21. Dezember 2011 - 2:04 / Ausstellung / Museum 
15. Mai 2011 6. Januar 2012

Anlässlich des Jubiläums 600 Jahre Zunftverfassung präsentiert das Museum zu Allerheiligen die Sonderausstellung "Leben in der Zunft. 600 Jahre Schaffhauser Zunftverfassung 1411–2011". Rund 900 m2 Ausstellungsfläche bieten umfassende Einblicke in das Schaffhauser Zunftwesen. Die zweiteilige Sonderausstellung widmet sich im Erdgeschoss dem Thema "Von der Zunftverfassung zum modernen Vereinsleben" und im ersten Obergeschoss dem "Leben in der Zunftstadt Schaffhausen".

Den prunkvollen Auftakt bildet ein Zunftpokal in Gestalt des antiken Feuer- und Schmiedegottes Vulcanus. Er steht symbolisch ebenso für die Blütezeit wie auch für den Niedergang des alten Schaffhauser Zunftwesens. Das repräsentative Trinkgefäss aus einer bedeutenden Augsburger Werkstatt wurde von der Zunft zun Schmieden inmitten der Auseinandersetzungen um die Verfassungsreform von 1688 erworben, aus denen die Handwerkszünfte schliesslich gestärkt hervorgingen. Der Pokal verblieb noch bis 1872 im Besitz der Schmiedenzunft, dann teilte er das Schicksal vieler anderer Schaffhauser Zunftaltertümer: Er wurde im Zuge der schrittweisen Veräusserung des Vermögens ins Ausland verkauft. Dank der Sturzenegger-Stiftung konnte der Pokal 1992 wieder für Schaffhausen erworben werden und ist seither im Museum zu Allerheiligen zu bewundern.

Wie sah die Zunftstadt Schaffhausen um das Jahr 1411 aus? Eine Medienstation liefert mit einer grossartigen Rekonstruktion bisher unbekannte Einsichten. Das aktuelle Stadtmodell aus dem Hochbauamt erlaubt den unmittelbaren Vergleich zum heutigen Bild der Stadt.

Im Zentrum des nächsten Raumes steht die Originalurkunde der Zunftverfassung von 1411. Damit wurde Schaffhausen zu einer Zunftstadt wie Bern, Basel und Zürich. Die Zünfte waren nun auch politische Körperschaften und Träger der politischen Macht. Diese Verfassung ist deshalb von so grosser historischer Bedeutung, weil sie für die kommenden Jahrhunderte das rechtliche Grundgerüst bildete, nach welchem Stadt und Landschaft Schaffhausen regiert wurden. Urkunden und Dokumente aus dem Staatsarchiv Schaffhausen erhellen die Vorgeschichte, als deren Ergebnis Herzog Friedrich IV. von Österreich der Stadt Schaffhausen das Recht gewährte, sich eine eigene Zunftverfassung zu geben.

Weitere Schwerpunkte bilden die zehn Schaffhauser Handwerkszünfte und die zwei Gesellschaften, ihre Funktion als Berufsvereinigungen und ihre Rolle im sozialen und gesellschaftlichen Leben der Menschen. Zur Darstellung gelangen hier Themen wie «Leben auf der Stube», «Zünfte und Innungen» sowie «Handwerk und Erzeugnisse». Unter den Exponaten besticht das vom Schreiner Johann Conrad Vogler 1781 für die Gesellschaft zun Kaufleuten angefertigte Holzmodell ihres neuen Gesellschaftshauses an der Vordergasse, eines der wenigen erhaltenen barocken Architekturmodelle der Schweiz. Ebenso eindrücklich sind die erstmals der Öffentlichkeit präsentierten Reste eines bemalten Wandtäfers aus dem Leichensaal der Herrenstube. Eine Galerie von 12 Porträts gibt ausgewählten Gesellschaftern und Zünftern ein Gesicht. Die Gemälde stammen von renommierten Künstlern wie Johann Martin Veith (1650–1717), Johann Ulrich Schnetzler (1704–1763) Johann Jacob Maurer (1737–1780) oder Felix Maria Diogg (1762–1834).

