5. Mai 2019 - 19:17 / Ausstellung / Malerei 
17. Mai 2019 25. August 2019

Das Herzstück der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien ist das Triptychon mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts von Hieronymus Bosch (um 1450/55 – 1516).

Die Ausstellungsreihe Korrespondenzen

Das dreiteilige Altarwerk zählt zu den weltweit bedeutendsten Kunstwerken der Zeit um 1500. Das Retabel gibt bis heute Rätsel auf und ist der unbestrittene Publikumsmagnet der Sammlung. Die Ausstellungsreihe zeigt Korrespondenzen zwischen dem Werk des niederländischen Malers und dem anderer Künstler_innen auf und setzt in regelmäßiger Folge Kunstwerke zum »Wiener Weltgericht« in Beziehung.

Es werden überraschende Verbindungen zwischen dem 500 Jahre alten Triptychon und Werken in unterschiedlichen Medien – seien es Gemälde, Graphiken, Skulpturen, Videoarbeiten oder Fotografien – sichtbar. Die Perspektive auf Bosch wechselt. In der Gegenüberstellung mit Arbeiten anderer Künstler_innen können die Betrachter_innen immer wieder neue Facetten in Boschs Meisterwerk entdecken.

Susanne Kühn: Beastville

Die 1969 in Leipzig geborene Malerin und Graphikerin Susanne Kühn zählt zu den wichtigsten figurativen Künstlerinnen in Deutschland.

Bevor sie 2002 nach Freiburg im Breisgau zog, lebte sie lange in den USA. Seit 2015 hat Kühn eine Professur für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg inne. Susanne Kühns Arbeiten aus jüngerer Zeit changieren zwischen Zeichnung und Malerei. Seit Langem jedoch spielt sie auf Meisterwerke der Kunstgeschichte an und diskutiert diese in ihren Arbeiten mithilfe zeitgenössischer künstlerischer Ausdrucksformen.

Für die Korrespondenzen in Wien malte sie eigens zwei neue monochrome Diptychen – angeregt durch die in Grisaille (grau in grau) gemalten Außentafeln von Boschs Altar. In den großformatigen Gemälden setzt sie sich mit ihrer Rolle als Künstlerin im Kontext ernster Entwicklungen unserer Zeit auseinander.

Der Ausstellungstitel Beastville vereint dabei das Wort »beast«, das Tier, und »ville«, die Stadt. Die Künstlerin selbst verweist damit zum einen auf das Tier, das in jedem von uns steckt. Und das gerade heute droht, die gesellschaftlichen Ideale der Humanität zu unterwandern, weil immer mehr Menschen von Angst getrieben agieren und nur noch ihren eigenen Vorteil suchen – gleich Tieren, die um ihr Überleben kämpfen und in die Ecke getrieben Allmachtsphantasien vom Über-Menschen entwickeln.

Zum anderen wurde in der Kulturgeschichte der Frau das Animalische zugeschrieben, sie wurde auf Körper, Natur und Fortpflanzung reduziert, während wahrer Geist, wahre Kreativität und Schaffenskraft dem Mann vorbehalten war. In der Figur des Tiers befragt die Malerin diese Zuschreibungen, die auch ihren Raum als Frau und Künstlerin besetzen. Mit großer künstlerischer Freiheit und einer gehörigen Portion Humor spielt sie mit diesen Assoziationen und verschiebt ihre Bedeutungen. So schafft sie absurd anmutende Szenarien und lässt neue Räume entstehen, die ihren eigenen Gesetzlichkeiten folgen.

Kühns Tiere befinden sich also nicht an einem mythischen Ort, sondern mitten unter uns. Wir begegnen ihnen in einer zwar fantastischen, mitunter auch endzeitlich anmutenden Landschaft, die die Malerin aber mit klar erkennbaren Markern der menschlichen Kulturgeschichte und Gegenwart möbliert. Im Bild Beastville sind es die am Computer generierten Pyramiden und treppenartigen Gebilde, die von zivilisatorischer Intervention zeugen. In Robota II sehen wir Klone in einer psychedelischen neuen Welt beim Zusammenbau eines Roboters am Werk. »Beastville als Ort, wo apokalyptische Architektur neben wilder Natur steht und wuchert«, so Susanne Kühn. Und dessen Bewohner und Bewohnerinnen auf uns selbst verweisen. Susanne Kühn / Julia M. Nauhaus

Biographie Susanne Kühn

1969 geboren in Leipzig
1990 – 1995 Studium der Malerei und Grafik, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
1995 – 1996 School of Visual Arts und Hunter College (DAAD-Stipendium), New York, USA
2001 – 2002 Radcliffe Institute for Advanced Study at Harvard University (Radcliffe Fellowship), Cambridge, USA
seit 2015 Professorin für Malerei, Akademie der Bildenden Künste Nürnberg
lebt und arbeitet in Freiburg und Nürnberg

Einzelausstellungen unter anderem im Museum für Neue Kunst im Haus der Graphischen Sammlung des Augustinermuseums Freiburg; OMI International Arts Center, Ghent, USA; Beck & Eggeling International Fine Art, Düsseldorf; Sala Uno, Contemporary Arts Center Rom; Haunch of Venison London, UK; Robert Goff Gallery New York, USA; Museum of Contemporary Art Denver, USA; Kunstverein Freiburg; Bill Maynes Gallery, New York, USA, sowie Teilnahme an zahlreichen Gruppenausstellungen

Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste
Lobkowitzplatz 2
A - 1010 Wien

T: +43 (0)1 588 16 2201
W: www.akademiegalerie.at

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Susanne Kühn, Beastville, 2019, 250 x 380 cm, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbon- schwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht 2019
Susanne Kühn, Beastville, 2019, 250 x 380 cm, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbon- schwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht 2019
Susanne Kühn, Beastville, Detail, 2018, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbonschwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht
Susanne Kühn, Beastville, Detail, 2018, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbonschwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht
Hieronymus Bosch: Weltgerichts-Triptychon, Detail des Außenflügels mit dem Heiligen Jacobus d. Ä., um 1490 – um 1505, Öltempera auf Eiche © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Hieronymus Bosch: Weltgerichts-Triptychon, Detail des Außenflügels mit dem Heiligen Jacobus d. Ä., um 1490 – um 1505, Öltempera auf Eiche © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Susanne Kühn, Robota II, 2019, 250 x 390 cm, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbon- schwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht 2019
Susanne Kühn, Robota II, 2019, 250 x 390 cm, Acryl, Kohle, Bleistift, Carbon- schwarz und Dispersion auf Leinwand, Foto: Bernhard Strauss © Bildrecht 2019
Susanne Kühn, 2019 Foto: Xaver Kühn
Susanne Kühn, 2019 Foto: Xaver Kühn