16. Oktober 2019 - 8:18 / Architektur / Ausstellung 
17. Oktober 2019 24. Februar 2020

Nach der Befreiung Österreichs im Frühjahr 1945 und der Besetzung durch die vier Siegermächte Großbritannien, Frankreich, USA und Sowjetunion wurde Wien zu einem zentralen Schauplatz des Kalten Krieges. Der Wettstreit der Systeme wurde auch auf dem Feld der Architektur ausgetragen. Die Ausstellung „Kalter Krieg und Architektur“ zeigt das Baugeschehen im Nachkriegs-Österreich sowie dessen Akteur_innen und Debatten erstmals im Kontext des globalen Ost-West-Konflikts.

Während der zehnjährigen Besatzungszeit fand in Österreich der Übergang von einem autoritären Herrschaftssystem zu einer demokratischen Konsumgesellschaft statt. Erstmals wird gezeigt „wie maßgeblich die Kulturarbeit der Alliierten die österreichische Nachkriegsarchitektur beeinflusste“ so Monika Platzer, Kuratorin der Ausstellung. Jede der vier Siegermächte etablierte ein umfangreiches Kulturprogramm. Architekturausstellungen und Messepräsentationen spielten dabei eine wichtige Rolle und brachten ideologisch aufgeladene Vorbilder nach Wien, von raumplanerischen Konzepten bis zu Küchenmodellen, von Hochhäusern bis zu Gartenstädten, von neuesten industriellen Fertigungstechniken bis zu Wohn- und Lebensstilen.

In der Ausstellung „Kalter Krieg und Architektur“ wird klar: In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war Wien keine graue, vom internationalen Leben abgeschnittene Stadt. Ganz im Gegenteil: Die lokale Architekturszene konnte Le Corbusier live erleben, die Londoner Stadterweiterungspläne mitverfolgen und das „Zimmer für Stalin“ besichtigen. Der Kalte Krieg verhalf Österreich zu einer gesellschafts- und kulturpolitischen Internationalisierung, stets unter dem Vorzeichen, dass die Kulturpolitik der Briten, Amerikaner, Franzosen und Sowjets als Katalysator für ihre jeweilige weltanschauliche Gesinnung diente. Ihre kulturellen „Erziehungsmaßnahmen“ richteten sich an unterschiedliche Zielgruppen, von der Fachöffentlichkeit bis zur breiten Bevölkerung. Dabei stießen sie auf lokale Traditionen, Interessen und Netzwerke, welche die Konflikte des Kalten Krieges für ihr eigenes professionelles Fortkommen nutzten. „Die Ausstellung verändert den Blick auf die österreichische und die globale Architekturgeschichte“, resümiert die Direktorin des Architekturzentrum Wien Angelika Fitz.

In vier Zonen gegliedert, geht die Ausstellung „Kalter Krieg und Architektur“ der kulturellen Selbstdarstellung der Alliierten und ihren Einflüssen auf die österreichische Architektur nach. Der Kampf der Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg war allumfassend und setzte sich im kulturellen Wettrüsten zweier transnationaler Netzwerke der Moderne, der CIAM-Austria und der Internationalen Hochschulwochen (heute Europäisches Forum Alpbach) fort. Viele Fotografien, Pläne, Filme und Originalzeichnungen werden in der Ausstellung erstmals gezeigt, darunter zahlreiche Materialien aus der Sammlung des Architekturzentrum Wien. In der transnationalen Zusammenschau ergeben sie ein Sittenbild der Nachkriegsmoderne. Ergänzt wird die umfassende Schau durch eine Zeitleiste mit den globalen Ereignissen des Kalten Krieges.

Der Kalte Krieg endete nicht mit dem Abzug der Alliierten 1955. Das neutrale Österreich blieb weiterhin Schauplatz des Politdialogs zwischen Ost und West. Zu den Begleiterscheinungen einer zunehmend aktiveren österreichischen Außenpolitik unter Bruno Kreisky (Außenminister 1959–1966) zählen die Architekturexporte in Richtung Südostasien und Naher Osten. Sie werden in der Ausstellung in einem Ausblick beleuchtet.