Nach dem Ende des Ancien Régime 1798 und der Einführung der Gewerbefreiheit verloren die Gesellschaften und Zünfte im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre politische und wirtschaftliche Bedeutung. Mit der Umwandlung in Vereine begann für sie ein neuer Abschnitt. Den vielfältigen Aspekten des modernen Vereinslebens wird in den Ausstellungsräumen des Erdgeschosses ebenfalls Rechnung getragen: Zunftfahnen, Laternen, Silberschmiedearbeiten sowie Schrift- und Filmdokumente aus dem Fundus der Gesellschaften und Zünfte dokumentieren ihre heutigen Betätigungsfelder.

Der zweite Teil veranschaulicht auf rund 600 Quadratmetern im Rahmen der Dauerausstellung das Thema «Leben in der Zunftstadt Schaffhausen». Faszinierende Exponate, Hörtexte und interaktive Computerstationen vermitteln einen lebendigen Eindruck der Zeit zwischen 1411 und 1798. Die Verflechtung von Alltag, Wirtschaft, Kultur und Politik wird erkennbar in Themen wie «Vornehmes Bürgertum in der Zunftstadt»,«Schaffhauser Zünfter in der Fremde», «Die Zünfte als Träger des Sozialwesens», «Zunftherrschaft über die Landschaft» oder «Handel in der Zunftstadt». Stimmungsvoll in Szene gesetzt werden die Funktion der Zunfthäuser als gesellschaftlicher Mittelpunkt wie auch die Tafelfreuden im noblen Bürgerhaus. Personenbiografien eröffnen den Besuchern einen kurzweiligen und spannenden Zugang zu den einzelnen Themen. Porträtiert werden so unterschiedliche Menschen wie die schillernde Figur des Bürgermeister Tobias Holländer, der in der Fremde zu Ruhm und Ansehen gelangte Elfenbeindrechsler Lorenz Spengler oder der Handwerksbursche Johann Jakob Oschwald auf seiner Gesellenwalz.

Glanzlichter des zweiten Ausstellungsteils sind zweifellos auch die historischen Zimmereinrichtungen, die 1938 ins Museum eingebaut wurden. Sie bilden den stimmigen Rahmen für die Darstellung der Zunftgeschichte. Der prächtige Zunftsaal der Gerber ist der ideale Ort für die Präsentation der umfangreichen Sammlung an Zunftsilber und für die Darstellung der gesellschaftlichen Bedeutung der Zunfthäuser. Das Rokoko-Zimmer eines Schaffhauser Landgutes mit gemalten Landschaftsszenerien auf dem Täfer wird unterstützt durch die Klangkulisse frühlingshaften Vogelgezwitschers. Hier lässt sich das Thema «Landsitze der zünftischen Oberschicht» unmittelbar erleben.

Leben in der Zunft
600 Jahre Schaffhauser Zunftverfassung 1411–2011
15. Mai 2011 bis 6. Januar 2012

Museum zu Allerheiligen
Klosterstrasse 16
CH - 8200 Schaffhausen

T: 0041 (0)52 633 07 77
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Geschnitzter Hirschkopf mit echtem Geweih auf reich beschnitzter und bemalter Kartusche mit Putten, gekrönt von einer Vogelfigur, unten Wappen derer von Waldkirch, 17. Jahrhundert
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Pokal der Schaffhauser Schmiedezunft mit der Darstellung des Schmiedegottes Vulkanus. Silber, vergoldet, gegossen, ziseliert und punziert. Geschaffen von Albrecht Biller (1653 - 1720) in Augsburg
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Glasgemälde, 1844 von Johann Jakob Beck d. J. (1820?1879) für die Schaffhauser Zünfte geschaffen. In der Mitte älteres, rundes Standesscheibchen von 1661
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Silberbecher der Zunft zun Schuhmachern, 1695, Hans Georg Oschwald. Silber, graviert, innen vergoldet, Höhe 9,5 cm. Auf Vorderseite ein gravierter Stiefel als Emblem der Zunft mit den Initialen SZ (Schuhmacherzunft)
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Zunftrodel der Fischerzunft. Rahmen geschnitzt von Rudolf Streuli-Bendel (1862 - 1948), 1911