7. April 2020 - 10:50 / Literatur / Online 

Die Wienbibliothek im Rathaus präsentiert den Fall der Wienerin Marie Veith, deren Geschichte im Zuge eines Sensationsprozesses in der gesamten k.u.k. Monarchie für Aufsehen sorgte. Auf Basis des so eben erschienenen Buchs "Komteß Mizzi" von Walter Schübler präsentieren Chris Pichler und Robert Reinagl mit 12 kurzen Lesungen einerschütterndes Sittenbild aus dem Wien des Fin de Siècle – ab 4. April via Website und Facebook-Seite der Wienbibliothek im Rathaus.

Anhand eines Sensationsprozesses im Wien der Jahrhundertwende rekonstruiert Walter Schübler den erschütternden Fall der Marie Veith: Am 28. April 1908 werden Marcell Veith, der einen nicht rechtmäßigen Grafentitel führte, und seine 18-jährige Tochter Marie festgenommen. Er wird der Kuppelei, sie der Geheimprostitution beschuldigt. Sie ertränkt sich noch am selben Tag in der Donau, er wird vor Gericht gestellt.

Der "Skandal-Prozess" erregt weit über Wien hinaus Aufsehen – und zeichnet das beklemmende Sittenbild einer moralisch zerrütteten Gesellschaft . Umso mehr, als hohe Polizeibeamte, die Chefs des Sittenamts und des Sicherheitsbüros, im Tagebuch und in den Kassabüchern Maries als Kunden genannt werden. Kurz nach Verbüßung seiner Haftstrafe veröffentlicht Marcell Veith in einem Krawallblatt die Kundenliste, die er akribisch geführt hatte: 205 "Cavaliere", allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen und der österreichischen Hocharistokratie.

Walter Schübler sowie die SchauspielerInnen Chris Pichler und Robert Reinagl geben Einblicke in das umfangreiche Aktenmaterial, von Protokollen der Hausdurchsuchung , Zeugenvernahmen über den Abschiedsbrief von Marie Veith bis hin zur skandalisierenden Presseberichterstattung.

Der umfangreiche Gerichtsakt wurde im Wiener Stadt- und Landesarchiv erhalten. Das Verfahren selbst wurde von Zeitgenossen heftig diskutiert, so widmete Karl Kraus (dessen Archiv ebenfalls in der Wienbibliothek im Rathaus liegt) dem "Prozeß Veith" eine Sondernummer seiner Fackel und prangerte die gesellschaftliche Doppelmoral an. Bereits zw ei Jahre davor sorgte ein pornografischer Roman, der realitätsnah die Missstände von Prostitution und Pädophilie veranschaulicht, für Aufsehen: "Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt" erschien anonym, das Buch wird jedoch dem österreichischungarischen Schriftsteller Felix Salten (1869–1945) zugeschrieben, der später mit seinem Kinderbuch "Bambi" Weltruhm erlangte.

Digitale Lesungen
"Komteß Mizzi"–Snapshots
mit Chris Pichler, Robert Reinagl und Walter Schübler
Ein beklemmendes Sittenbild aus dem Wien des Fin de Siècle
Im April, jeweils Mittwoch, Samstag und Sonntag, zoomt die Wienbibliothek im Rathaus hinein in die materialreiche Fallgeschichte und hält zwölf Momente in zwölf Snapshots fest.
Ausstrahlung via Website und Facebook-Seite jeweils 10 Uhr vo rmittags:
Sa, 4. April; So, 5. April; Mi, 8. April
Sa, 11. April; So, 12. April; Mi, 15. April
Sa, 18. April; So, 19. April; Mi, 22. April
Sa, 25. April; So, 26. April; Mi , 29. April
Sa, 1. Mai

Wienbibliothek im Rathaus
Rathaus, Stiege 6, 1. Stock
A - 1082 Wien

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Walter Schübler: "Komteß Mizzi", 236 Seiten, ISBN: 978-3-8353-3624-7 Wallstein Verlag 2020
Walter Schübler: "Komteß Mizzi"
236 Seiten, ISBN: 978-3-8353-3624-7, Wallstein Verlag 2020