhsuch", 2020 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Sinn frisst", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Sinn frisst", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Stirnstand", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios
Jonas Burgert, "Stirnstand", 2019 © Jonas Burgert, Foto: Lepkowski Studios