3. Oktober 2019 - 4:16 / Ausstellung / Malerei 
11. Oktober 2019 12. Januar 2020

Eine Pionierin des abstrakten Expressionismus in den USA ist nach mehr als 50 Jahren in einer großen Retrospektive wieder in Europa zu sehen: Lee Krasner (1908–1984). Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert Hauptwerke der Künstlerin, darunter Gemälde, Collagen und Zeichnungen, sowie Fotografien und Filmaufnahmen dieser Zeit. Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer der unbeirrbarsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und zeigt Krasners Gesamtwerk, das ein halbes Jahrhundert umfasst: Selbstporträts aus den 1920er-Jahren, Aktdarstellungen in Kohle, Werkgruppen, wie etwa die geometrischen Little Images aus den 1940er-Jahren oder wegweisende Gemälde der Prophecy-Reihe aus den 1950er-Jahren, experimentelle, großformatige Werke der Umber- und Primary-Serie der 1960er-Jahre und späte Collagen der 1970er-Jahre.

Zielstrebig nahm Krasner bereits zu High-School-Zeiten Kunstunterricht und studierte in New York an der Cooper Union, der National Academy of Design der Hans Hofmann School of Fine Arts. Sie war aktives Mitglied der American Abstract Artists und pflegte Freundschaften zu Ray Eames, Ashile Gorky und Willem de Kooning. Im New York der 1940er-Jahre bewegte sie sich neben Künstlern wie Mark Rothko, Barnett Newman, Stuart Davis und Jackson Pollock im Zentrum der sich neu herausbildenden Kunstrichtung des abstrakten Expressionismus, auch New York Style genannt. Mit unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen suchte diese junge Künstlergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue bildnerische Sprache durch eine spontane, abstrakte Arbeitsweise sowie die Abkehr von europäischen Bildtraditionen.

Lee Krasners Kunst stand lange im Schatten ihres Ehemanns Jackson Pollock, der mit seinen Drip Paintings einer der Hauptvertreter des Action Painting ist. Beide lebten und arbeiteten ab 1945 in einem einfachen Holzhaus in Springs, Long Island. Nach Pollocks frühem Tod bei einem Autounfall 1956 entschied sich Krasner, sein Atelier in einer umgebauten Scheune zu nutzen, und leitete damit eine neue Phase ihrer künstlerischen Karriere ein. Erstmals konnte sie auf monumentalen, nicht aufgezogenen Leinwänden arbeiten. Es entstanden einige ihrer bedeutendsten Werke, die Schirn zeigt u. a. Polar Stampede (1960), Another Storm (1963) oder Portrait in Green (1969). Anders als andere Künstler dieser Zeit, die ebenfalls ungegenständlich malten, entwickelte Krasner nie einen „signature style“, sondern reflektierte ihre Praxis mit dem Anspruch, ihre Bildsprache stets neu zu erfinden.

Für die Ausstellung konnte die Schirn Leihgaben aus zahlreichen internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen gewinnen und in Frankfurt zusammenführen, u. a. der Pollock-Krasner Foundation, dem Metropolitan Museum of Art, dem San Francisco Museum of Modern Art, der National Gallery of Washington, dem Whitney Museum of American Art, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, dem Philadelphia Museum of Art und dem Jewish Museum, New York. Viele der Werke sind erstmals in Deutschland zu sehen, wie etwa das monumentale, über vier Meter lange Gemälde Combat (1965) aus der National Gallery of Victoria in Australien.

Die Ausstellung in der Schirn gliedert sich anhand zentraler Werkgruppen Lee Krasners der 1920er- bis 1970er-Jahre. Einen Ausgangspunkt bildet das Frühwerk, an dem sich ihr Weg in die Abstraktion eindrücklich nachvollziehen lässt. Die Schirn präsentiert u. a. ihr Selbstporträt von 1928, mit dem sie sich selbstbewusst an der Aktklasse der National Academy of Design bewarb, Aktzeichnungen in Kohle aus ihrer Studienzeit, die durch den Unterricht an der Hans Hoffmann School of Fine Arts vom Kubismus geprägt sind, sowie Fotografien der Schaufenstergestaltungen für das War Services Project, in denen Krasner Fotografie, Zeichnung und Typografie im Stil des russischen Konstruktivismus verband.

