29. September 2019 - 18:20 / Ausstellung 

Unter dem Titel "Joseph Beuys: Intuition und Erleben" präsentiert das Quadrart Dornbirn im Rahmen einer Einzelausstellung über 70 unikatäre Objekte, Editionen und Multiples von Joseph Beuys (1921-1986), einem der zentralen Künstlerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Die ausgestellten Arbeiten sind in den Jahren von 1964 bis 1986 entstanden und stammen aus den Privatsammlungen von Martin Brugger und Erhard Witzel, die zusammengenommen auf einen totalen Bestand von mehr als 300 Beuys-Arbeiten kommen.

Die Editionen und Multiples von Beuys – Alltagsobjekte, Druckgrafik, Postkarten, Plakate, Fotografien, Dokumente, Filme und Bücher – entstanden ab 1964 und nehmen eine Schlüsselstellung im Werk des Künstlers ein, da sie das ganze Spektrum seiner künstlerischen Ideen und politischen Aktivitäten reflektieren. In ihnen paraphrasierte der Künstler die Inhalte und Formen seiner größeren Arbeiten, Aktionen und Performances.

Beuys hat den Begriff des Multiples, eine Kunstform der sechziger Jahre, in der sich künstlerische, soziologische und ökonomische Aspekte vereinen, radikal erweitert und ihr so einen eigenen Inhalt gegeben, nämlich: Das Multiple als Ideenträger! "Intuition", "Aus dem Leben der Bienen", "In Ilverich roch es damals noch nach Gras", "Hirsch und Sonne", "Staeck ist mein politscher Gegner", "Rose für Demokratie", "Frauen mit Schneeschuhen", "Meerengel Spermwal", "Capri Batterie" und "Celtic" sind nur einige wenige Titel der in Dornbirn gezeigten Werke. Titel, die sich dem Betrachter nicht immer direkt erschließen und oft befremdlich und teilweise absurd erscheinen.

Wer sein Wissen und seine Vergleichsmöglichkeiten aus der frühen Moderne zieht und sich mit der Entwicklung der Kunst nach 1950 wenig beschäftigt hat, steht bei der Bildsprache in den Arbeiten von Joseph Beuys vor vielen Rätseln. Die Kunst von Beuys zu vermitteln, egal ob es seine Environments, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Aquarelle oder seine Multiples sind, fällt nicht leicht. Gerade deswegen ist er mit Duchamps der wichtigste Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk basiert auf einem neuen, bis heute mehr denn je aktuellen Begriff "Kunst zu machen" und "Kunst zu betrachten", ohne Exaktheit in der Darstellung und dem traditionellen Realismusbegriff.

Er hat nie versucht endgültige oder besonders schöne Kunstwerke zu schaffen. Übrigens ein Alleinstellungsmerkmal, das ihm kaum jemand streitig macht.
Ganz im Gegenteil versuchte er mit seinen Arbeiten ohne jeglichen Pathos andere Aussageebenen zu generieren, wie unter anderem das Aufwerfen von antroposophischen, politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragen und den Diskurs über Vergänglichkeit und Tod. Und so entstand ein, besser sein erweiterter Kunstbegriff mit allen bekannten theoretischen Denkmodellen.

Beuys entfernte sich damit revolutionär vom traditionellen und konservativen Denken. Er kämpfte als Visionär Zeit seines Lebens für eine bessere Welt. Er wollte Utopien realisieren. Deshalb war sein Credo: Kein Tun ohne Emotion, keine Handlung ohne Nachdenken, keine Tat ohne Zögern, keine Aktion ohne Spontanität, kein Tun ohne Kreativität. Die damit von ihm verbundene Hoffnung mündete in: Wahrheitssuche, Selbstverwirklichung des Menschen, Lustgewinn, Rationalität, Intelligenz und Kreativität.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die exemplarische Auswahl der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten und macht sich dann noch bewusst, auf was man schaut, erschließen sich die Berührungsebenen. Das Verständnis wächst, Vertrautheit wird spürbar, die direkten und radikalen Bildaussagen verlieren das Beängstigende und Bedrohliche. Trotzdem ist Beuys nur verständlich im Zusammenhang mit seinen dargestellten Ideen. Beuys fordert, dass die Rezeption seiner Kunstwerke nur verständlich ist, wenn sie als Funktion seiner Ideen verstanden wird. Zitat: "Ich versuche auf dem Papier eine Sprache zu entwickeln, die eine Anregung dazugibt, Weitergehendes in die Diskussion zu bringen. Ich stelle Fragen, ich bringe Sprachformen aufs Papier, ich bringe auch Empfindungs-, Willens- und Denkformen aufs Papier und versuche damit Anregung zu geben. Ich will also stimulieren, ich will provozieren." (1)

Diese Provokationen sind keineswegs als Selbstzweck zu sehen, sondern als ein Prozess, der dem des Therapeuten nicht unähnlich ist. Er selbst liefert jedoch keineswegs Interpretationen für seine Arbeiten, obwohl es von ihm zahlreiche Schriften zu seinen Werkgruppen gibt. Es geht ihm mehr um das Werk, als um das Wort. "Interpretationen halte ich für schädlich. Man kann etwas beschreiben, etwas sagen über die Intention, dann kommt man am dichtesten an die Kraft heran, die noch etwas bei den Dingen lässt, damit sie etwas bewirken können", so Beuys. (2)

Seine Kunst bleibt, was eindrücklich in der Ausstellung im Quadrart Dornbirn vermittelt wird, bis heute lebendig und herausfordernd. Sie zwingt auch ohne seine persönliche Präsenz zur Auseinandersetzung und Stellungnahme denn sie ist nie nur Wohnzimmerdekoration. Wäre sie das, würde sein erweiterter Kunstbegriff nicht funktionieren.

An Beuys scheiden sich die Geister. Es gibt bis heute keine Anhaltspunkte für eine Änderung dieses Zustandes. Er war zu Lebzeiten ein großer Beweger, von dessen Visionen und seinem Schaffen bis in die Gegenwart noch große Impulse ausgehen, ein Charismatiker, der viele in den Bann schlägt und viele beunruhigt.
(Erhard Witzel)

Fußnoten
(1) Theodora Vischer, Beuys und die Romantik – Individuelle Ikonographie, Individuelle Mythologie?, Köln, 1983, Seite 9
(2) Vischer, Seite 9

Ansichten XXXIV:
Joseph Beuys: "Intuition und Erleben"
Arbeiten von 1964 bis 1986
Bis 13.11. 2019

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