27. Juni 2008 - 2:48 / Bühne / Musiktheater 

Nicht viel hätte gefehlt, und "Die Fledermaus", die die Gattung der Wiener Operette recht eigentlich begründete, wäre nie komponiert worden: 1872 war in Paris das Schauspiel "Le Réveillon" von Henri Meilhac und Ludovic Halévy – der Librettisten von Jacques Offenbach – mit sensationellem Erfolg auf die Bühne gelangt. Dieser war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass auf offener Szene dampfende Speisen aufgetragen wurden, deren Duft den Zuschauerraum erfüllte. Und ausserdem wurde mit einer Grundregel des damaligen Theaterspielens gebrochen: Die Darsteller agierten mit dem Rücken zum Publikum.

Als der Verleger Gustav Lewy dem Direktor des Theaters an der Wien, Maximilian Steiner, vom Erfolg des Stückes vorschwärmte, kaufte dieser es unbesehen, musste aber beim Durchlesen feststellen, dass "Le Réveillon" mit dem ganz auf Frankreich zugeschnittenen Stoff für die Wiener Verhältnisses denkbar unbrauchbar war. Das Libretto betont schon im Titel, worum es geht: "Réveillon" ist jenes ausgelassene Fest, mit dem die Franzosen den Weihnachtsabend begehen – mit Soupers, Kostümbällen und Feuerwerk, also so ziemlich mit allem, was das Gegenteil von einer stillen, heiligen Nacht ist. Einige Mitglieder der Strauss-Kapelle hätten ein eigenes Lied davon singen können, erinnerten sie sich doch noch mit Schaudern daran, auf ihrer Reise in das Frankreich Louis Philippes einen solchen Réveillon, bei dem sogar ein Kapuziner mit einer Nonne walzte, erlebt zu haben.

Steiner versuchte daraufhin das Buch seinem Kollegen Jauner vom Carl-Theater anzudrehen, der es an seinen Hausdichter Karl Haffner zum Übersetzen gab. Als er dessen Adaptierung gelesen hatte, kam auch er zu dem Schluss, das Stück eigne sich nicht für sein Theater, und er sandte Original und Übersetzung an Steiner zurück, der sich seinerseits nunmehr an Lewy schadlos halten wollte. Zum Glück wies dieser, ein Freund und Vertrauter von Johann Strauss, auf die musikalischen Möglichkeiten des Buches hin und schlug vor, es mit Hilfe von Richard Genée, dem damaligen Kapellmeister im Theater an der Wien, in ein Libretto für Strauss umzuwandeln. Und Genée verwandelte die französische Vorlage nicht nur in ein zutiefst wienerisches Textbuch, sondern auch in eines, das die Musik als Handlungsträger zwingend thematisiert.

Johann Strauss jedenfalls zeigte sich von der Adaption begeistert, enthielt sie doch grosse dramatische Situationen und Steigerungen und verlangte nach differenzierten musikalischen Charakteren. Als genuiner Musikdramatiker schuf Strauss mit dieser, seiner dritten Operette ein Werk, das Heinrich Eduard Jacob nicht von ungefähr als "eine der wenigen komischen Opern, die die Deutschen seit "Le nozze die Figaro" besitzen" bezeichnete.

Dirigent Franz Welser-Möst betont denn auch, dass man in dieser Operette niemals einen Fuss auf den Boden bekommen dürfe, da anders die Doppelbödigkeit des Werkes nicht nachvollziehbar sei – und das gilt vom ersten Ton der Ouvertüre an, die in genialer Weise das Kommende ahnen lässt und weit mehr ist als "nur ein Potpourri, ziemlich bequem gestückelt, ein Reigen dreier Themen... an der Glockenstelle simpel bis zur Kunstlosigkeit", wie sie der Musikschriftsteller Ernst Decsey, durchaus ein Verehrer von Strauss, charakterisierte. Die Art und Weise, wie Strauss hier mit seinen Themen spielt, sie auf unmerkliche Art durch winzigste Modifikationen in ihrem Charakter verändert, erinnert den Dirigenten an Werke wie "Jeux" von Debussy, aber auch an den Schluss von Mahlers "Lied von der Erde". Wie anspruchsvoll diese achtminütige Ouvertüre ist, zeigte sich schon in der ersten Orchesterprobe, galt es doch Takt für Takt musikalisch – nicht technisch – zu arbeiten, um jenen Grad an Präzision zu erreichen, der unabdingbar ist für die unter der glänzenden Oberfläche verborgene Vielschichtigkeit. Und dazu gehört es zu unterscheiden zwischen echtem und vorgetäuschtem Gefühl, eine Generalthema der "Fledermaus".

Für Regisseur Michael Sturminger ist Sehnsucht ein Schlüsselbegriff in der "Fledermaus", Sehnsucht, dem Alltag zu entfliehen, Sehnsucht, jemand anderer zu sein, Sehnsucht nach Liebe. Die Entscheidung von Johann Strauss, diese Operette für einmal nicht in einer märchenhaft entrückten oder historischen Zeit anzusiedeln, sondern in der Gegenwart, bedeutet vor allem, dass wir es mit Menschen "wie du und ich" zu tun haben und deren Gefühle gilt es ernst zu nehmen. yd

Die Fledermaus - J. Strauss
Premiere: Sa 29. März 2008

Weitere Vorstellungen:
So, 06.04.2008
Mi, 09.04.2008
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Sa, 17.05.2008
So, 18.05.2008
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Do, 03.07.2008

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