Die vier Zonen der Ausstellung

Großbritanniens Beitrag zum sozialen Aufbau
Angesichts der kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwächung und des Wettstreits mit den anderen Siegermächten setzten die Briten auf ein modernes dynamisches Bild ihres Landes, das den Anspruch erhebt, die Nachkriegsordnung aktiv mitzugestalten. Der britische Weg eines demokratischen Wohlfahrtsstaates präsentierte sich als Alternative zum autoritären Nationalsozialismus, zum totalitären Kommunismus und zu einem Laissez-faire-Kapitalismus. Die Übernahme britischer Planungskonzepte passt sowohl zur Westintegration Österreichs als auch zum ideologischen Naheverhältnis der SPÖ zur britischen Labour Party. So dienten der „Greater London Plan“ und die „New Towns“ als Referenzbeispiele für den planerischen Neubeginn Wiens als gegliederte und aufgelockerte Stadt. Das ermöglichte vielen Architekt*innen, auf ihren Planungen aus der NS-Zeit aufzubauen, ohne jedoch mit den ursprünglichen ideologischen Motivationen in Verbindung gebracht zu werden.

Frankreichs Beitrag zum Aufbau einer Elite
Im Gegensatz zu den anderen Besatzungsmächten zeichnete sich die französische Kulturoffensive durch eine stark personalisierte Kulturpolitik aus. Sie wurde vor allem von drei Protagonisten getragen, dem Besatzungschef Marie Émile Antoine Béthouart sowie den Leitern der Kulturinstitute (Institut français) in Wien und Innsbruck, Eugène Susini und Maurice Besset. Der Fokus lag auf der Betonung von Gemeinsamkeiten der Kulturnationen Frankreich und Österreich, einhergehend mit einer Abgrenzung von Deutschland. Aber während britische Planungskonzepte in der vom Wiener Stadtbauamt herausgegebenen Zeitschrift „Der Aufbau“ breite Präsenz erhielten, gab es nur wenig Berichterstattung über französische Architektur. Das offizielle Wien stand den planerischen Ideen Le Corbusiers kritisch gegenüber. Das zeigte sich u.a. bei seinem Auftritt in Wien 1948. Auch an den Universitäten war die Auseinandersetzung mit seinem Œuvre verpönt, von jungen Architekt*innen wurde es hingegen mit Begeisterung aufgenommen.

Der Beitrag der USA zu einem „besseren Leben“
Das erklärte Ziel der Amerikaner galt dem Aufbau eines antikommunistischen demokratischen Europas. Die Wohn- und Konsumkultur spielte eine tragende Rolle in der Etablierung des „American Way of Life“. Gleichzeitig eilte der USA der Ruf „einer kulturellen Wüste“ voraus. Darin offenbarte sich eine in Europa weitverbreitete Skepsis gegenüber der „jungen“ Nation, der eine Hochkultur fehle. Mit einem umfangreichen Organisations- apparat für Öffentlichkeitsarbeit, der Information Services Branch (ISB), steuerte die amerikanische Regierung dem entgegen. Die amerikanische Moderne erhielt ihre großen Auftritte in Wien mit der Ausstellung „Architektur der USA seit 1947“ im Jahr 1952 und der aus den Sammlungen des MoMA bestückten Schau „Moderne Kunst aus USA“ im Jahr 1956. Die Mustersiedlung Veitingergasse (1952–1954) im 13. Wiener Gemeindebezirk von Carl Auböck und Roland Rainer wurde als gesellschaftlicher Gegenentwurf der USA zur gängigen Wohnform des Wiener Miethauses errichtet.

Der „freundschaftliche“ und „friedfertige“ Beitrag der Sowjetunion
Wien wurde im April 1945 durch die Rote Armee eingenommen und von der NS-Herrschaft befreit, aber anders als die Amerikaner begannen die Sowjets erst ab 1950 mit dem Aufbau von Informationszentren. Dominierende Themen waren die Aufbauleistungen der UdSSR mit ihren technischen Errungenschaften. Von Wolkenkratzern bis zu Wohnhäusern in Schnellbauweise wurde der Idealstaat des Sozialismus propagiert. Der parteien- und klassenübergreifende Konsens des Antikommunismus der Zweiten Republik verunmöglichte die Rückkehr einer kosmopolitischen, oft jüdisch und links orientierten Architekt_innenschaft. Die wenigen Architekt_innen, die sich unter der Schirmherrschaft der KPÖ einfanden, wurden von den großen Bauvorhaben der Gemeinde Wien ferngehalten. Das Denkmal am Schwarzenbergplatz ist die bekannteste, aber nicht die einzige bauliche Manifestation der UdSSR in Österreich. Bereits 1957, noch vor dem Gipfeltreffen von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow im Jahr 1961, fand eine direkte Konfrontation zwischen Ost und West auf der Wiener Herbstmesse statt. Die USA errichtete den amerikanischen Pavillon in direkter Nachbarschaft zum bereits 1952 gebauten „Pavillon der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“.

Kalter Krieg und Ar­chi­tektur
Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945
17. Oktober 2019 bis 24. Februar 2020

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, im MQ
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52231-15
F: 0043 (0)1 52231-17
E: office@azw.at
W: http://www.azw.at/

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