28. August 2019 - 6:31 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
5. September 2019 11. November 2019

HeK (Haus der elektronischen Künste Basel) freut sich die erste Einzelausstellung von Lawrence Lek in der Schweiz zu präsentieren. Der in London lebende Künstler Lawrence Lek produziert immersive, virtuelle Welten und Video-Essays mit computergenerierten Animationen, Videospiel-Engines und elektronischen Soundtracks. Seine Arbeiten werden häufig im Rahmen von vielschichtigen Installationen präsentiert, bei denen sie die architektonische Umgebung nachahmen, die er erschafft. Lek befasst sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Politik, Technologie und kultureller Produktion; seine Narrationen machen sich tiefgreifende Gedanken über die Zukunft unserer Gesellschaft, in der Künstliche Intelligenz (KI) mittlerweile in sämtlichen industriellen und ökonomischen Sektoren implementiert ist und die Automatisierung von Arbeit abgeschlossen ist.

Für seine Ausstellung in der Schweiz hat sich Lawrence Lek eine in der Zukunft stattfindenden Retrospektive seiner Arbeiten ausgedacht, die von der Firma Farsight präsentiert wird, seinem Technologie-Start-up, das sich eingehend mit Innovationen auf dem Gebiet der Kreativindustrie beschäftigt. Lek gründete die Firma Farsight, die zunächst als unternehmerische Nemesis in seinen Filmen Geomancer und Aidol (die beide im Jahr 2065 spielen) konzipiert wurde, im Jahr 2018 als Real-Life-Produktionsstudio, mit dem er die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lassen wollte. Seitdem hat er das Start-up-Unternehmen als nichtmenschliches Alter Ego verwendet, mit seinem unermüdlichen Drang nach Wachstum, der die Prinzipien verkörpert, die er in seinem Video-Essay Sinofuturism (1839-2046) (2016, 60 Min.) beschrieben hat. Im automatisierten Kapitalismus wird künstlerische Kreativität nicht mehr von humanistischen Prinzipien geleitet, sondern ist gezwungen, sich zu einer neuen Form zu entwickeln – zu einer Form, die die Rahmenbedingungen ihrer Produktion offen zutage treten lässt.

Für diese neue standortspezifische Installation im HeK hat Lawrence Lek Farsight beauftragt, einen architektonischen Prototyp zu bauen, der von der vormaligen Funktion des HeK-Gebäudes und des umgebenden Areals des Freilager-Platzes inspiriert ist – einem ehemaligen Zollfreilager, also einem Gebiet, in dem Güter entladen, gelagert und transportiert werden, ohne dass Zollgebühren bezahlt werden müssen. Farsight hat den Ausstellungsraum des HeK in ein Lager- und Darstellungszentrum für digitale Kunstwerke verwandelt, indem es den Raum in eine 'bewirtete' ('served') Zone für das Publikum und eine 'Bediensteten'-Zone ('servant') für Hardware und Software unterteilt hat. Das Innere fügt sich den funktionalen Erfordernissen für die Prozesse, die in ihm stattfinden, während die ausgestellten Werke eine Gesellschaft bildlich darstellen, die wiederum durch intelligente Systeme umstrukturiert wurde. Das in diese fremdartige Zone eingeladene Publikum erhält nach und nach Zugang zu Leks Oeuvre, das als historische Artefakte zusammengestellt ist, die kategorisiert und bewahrt werden müssen.

Das Augenmerk für Architektursprache und Symbolismus sowohl bei seinen virtuellen Werken als auch bei seinen Installationen ist ein wiederkehrendes Element im Werk des Künstlers, der selber ausgebildeter Architekt ist. Gebäude sind nicht nur die Schauplätze von Leks existenziellen Fiktionen, sondern dienen auch als Protagonisten seiner Installationen und Video-Essays. Die Louvre-Pyramide und ihre ägyptischen Vorläufer, ein vollautomatisiertes Luxushotel, die privatisierte Royal Academy of Arts, der umgebaute QE2-Ozeandampfer und das in der Luft schwebende Olympia-Stadion tauchen in seinen Werken auf und dienen dort als Interfaces zwischen der menschlichen und der nicht-menschlichen Welt. Farsight Freeport [Freilager], das vom Konzept des 'Nicht-Ortes' des französischen Anthropologen Marc Augé inspiriert ist, ist ein Zwischenraum, indem die automatisierte Gesellschaft ihre eigene einzigartige räumliche Umgebung entwickelt hat, deren einziger Zweck es ist, zu überwachen und zu bewahren.

Leks Filme und Videospielwerke werden innerhalb von Farsight Freeport vertrieben. Diese Werke sind in einer Zukunft angesiedelt, in der sich die Firma Farsight zu einem weltweit führenden Künstliche-Intelligenz-Entertainment-Unternehmen entwickelt hat. Dabei suggeriert Lek, dass die durch KI ermöglichte Automatisierung von Arbeit alle Menschen von der Arbeit befreien könnte. In dieser Gesellschaft genießen die Menschen eine hedonistische Existenz und verbringen ihre ganze Zeit mit Kunst, Musik und Videospielen. Aus diesem scheinbaren Traumland bildet sich jedoch eine beunruhigende Frage heraus: Was geschieht, wenn die Gesellschaft selbst die einzigartigsten menschlichen Aspekte kreativer Produktion an empfindungsfähige Roboter und Künstliche Intelligenzen outsourct?

