10. Juni 2011 - 2:16 / Ausstellung 
9. April 2011 13. Juni 2011

Evelyne Axell (1935-1972) war Schauspielerin und Nachrichtensprecherin, eine Ikone im französischsprachigen Raum und aufgrund ihrer Schönheit für viele ein Sexsymbol. 1963 aber beendet sie ihre Film- und Fernsehkarriere, um Malerin zu werden und die Rollen umzukehren. Als eine zentrale Figur der belgischen Pop Art zählt sie zu jenen Künstlerinnen, deren Werk gerade aus dem Schatten der männlichen Popheroen tritt und einer Neubewertung unterzogen wird, wie sie zum Beispiel in den Ausstellungen "Seductive Subversion: Women Pop Artists 1958 – 1968" der Rosenwald-Wolf Gallery der University of the Arts, Philadelphia im letzten Winter oder "Power Up – Female Pop Art" in der Kunsthalle Wien wie auch Veröffentlichungen der letzten Jahre zum Ausdruck kommt.

Axell experimentierte mit verschiedenen zeitgenössischen Materialien und kombinierte Plexiglas mit Emaille, mit synthetischem Fell, Folien usw. zu inhaltlich und visuell verführerischen Bildern. Ihre ungewöhnliche Materialästhetik verbindet industriell hergestellte, bisher kaum in der Kunst sondern vor allem in der Werbung und Industrie genutzte Materialien, die teils sehr handwerklich zu bearbeiten waren. Axell verwendet Plexiglas mit einer halbtransparenten Oberfläche, dass sie mal auf der Vorder- mal auf der Rückseite bemalt und es in ihren Kompositionen so staffelt, dass ein Spiel mit durchsichtigen und undurchsichtigen Flächen entsteht.

Die Hauptfiguren sind zumeist Frauen, oftmals nackt und nicht selten sie selbst – mal als direktes Selbstportrait, mal indirekt, wenn sie selbst für Fotos posierte, von denen ihre malerischen Arbeiten ausgehen. So kreist ihr künstlerisches Schaffen um die eigene Person und das Bild der Frau und beansprucht einen Impetus der Befreiung. Die selbst gewählte Nacktheit affirmiert das Pin-Up, um es positiv als Ausdruck weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung zu besetzen.

Diesem Thema widmet sich auch die Ausstellung im Kunstverein und zeigt eine Auswahl ihrer späteren Arbeiten des nur sehr kurzen Schaffens von Axell, das ca. 1964 begann und 1972 durch einen Unfalltod beendet wurde. Geprägt von den 60er Jahren und ihren gesellschaftlich-politischen Ereignissen dringen ihre Arbeiten in Tabuzonen ein und tarieren auf diese Weise eine neue Freiheit aus, die sich aus den Begrenzungen löst, die auf der einen Seite von der Rolle des Heimchens und auf der anderen Seite von der Stilisierung der Frau als Objekt männlicher Begierde umrissen wird. Axell eignet sich das Bild der verführerisch entblößten Frau an, um es auf ihrer eigenen Begierde einzuverleiben. "La Terre est ronde. Variation sur Le Paysage" von 1971 zeigt eine nackte Frau in stilisierter Natur, die sich in eindeutiger Pose selbstbefriedigt. Diese Auto-Erotik behauptet zusammen mit dem Titel (die weibliche Rundung einer weiblichen Mutter Erde) nicht nur eine sexuelle Befreiung, sondern auch eine Unabhängigkeit vom Männlichen. Eine Politik der eigenen Person also, die frei über den eigenen Körper verfügt und sich selbstbestimmt und selbstbewusst aus gesellschaftlichen Konventionen löst.

Andere Werke zeigen politische Ereignisse oder Aktivistinnen wie zum Beispiel Angela Davis, eine Bürgerrechtlerin und Philosophin, die, als Axells erste Bearbeitung des Themas 1970 entstand, von der US-amerikanischen Regierung angeklagt und für zwei Jahre inhaftiert wurde. Eines ihrer Hauptwerke ist "Le joli Mois de Mai" von 1970, ein Plexiglastriptychon, das in Anlehnung an den Bildtypus der das Volk anführenden Freiheit von Eugene Delacroix aus dem Jahr 1832, die Befreiung im Zuge der 1968er Bewegungen verkündet: Zu sehen sind keine Toten über die die Marianne in eine verheißungsvolle Zukunft führt, sondern vielmehr ein Sit-In junger, langhaariger, nackter Menschen. Die sexuelle Revolution steht exemplarisch für die umfassenden Freiheitsbestrebungen und thematisiert das Private als Teil des Politischen.

Als Institution für zeitgenössische Kunst ist es nicht nur die Aufgabe des Kunstvereins junge Kunst zu zeigen, sondern auch die aktuelle Kunstproduktion historisch zu kontextualisieren. Besonders in den Fällen, in denen eine aus unserer Perspektive bedeutsame Position lange Zeit von der allgemeinen Kunstgeschichtsschreibung nicht beachtet wurde. Axell ist für ihre Zeit in bemerkenswert freier Weise mit Materialien umgegangen und hat bereits feministische Inhalte verhandelt, bevor es den Feminismus überhaupt gab. Ihre Politik der eigenen Person ist in Zeiten, in denen Selbstbilder durch Werbung und andere mediale Repräsentationen fremdbestimmt werden, von gleichbleibender Aktualität.

Evelyne Axell - La Terre est ronde
9. April bis 13. Juni 2011

Hamburger Kunstverein
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