Der Umzug von Lee Krasner und ihrem Ehemann Jackson Pollock 1945 in ein Farmhaus in Springs auf Long Island, markierte den ersten von zahlreichen Wendepunkten in Krasners Werk. Mit den abstrakten Little Images, die zwischen 1946 und 1950 entstanden, wandte sie sich von ihrem durch den Kubismus und die europäische Avantgarde geprägten Frühwerk ab. Die Ausstellung zeigt aus der ersten Phase dieser Serie etwa Shattered Color (1947) oder Abstract No 2 (1947), die in ihrer All-Over-Technik an Pollocks Malweise erinnern, Krasner arbeitete jedoch viel kontrollierter und in Ölfarbe. Die Schirn präsentiert auch spätere Bilder der Serie wie Composition (1949) oder Untitled (Little Image) (1950), die dann in einem strengen Raster aufgebaut und von rechts nach links gemalt sind – eine Arbeitsweise, die sich vermutlich von der hebräischen Schrift herleitet, die sie als Kind zu schreiben lernte. Krasner, die sich in ihrem Werk immer wieder mit Kalligrafie beschäftigte, bezeichnete diese Arbeiten selbst als „hieroglyphisch“.

Auf eigene, frühere Werke griff Krasner erstmals in ihren Collage Paintings zurück, an denen sie von 1953 bis 1956 arbeitete. Sie kombinierte in dieser Serie zerrissene Zeichnungen und ältere Gemälde und entwickelte einen geradezu malerischen Umgang mit der Collagetechnik. Die Ausstellung zeigt etwa Shattered Light (1954), in dem das unter der Collage liegende Gemälde deutlich sichtbar ist, die gerissenen Papierstücke fast nahtlos in die Malerei eingearbeitet. Die frühen Collage Paintings wie Burning Candles (1955) sind kleinteilig und in Brauntönen gehalten, während sich die späteren aus großflächigeren, buntfarbigen Formen zusammensetzten, die Krasner nicht mehr ausschließlich zerriss, sondern auch zerschnitt. Die Schirn präsentiert u. a. Bald Eagle (1955), in dem Krasner zudem verworfene Arbeiten von Jackson Pollock verwendete. Eine stilistische und biografische Zäsur markiert das Gemälde Prophecy (1956), das Krasner zu Pollocks Lebzeiten begann und nach seinem plötzlichen Tod bei einem Autounfall vollendete. Krasner kehrt mit diesem Gemälde zu einer fast figürlichen, an den Kubismus angelehnten Bildsprache zurück. Weitere Werke dieser Serie thematisieren Tod, Geburt und Wiedergeburt. Die Schirn zeigt Birth (1956), Embrace (1956) und Three in Two (1956).

Ab 1956 nutzte Lee Krasner Pollocks ehemaliges Atelier und verwendete erstmals monumentale, nicht aufgezogene Leinwände, die sie direkt an der Wand befestigte. Es entstanden die großformatigen, gestischen Gemälde ihrer Umber-Serie, auch Night Journeys genannt. Sie gehören zu Krasners expressivsten Werken. Da sie es ablehnte bei Kunstlicht Farbe zu verwenden und zu dieser Zeit ausschließlich nachts malte, ist die Palette auf Weiß und Umbra reduziert. Die 1,60 Meter große Künstlerin bearbeitete die bis zu 2,5 Meter hohen Leinwände unter Einsatz des ganzen Körpers und mit langstieligem Pinsel in großen, rhythmischen Bewegungen. Trotz der großen Formate fertigte Krasner vor dem Malen nie Entwurfsskizzen oder Vorstudien an. Die Schirn zeigt aus diesem Zyklus u. a. The Eye is the First Circle (1960).

In den frühen 1960er-Jahre nutzte Krasner in ihrer Primary Series wieder starke Farben. Ihre gestischen Gemälde wurden zunehmend freier und kalligrafischer, etwa in Another Storm (1963), Kufic (1965) oder Portrait in Green (1969). In Through Blue (1963) und Icarus (1964) experimentierte Krasner mit dem Malen mit der linken Hand, nachdem sie sich den rechten Arm gebrochen hatte. Oft drückte sie die Farbe direkt auf die Leinwand und bearbeitete sie mit den Fingerspitzen. Ein weiteres wiederkehrendes Thema in ihrer Arbeit ist die Natur. Ab 1969 entstanden parallel kleinformatigere Werkserien mit Gouachefarbe auf handgeschöpftem Büttenpapier, die Krasner als Seeds, Earths, Waters und Hieroglyphes betitelte.