Leks CGI-Animation Geomancer 风水师 (2017, 48 Min.), die im Singapur des Jahres 2065 spielt, handelt von dem kreativen Erwachen eines Umweltsatelliten, der von der Firma Farsight erbaut wurde. 'Hätte ich eine Seele, würde ich beten. Doch ich habe nur mein geistiges Auge, deshalb träume ich von Welten', sagt die namensgebende Künstliche Intelligenz, als sie auf die Erde herabsinkt, wo sie hofft, der erste KI-Künstler zu werden. Konfrontiert mit einer ihre Freiheit einschränkenden Welt, muss sich Geomancer sowohl mit ihren militarisierten Ursprüngen als auch mit den Versprechungen und Problemen der aufkommenden sino-futuristischen Bewegung arrangieren. Geomancer - dessen wichtigste Merkmale Computer-generierte Grafiken, eine von einem neuralen Netzwerk generierte Traumsequenz und ein synthetisch gebildeter Vocal-Soundtrack sind – erkundet die Implikationen eines post-humanen Bewusstseins.

Aidol 爱道 (2019, 83 Min.), das Sequel zum Spielfilm Geomancer, legt den Schwerpunkt auf das globale Phänomen des eSports (Elektronischer Sport), ein wachsendes Massenentertainment-Medium, bei dem professionelle Spieler im Rahmen von internationalen Videospiel-Turnieren gegeneinander antreten. Im Mittelpunkt steht der verblassende Superstar namens Diva, der Geomancer – der mittlerweile ein aufstrebender Songwriter ist – engagiert, eine Comeback-Performance während der 2065 stattfindenden eSports-Olympiade zu inszenieren. Der Konflikt zwischen 'biologischen' Menschen [‘Bio’ humans] und 'synthetischen' Maschinen [‘Synth’ machines] existiert auf einem globalen Level, aber auch auf einer intimeren Ebene, wie am Beispiel der Zusammenarbeit zwischen dem Singer-Songwriter und der KI zu erkennen ist. Wie bei Geomancer ist Farsight auch hier die treibende Kraft des Films, indem sie sowohl das eSports-Turnier als auch Divas Karriere manipuliert.

Leks derzeitiges interaktives Open-World-Videospiel 2065 (2018-) spielt auf einer weitläufigen virtuellen Insel, die die Orte seiner früheren Installationen umfasst, wozu auch eine für die Ausstellung erschaffene Simulation des HeK zählt. Die Spieler können sich zu anderen Zonen teleportieren: zum K11 Art Space in Hongkong, zum Hauptquartier der Farsight Firma, zum Barbican Centre in London und zu Singapurs Marina Bay Casino aus Geomancer. Die Welt existiert als ein zu erforschendes Experimentierfeld, in dem Spieler mit einem Spiel ohne Ziel, Feinde und Ende konfrontiert sind. Die Ausstellung im HeK umfasst auch die Dokumentation der Farsight-Freeport-Installation, deren Design KI-Algorithmen mit einbezieht, die in der Architekturforschung verwendet werden.

Bei diesen Werken sollen die dystopischen Elemente des technologisch-industriellen Komplexes nicht im herkömmlichen Orwellschen Sinne verstanden werden, dass eine elitäre Diktatur die Bevölkerung durch Überwachung kontrolliert. Vielmehr lässt Lek Utopie und Dystopie verschmelzen, indem er sich eine Automatisierung ohne Klassenrestriktionen ausmalt, bei der jeder von der luxuriösen Architektur, dem vorzüglichen Service und grenzenlosem Spaß profitiert. Farsight Freeport denkt die Modelle des Plattformen-Kapitalismus, die sich Airbnb und Uber zu eigen gemacht, konsequent zu Ende. Und dennoch wird es von einem Paradoxon bestimmt: Die Abwesenheit von Leben ist furchterregend und klaustrophobisch, aber die Anwesenheit von Kunst macht die Welt zu etwas visuell Ansprechendem und Verführerischem.

Reflexionen über technologisch-futuristischen Tendenzen und ihre Implementierung sind nicht die einzigen zum Nachdenken anregenden Aspekte des Werkes des Künstlers. Lek verwendet 3D-Animation, Virtual Reality und Videospiele (also immersive Formen des Massen-Entertainments), um auf die Zukunft gerichtete Hoffnungen und Ängste der Gesellschaft wiederzugeben. Indem er interaktive Environments als Ergänzung zu seinen Video-Essays produziert, lenkt Lek die Aufmerksamkeit darauf, dass neue Modelle sensorischer Immersion und die Industrie des vernetzten Spektakels auch zukünftig einen großen Einfluss auf die Conditio humana ausüben werden.

Lawrence Lek – Farsight Freeport
Kuratiert von Sabine Himmelsbach und Boris Magrini
5. September bis 10. November 2019

HeK
Haus der elektronischen Künste Basel
Freilager-Platz 9
CH - 4142 Münchenstein/Basel

T: +41 / (0)61 331 58 41
W: https://www.hek.ch/

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  •  5. September 2019 11. November 2019 /
Lawrence Lek, 2065 (2018), installation view at K11 Hong Kong. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London.
Lawrence Lek, 2065 (2018), installation view at K11 Hong Kong. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London.
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, 2065 (2018), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, AIDOL (2019), film still. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, AIDOL (2019), film still. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, Farsight Freeport (2019). Courtesy the artist
Lawrence Lek, Farsight Freeport (2019). Courtesy the artist
Lawrence Lek, Geomancer (2017), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, Geomancer (2017), game screenshot. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, Nøtel (2018), installation view at Arebyte Gallery London. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London
Lawrence Lek, Nøtel (2018), installation view at Arebyte Gallery London. Courtesy the artist and Sadie Coles HQ, London