2. Oktober 2007 - 3:07 / Ausstellung / Archiv 
22. Juni 2007 7. Oktober 2007

Im 19. Jahrhundert erlebt Europa einen entscheidenden Umschwung, der zum grossen Teil auf das Phänomen der Industrialisierung zurückzuführen ist. Der Adel wird in seiner Bedeutung von einer neuen, finanzkräftigen Gesellschaftsschicht abgelöst, die allerdings noch auf der Suche nach einem eigenen Stilempfinden ist.

Parallel dazu fordern mehr und mehr Künstler und Kunsttheoretiker lautstark eine Abkehr von den alten, überholten Kunstidealen, vom Stilpluralismus des Historismus. Im Bereich der angewandten Kunst führt dies zur Heranreifung des Jugendstils. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts steht aber auch im Zeichen der Debatte über Kunst und industrielle Produktion. Ausgelöst wird sie, als man 1851 bei der Weltausstellung in London feststellt, dass ein Grossteil der schnell erzeugten Massenprodukte von der Qualität einstiger Handwerksproduktion weit entfernt ist.

In zahlreichen europäischen Städten werden daraufhin Kunstgewerbemuseen gegründet, um auf das aktuelle Geschehen von Handwerk und Industrie einzuwirken. Zürich ist keine Ausnahme, und so wird hier 1875 das Kunstgewerbemuseum (heute Museum für Gestaltung Zürich) ins Leben gerufen. Zentrales Anliegen ist die Erziehung zum guten Geschmack. Hierin begründet liegt selbstverständlich auch die Ankaufpolitik.

Das Ausstellungskonzept basiert auf der Strategie und Geschichte der im Museum Bellerive beherbergten Jugendstil-Sammlung, die Teil der Kunstgewerbesammlung des Museum für Gestaltung Zürich ist. Die Gruppierung der Ausstellungsobjekte erfolgt in Form von sieben Sammlungspaketen, die vom Museum zu unterschiedlichen Zeitpunkten erworben wurden: Es hing von den jeweiligen Direktoren ab, wie die zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt wurden.

Anfangs stand man ganz im Bann des Keramikers Max Laeuger. Mit der Jahrhundertwende verlagerten sich die Schwerpunkte, und man kaufte auf der Weltausstellung in Paris, bei den federführenden Geschäften wie Bing oder La Maison Moderne, den Vereinigten Werkstätten in München und ähnlichen Zusammenschlüssen. Der Belgier Jules de Praetere wählte zielsicher die Spitzenleistungen seiner Zeit aus, vorwiegend in den Niederlanden und in England. Hierbei handelt es sich nicht um Einzelstücke, sondern um grosszügige, materialübergreifende Anschaffungen.

Nach drei Jahrzehnten Pause kamen der Hermann Obrist Nachlass sowie umfassende Ankäufe aus dem Erbe Henry van de Veldes und aus dem Besitz seines Sohnes hinzu, zu denen auch Meisterwerke wie »Die Engelwache« oder das für van de Veldes persönlichen Gebrauch entworfene Esszimmer gehören. Mit dem Erwerb der Kollektion Burgauer im Jahr 1974 wurde der Fundus schliesslich ganz bewusst um den Aspekt des »Trivialen im Alltag« bereichert. Die Besonderheit dieser Sammlung liegt nicht nur in der Tatsache, dass zeitgleich mit der Entwicklung des Jugendstils gesammelt wurde, sondern auch darin, dass das Publikum aus den eigenen Beständen der Sammlung fast alle der so zahlreichen Facetten des Jugendstils entdecken kann.


Jugendstil – L"Air d"un Temps
22. Juni bis 7. Oktober 2007

Museum Bellerive
Höschgasse 3
CH - 8008 Zürich

T: 0041 (0)43 4464-469
F: 0041 (0)43 4464-503
E: info@hgkz.ch
W: http://www.museum-bellerive.ch/

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Henry van de Velde, Ausf. Theodor Müller, Weimar: Samowar, 1902; Metall, versilbert, Holz. Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung; Foto: Marlen Perez© 2007, ProLitteris, Zürich
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Louis Comfort Tiffany: Vase, USA, 1894; Glas geblasen, irisiert. Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung; Foto: Marlen Perez
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Johann Loetz Witwe, Klostermühle: Vase mit Nuppen, 1901; Farbloses Glas mit Unterfang, Fadenaufschmelzung und aufgesetzten Nuppen, irisiert. Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung; Foto: Marlen Perez