20. September 2009 - 3:24 / Ausstellung 
3. Juni 2009 27. September 2009

Die "Globalisierung und ihre Auswirkungen auf die Kunst" ist seit langem ein wesentliches Thema des MAK. Das damals wie heute aktuelle Thema der Kunst als Kommunikationsmedium der Kulturen wird in der Ausstellung "Global:Lab" auf eine historische Ebene verlegt. Im Sinne eines globalen Labors, in dem die Konfrontation mit der fremden Kultur zu einer experimentellen Auseinandersetzung mit den eigenen Traditionen wird, werden Tendenzen in der Kunst Europas und Asiens im Zeitraum 1500 bis 1700 dargestellt.

Die Schau versteht sich als eine Geschichte über Geschichten. Von den 470 gezeigten Objekten stammen 80 Prozent aus der Sammlung des MAK. In vier großen Kapiteln wird künstlerischen Kontakten und Beziehungen zwischen Asien und Europa nachgegangen. Das zentrale Thema "Fürstliche Repräsentation" ist durch das berühmte "Hamza-Nama", eine Mogulhandschrift des 16. Jahrhunderts, die zu den wichtigsten Werken der Malerei der islamischen Welt zählt, vertreten. Von den ursprünglich 1.400 Blättern sind heute insgesamt noch 200 in verschiedenen Sammlungen weltweit erhalten. Mit 60 Miniaturen besitzt das MAK den größten zusammenhängenden Bestand.

Das Hamza-Nama basiert auf einer über viele Jahrhunderte mündlich überlieferten Geschichte, die von Hamza ibn Abdul-Muttalib (ca. 569–625), dem Onkel des Propheten Mohammed (um 570–632), erzählt. Die historischen Tatsachen wurden im Laufe der Jahrhunderte mit allerlei fiktiven Handlungen angereichert. Der Mogulherrscher Akbar, der "Große", (Regierungszeit 1556–1605) gab das umfangreiche Werk in Auftrag. Es entstand zwischen 1557 und 1577 in seinen Hofwerkstätten. In der Ausstellung ist das Hamza-Nama von europäischen Tapisserien und Paravents aus Japan und China umgeben.

Im Rahmen der Ausstellung sind drei weitere Themenkreise mit unterschiedlich umfangreichen Kapiteln vertreten: Eines behandelt die Entdeckungen geografischer und kosmischer Realitäten. Die unterschiedliche Erforschung der Gestalt des Himmels und der Erde wurde auch künstlerisch erfasst. Die sogenannte "Ricci-Karte" aus der Österreichischen Nationalbibliothek ist ein gutes Beispiel dafür. Um in China die Akzeptanz der Karte und des damit verbundenen europäischen Wissens zu erhöhen, positionierte der Jesuitenmissionar Matteo Ricci (1552–1610) die Kontinente so, dass China in das Zentrum der Karte – und damit der Welt – rückte. Er kam der chinesischen Vorstellung, dass China ("Reich der Mitte") der Mittelpunkt der Welt sei, entgegen.

Die Ausstellung dokumentiert, dass der Kunst- und Wissenstransfer zwischen den Kontinenten von ausschlaggebender Bedeutung war. Die Beschäftigung mit der unbekannten Kunst und ihren Ausdrucksformen fand zumeist Ausdruck in der eigenen künstlerischen Produktion. Ein zwölfteiliger Koromandellack-Paravent aus dem 17. Jahrhundert, eine Leihgabe des Dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen, steht für diesen Transfer. Er zeigt holländische Seeleute, die exotische Tiere und Kostbarkeiten an die Küste bringen, um sie auf ein Schiff zu verladen. Zu interpretieren ist diese Szene als holländische Gesandtschaft an den chinesischen Kaiserhof.

Im letzten großen Themenbereich dokumentiert Global:Lab, wie Kunstwerke Identität schaffen können. Die eigene Tradition zu pflegen und sich andererseits öffnen zu können, zeichnen Kultur an sich aus. Hier sind charakteristische Werke der einzelnen Kulturen zu sehen und Fragestellungen behandelt, die deren unterschiedliche Ausdrucksformen zum Ausdruck bringen. Das Idealbild des europäischen Menschen zeigen die Proportionsstudien Albrecht Dürers (1427–1502) und ebenso die Marmorskulptur der Venus Este (Leihgabe Kunsthistorisches Museum, Wien) aus dem "giardino secreto" der Villa des Kardinals Ippolito I. d’Este (1509–1572) in Tivoli bei Rom.

Das Zusammenspiel von Ornament und erzählender Illustration, das die Kunst der islamischen Welt bestimmt, wird in persischen, türkischen und indischen Miniaturmalereien des 16. und 17. Jahrhunderts aus mehreren Wiener Sammlungen veranschaulicht. Zum ersten Mal können Mogul-Miniaturen aus dem sogenannten "Millionenzimmer" in Schloss Schönbrunn mit der Skizze von Rembrandt van Rijn (1606–1669) (Leihgabe Albertina, Wien) direkt verglichen werden.

Das künstlerische Schaffen Ostasiens – nicht auf Wirklichkeiten fixiert – gibt Ideale und Abbilder von Generation zu Generation weiter, wie man es anhand chinesischer und japanischer Landschaftsmalereien aus der Sammlung des MAK beobachten kann. Eine zehn Meter lange Kopie der Song-zeitlichen Qingming-Rolle aus der Mitte des 17. Jahrhunderts wird im Zentrum dieses Kapitels stehen. Zeitgleich mit Global:Lab wird die Ausstellung "Abenteuer mit Hamza. Das Hamza-Nama. Forschung und Restaurierung" im MAK-Kunstblättersaal eröffnet (Ausstellungsdauer 3.6.–27.9.2009). Die Hamza-Nama-Blätter des MAK waren seit dem Erwerb auf der Wiener Weltausstellung 1873 nie einer Restaurierung oder Konservierung unterzogen worden.


Zur Ausstellung erscheint der Katalog: Global:Lab Kunst als Botschaft. Asien und Europa 1500–1700, herausgegeben von Peter Noever, mit Beiträgen von Bert Fragner, Barbara Frischmuth, Salman Rushdie, Angela Völker, Johannes Wieninger u.a., ca. 384 Seiten, zahlreichen Farbabbildungen, deutsch/englisch, MAK Wien/Hatje Cantz, Ostfildern, 2009

Global:Lab - Kunst als Botschaft
Asien und Europa 1500–1700
3. Juni bis 27. September 2009

MAK Wien
Stubenring 5
A - 1010 Wien

W: http://www.mak.at/

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