2. Oktober 2007 - 4:43 / Walter Gasperi / Filmriss
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Im November 1977 schien die Welle des Terrors von Deutschland auch nach Österreich überzugreifen: Drei Studenten entführten den Industriellen Walter Palmers und forderten 31 Millionen Schilling Lösegeld. – Alexander Binder und Michael Gartner zeichnen in ihrem Dokumentarfilm die Chronologie der Ereignisse aus der Perspektive der Täter nach.

Am Beginn wird der Zuschauer mit dem Bericht in "Aktenzeichen XY" über die Palmers Entführung und dem Kommentar des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky "Österreich ist keine Insel" schon mitten in die damaligen Ereignisse hineinversetzt. Solches Archivmaterial bleibt in den folgenden 90 Minuten aber Mangelware, wird nur zur Akzentuierung einzelner Momente eingesetzt.

Alexander Binder – ein Rechtsstreit zwischen ihm und Michael Gartner ist im Gange, da der Oberösterreicher den Film für sich reklamiert, Gartner, der bei der Premiere bei der letztjährigen Viennale noch gleichrangig als Co-Regisseur genannt wurde, in den Credits bestenfalls noch ganz am Rande aufscheint – beschränkt sich auf die Täterperspektive. In starren Halbnahen erzählen Thomas Gratt, der kurz nach Abschluss der Dreharbeiten Selbstmord beging, Othmar Keplinger und Reinhard Pitsch, wie sie als politisch aktive Studenten ins terroristische Milieu abglitten, Walter Palmers entführten und bei der dilettantisch organisierten Flucht an der schweizerisch-italienischen Grenze zwei Wochen nach Übergabe des Lösegeldes von 31 Millionen Schilling gefasst wurden.

Weitgehend ausgespart bleibt durch diese Fokussierung auf die Täterperspektive das gesellschaftliche Umfeld, in dem es zu dieser Entführung kam, die kein direktes politisches Ziel verfolgte, sondern "nur" der Geldbeschaffung zur Finanzierung des deutschen Terrorismus diente. So werden die Ereignisse zwar akribisch nachgezeichnet und beeindruckend ist die formale Strenge der Inszenierung, die sich auch im Verzicht auf Musik und den bei TV-Dokumentationen üblichen erklärenden Off-Kommentar äußert, doch hängt der Film durch den einseitigen Blick einerseits in der Luft und droht andererseits auch die Tat zu verharmlosen. Zudem weist die Rekonstruktion nie über die konkreten Ereignisse und Personen hinaus, gewinnt durch den Verzicht aufs Psychologisieren und das Ausleuchten der Beweggründe nie exemplarische Züge und lässt kaum grundsätzliche Fragen aufkommen.

Vielleicht liegt das auch am distanzierten Blick, mit dem Keplinger und Pitsch die damaligen Ereignisse betrachten. Schärfere Konturen gewinnt hier einzig Thomas Gratt, der immer noch im damaligen Denken verhaftet scheint und die Diktion von einst verwendet. Sein Ruf nach Urteilsverkündung "Der Kampf geht weiter" scheint ihn sein ganzes weiteres Leben begleitet zu haben. Weniger als Verbrecher – und hier läuft der Film wieder Gefahr zu verharmlosen – als vielmehr als ungemein geradliniger Mensch erscheint Gratt schließlich durch den markanten Schlusssatz "Ich habe eine Entscheidung getroffen und war bereit dafür die Konsequenzen zu tragen – auch wenn das heißt: Knast". – Tief in die Psyche lässt der Film nur in solchen Momenten blicken.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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