21. Juli 2011 - 3:26 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Brillante Mendoza ist das Aushängeschild des neuen philippinischen Kinos. Neun Filme drehte er zwischen 2005 und 2009, die vielfach zu den großen Filmfestivals wie Cannes und Venedig eingeladen wurden, dort aber polarisierten, einerseits ausgezeichnet wurden, andererseits schockierten. Immer wieder taucht Mendoza in den Großstadtdschungel von Manila ab, doch während er in "Kinatay" brutalste Gewalt aus der Täterperspektive zeigt, blickt er in "Lola" auf die Schwachen. – Rapid Eye Movies hat diese beiden Meisterwerke auf DVD herausgebracht.

Mit Schmusekino, das Wohlgefühl verbreitet und niemanden verstört, haben die Filme des Philippinos Brillante Mendoza wenig zu tun. Mag sein Vorname auch noch so klingend sein, so taucht er doch sowohl in "Kinatay", der 2009 in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, als auch in "Lola" in den ebenso pulsierenden wie tristen Alltag von Manila ein.

Während es in "Lola" ständig sintflutartig regnet und die Geräuschkulisse schier unerträglich ist, schickt Mendoza in "Kinatay" seinen jungen Protagonisten auf eine Reise in die Nacht – und zwar nicht nur im tatsächlichen Sinne, sondern auch im Sinne eines Abtauchens in menschliche Abgründe.

Hautnah ist die Kamera in beiden Filmen an den Protagonisten dran, folgt ihnen und kreist um sie, fängt geradezu hyperrealistisch den Alltag in den Straßen Manilas ein. In "Kinatay" folgt Mendoza einem jungen Paar zur Trauung auf dem Standesamt, zum Festessen im Restaurant, ehe der junge Gatte wieder zum Unterricht auf der Polizeischule muss.

Am Abend bessert er sein Gehalt, mit dem er keine Familie ernähren kann, durch Schuldeneintreibungen für seine Vorgesetzten auf, wird dann mehr oder weniger gezwungen an einer weiteren Aktion teilzunehmen. Ein glutroter Sonnenuntergang am Strand markiert den Wendepunkt des Films, den Übergang von Tag zu Nacht und von bürgerlichem Alltag zu brutalem Verbrechen.

Zunächst führt die Fahrt in das von Neonlichtern erhellte Rotlichtvierteln, wo eine Prostituierte gekidnappt wird. Mit ihr geht es dann stadtauswärts – zunehmend ins Dunkel und die Einsamkeit. Mit dem jungen Polizisten wird der Zuschauer Augenzeuge der Entführung, der bald folgenden Folterung und schließlich der bestialischen Ermordung.

Ungeheuerliches erzählt und zeigt Mendoza – und doch bleibt sein Erzählton ganz ruhig. Alles andere als zufällig fokussiert die Kamera dabei freilich immer wieder auf dem Polo-Shirt des jungen Polizisten und den Aufschriften "Hochschule für Strafrecht" und "Wenn die Integrität verloren geht, ist sie für immer verloren". Denn mag der junge Mann auch nicht aktiv werden, so macht er sich doch durch sein passives Verhalten schuldig, nimmt am Morgen schließlich den Lohn für den Blutjob und zieht von dannen – wohl wissend, dass er sich von dieser Schuld nie mehr befreien wird können. Diesmal übergibt er sich noch, doch ein erfahrener Kollege erklärt ihm auch: "Man gewöhnt sich dran."

Erzählt Mendoza in "Kinatay" ganz aus der Täterperspektive, so fokussiert er in "Lola" auf den Opfern und folgt zwei Großmüttern durch den Großstadtdschungel. Während der Enkel der einen ermordet wurde, sitzt der Enkel der anderen als Täter im Gefängnis. Die eine will Gerechtigkeit, die andere versucht die Begnadigung ihres Enkels zu erreichen. Doch die Behörden nehmen sich für die betagten Frauen kaum Zeit, weisen sie von einer Stelle zur nächsten.

Und was immer die alten Frauen wollen, es würde Geld kosten, das sie nicht haben. Nicht Gerechtigkeit gibt es hier am Ende, sondern nur einen außergerichtlichen Vergleich, bei dem die Oma des Täters gesammeltes Geld der anderen Großmutter zahlt.

Immer wieder rückt Mendoza Geldscheine und den Austausch von Geldscheinen ins Bild. Um den Überlebenskampf angesichts existentieller materieller Not geht es in seinen Filmen und die Frage, wie weit dieser Kampf den Menschen treibt.

Das viel zu geringe Gehalt treibt den jungen Polizisten in "Kinatay" ins Verbrechen, auch die Prostituierte ging auf den Strich um ihr Kind ernähren zu können und in "Lola" ist das Überleben schließlich wichtiger als Gerechtigkeit.

In diesem Blick auf die Not der Menschen und dem dokumentarischen Erzählstil knüpft Mendoza an den italienischen Neorealismus an. Sogartige Wirkung entwickeln diese Filme in der konsequenten Handlungsführung, im Verzicht auf Nebengeschichten und Nebenfiguren und im konsequenten Einschwören des Zuschauers auf der Perspektive der Protagonisten.

In ihrer inhaltlichen und formalen Geschlossenheit entwickeln diese Filme große atmosphärische Dichte und involvieren den Zuschauer in die Fragen nach Moral, üben freilich aber gleichzeitig auch bittere Kritik an der philippinischen Gesellschaft, an der Sensationsgier der Medien, an Korruption und an einer Bürokratie, die die Not des Einzelnen emotionslos außer Acht lässt.

Höchst ambivalent ist dabei Mendozas Blick: Einerseits übt er Kritik an einer Gesellschaft, in der das Handeln nur noch vom Geld bestimmt ist, moralische Überlegungen aber keine Rolle mehr spielen, andererseits zeigt er aber auch, wie eben die Not die Menschen dazu zwingt, die Moral über Bord zu werfen und im Überlebenskampf nur noch ans Geld zu denken.

Aufregendes und erschütterndes Kino bieten so "Kinatay" und "Lola", dürftig sind bei diesen DVD-Ausgaben von Rapid Eye-Movies nur die Extras, denn abgesehen vom Trailer muss man sich jeweils mit dem Hauptfilm begnügen.

Trailer zu "Kinatay"



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Lola Di, 19.04.2011

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