Wissenschaft, Faktizität und Empirie sind die Grundlagen jeder aufgeklärten, modernen Gesellschaft. Doch was passiert, wenn sich trotz aller Rationalität keine allgemeingültigen Aussagen über die Totalität der Welt mehr treffen lassen?

"Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar." Diese Aussage von Novalis ist für die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung programmatisch.

Wiederkehrende Themen von Melike Karas Malerei und Installationen sind die zwischenmenschliche Kommunikation und die Frage, wie individuelle und kollektive Geschichten erzählt und Identitäten konstruiert werden. Während ihre früheren Bilder eine figürliche Formensprache nutzten, verwischt sie in neueren Malereien zusehends die Grenze zur Abstraktion, sodass nur noch vereinzelt Silhouetten zu erahnen sind.

Kara beschäftigt sich mit ihren eigenen kurdisch-alevitischen Wurzeln und schöpft aus ihrem persönlichen Archiv, das sie über Jahre aus verschiedenen Quellen zusammengetragen hat. Sie stemmt sich vehement gegen das Vergessen und versucht durch Fotografien, Erinnerungen und Erzählungen von Ereignissen, Mythen und Ritualen, die Geschichte und Traditionen des staatenlosen kurdischen Volkes zu dokumentieren und zu bewahren.

Larissa Sansour ist eine palästinensische Künstlerin, die in ihrer Praxis immer wieder Elemente der Popkultur und Science-Fiction nutzt, um politische und gesellschaftliche Themen zu behandeln und die komplexe Lebensrealität in Palästina und dem Nahen Osten zu beleuchten. Ihr multimediales Werk umfasst Skulpturen, Fotografien und Installationen. Darüber hinaus schafft sie bildgewaltige Filme, für die sie mit dem Drehbuchautor, Regisseur und Schriftsteller Søren Lind zusammenarbeitet. Auch ihr gemeinsamer Film "In the Future They Ate From the Finest Porcelain" (2015) bewegt sich im Spannungsfeld von Science-Fiction, Archäologie und Politik und erforscht die Rolle von Mythen für die Entstehung nationaler Identität. Er erzählt von einer Widerstandsgruppe, die im Untergrund kunstvolles Porzellan vergräbt, um eine völlig fiktive Zivilisation zu begründen, und so Ansprüche auf ihr schwindendes Land legitimieren zu können. Sobald das Porzellan ausgegraben wird, beweist es die Existenz des vermeintlichen Volkes.

Die Fotografin Julia Steinigeweg erforscht in ihren Arbeiten neue Technologien und deren zunehmenden Einfluss auf die Gestaltung der Realität. Für die Serie "I think I saw her blink" traf sie in Singapur eine Professorin, die ihr eigenes Roboter-Double erschaffen hat. Dort fand sie sich an einem Ort wieder, an dem die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Simulation zusehends verschwimmen. Die entrückt und teils dystopisch erscheinenden Fotografien von Menschen, Architekturen und sogar der Natur wirken artifiziell. Alles ist in perfekter Ordnung. Platz für Zufälle oder organisch gewachsene Strukturen scheint es in dieser „neuen“ Welt nicht zu geben. Die Diskrepanz zwischen tatsächlicher und simulierter Realität in den Fotografien gibt einen Ausblick darauf, wie sich die Gegenwart noch von der zu erwartenden Zukunft unterscheidet.

Der Ausgangspunkt des multimedialen Werks von Emma Talbot sind subjektive, intuitive Zeichnungen, aus denen sowohl feine, aus Seide gefertigte Malereien als auch Skulpturen und Videoanimationen entstehen. Ihre zunächst sehr subjektiven, aus der inneren Gedanken- und Gefühlswelt entstehenden Manifestationen werden in die Gegenwart mit all ihren Problematiken eingebunden. Formal kombiniert Talbots Bildsprache Figürliches mit Ornamentik und Mustern sowie mit eigenen und Texten anderer Literaten und Poeten. Sie erschafft traumhafte, energiegeladene Bildwelten, die immer auch vom Verhältnis des Menschen zum Universum und der Beziehung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft handeln.

Visions or Waking Dreams
Bis 29. Mai 2022

Mit Melike Kara, Larissa Sansour & Søren Lind, Julia Steinigeweg und Emma Talbot.

Kunstverein Friedrichshafen
Buchhornplatz 6
D - 88045 Friedrichshafen

W: http://www.kunstverein-friedrichshafen.de/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Courtesy Ausstellungsansicht Melike Kara: Die Künstlerin, Jan Kaps Galerie, Köln und Perez Projects, Berlin
Courtesy Ausstellungsansicht Melike Kara: Die Künstlerin, Jan Kaps Galerie, Köln und Perez Projects, Berlin
Courtesy Ausstellungsansicht Larissa Sansour & Søren Lind: Der/Die Künstler:in
Courtesy Ausstellungsansicht Larissa Sansour & Søren Lind: Der/Die Künstler:in
Courtesy Ausstellungsansicht Julia Steinigeweg: Die Künstlerin
Courtesy Ausstellungsansicht Julia Steinigeweg: Die Künstlerin
Courtesy Ausstellungsansicht Emma Talbot: Die Künstlerin und Petra Rinck Galerie, Düsseldorf  Fotograf: Kilian Blees
Courtesy Ausstellungsansicht Emma Talbot: Die Künstlerin und Petra Rinck Galerie, Düsseldorf Fotograf: Kilian Blees