Die Ausstellung schließt mit zwei Zyklen aus dem Spätwerk der Künstlerin. Anfang der 1970er- Jahre begann Krasner eine Serie, in der sie abstrakte Formen mit stark kontrastierenden Farben einsetzte. Die Schirn zeigt mit Palingenesis (1971) eines der Hauptwerke dieser Phase, deren Gemälde an die Farbfeldmalerei von Mark Rothko oder Barnett Newman erinnern, sich im Werk von Krasner aber bereits in den späten Collagen der 1950er-Jahren ankündigen. 1976 entstanden Collagen mit scharfkantigen Formen, für die Krasner eigene Zeichnungen und Aktstudien in Kohle aus der Zeit ihres Studiums an der Hans Hofmann School of Fine Arts als Material nutzte und mit der Schere zerschnitt, etwa in Imperative (1976). Wie bereits ihre frühen Collagen sind diese Arbeiten eine kritische Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem eigenen Werk und Vermächtnis.

Katalog: "Lee Krasner", herausgegeben von Eleanor Nairne und Ilka Voermann. Mit einem gemeinsamen Vorwort des Barbican, der Schirn Kunsthalle Frankfurt, des Zentrum Paul Klee und des Guggenheim Museum Bilbao sowie mit Texten von Eleanor Nairne, Katy Siegel, John Yau, Suzanne Hudson und einem Interview von Gail Levin mit Lee Krasner. Deutsche und englische Ausgaben je 240 Seiten, ca. 250 Abb., 22 x 28 cm (Hochformat), gebunden, Hirmer Verlag, ISBN 978-3-7774-3296-0 (Deutsch), ISBN 978-0-500-09408-2 (Englisch), 35,- € (Schirn), ca. 45,- € (Buchhandel)

Lee Krasner
11. Oktober 2019 bis 12. Januar 2020

Schirn Kunsthalle
Römerberg
D - 60311 Frankfurt

T: 0049 (0)69 299882-0
F: 0049 (0)69 299882-240
E: welcome@schirn.de
W: http://www.schirn.de/

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  •  11. Oktober 2019 12. Januar 2020 /
Lee Krasner, Portrait in Green, 1969, 140,3 × 239,8 cm, Collection Pollock-Krasner Foundation. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation, courtesy Kasmin Gallery, New York. Photo: Diego Flores
Lee Krasner, Portrait in Green, 1969, 140,3 × 239,8 cm, Collection Pollock-Krasner Foundation. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation, courtesy Kasmin Gallery, New York. Photo: Diego Flores
Lee Krasner, Shattered Color, 1947, 53,3 × 66 cm, Guild Hall Museum, East Hampton, Long Island.© VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation. Photo credit: Gary Mamay
Lee Krasner, Shattered Color, 1947, 53,3 × 66 cm, Guild Hall Museum, East Hampton, Long Island.© VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation. Photo credit: Gary Mamay
Lee Krasner, Prophecy, 1956, 147,6 × 86,4 cm, Private Collection. © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Courtesy Kasmin Gallery, New York. Photograph by Christopher Stach
Lee Krasner, Prophecy, 1956, 147,6 × 86,4 cm, Private Collection. © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Courtesy Kasmin Gallery, New York. Photograph by Christopher Stach
Lee Krasner, Burning Candles, 1955, 147,6 × 99,1 cm, Collection Neuberger Museum of Art, Purchase College, State University of New York, gift of Roy R.Neuberger. © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. © Jim Frank
Lee Krasner, Burning Candles, 1955, 147,6 × 99,1 cm, Collection Neuberger Museum of Art, Purchase College, State University of New York, gift of Roy R.Neuberger. © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. © Jim Frank
Lee Krasner, Combat, 1965, 179 × 410,4 cm, National Gallery of Victoria, Melbourne, Felton Bequest, 1992 (IC1-1992). © VG Bild- Kunst Bonn, 2018 & The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018
Lee Krasner, Combat, 1965, 179 × 410,4 cm, National Gallery of Victoria, Melbourne, Felton Bequest, 1992 (IC1-1992). © VG Bild- Kunst Bonn, 2018 & The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018
Lee Krasner, ca. 1938, unbekannter Fotograf
Lee Krasner, ca. 1938, unbekannter Fotograf