6. August 2010 - 4:00 / Film 

Vom Usus mit einem leichten und fürs große Publikum attraktiven Film auf der Piazza Grande das Filmfestival von Locarno (4. – 14.8.) zu eröffnen, ging der neue künstlerische Leitung Olivier Père ab. Mit Benoit Jacquots "Au fond des bois" stand ein zäher und höchstens teilweise gelungener Kunstfilm auf dem Programm und auch im Wettbewerb wurden mit Bruce LaBruces "LA. Zombie" sogleich ungewöhnliche Töne angeschlagen.

Literaturverfilmungen wie "Brideshead Revisited" oder "The Importance of Being Earnest", opulentes Bollywood-Kino oder eine romantische Komödie wie "(500) Days of Summer" sah man in den letzten Jahren auf der Piazza als Eröffnungsfilm. – Und ganz allgemein wird auch sonst bei großen Filmfestivals zur Eröffnung meist eher leichte Kost, die mehr oder weniger gut unterhält, aber zumindest niemanden verstört oder schockiert – allerdings auch kaum Begeisterung auslöst – zum Auftakt gezeigt.

Von solchen Geschenken ans Publikum scheint Olivier Père nichts zu halten. Französisches Kunstkino der nicht unbedingt gelungenen Art hat er mit "Au fond des bois" für den Auftakt ausgewählt. Nach einer Chronik aus dem 19. Jahrhundert erzählt Benoit Jacquot von einem Vagabunden, der sich im Haus eines menschenfreundlichen Arztes einschleicht, die Familie zuerst durch Zauberstücke für sich gewinnt, dann aber die Tochter Josephine hypnotisiert, brutal vergewaltigt und durch Zauberei (?) von sich abhängig macht und zwingt, ihm durch die Wälder zu folgen oder wie eine Marionette durch ein Bauernhaus zu kriechen.

Schwere Stimmung breitet sich schon am Beginn durch dunkle Kleider, kahle Steinbauten aus. Helligkeit bringen hier nur die mal weißen, mal tiefroten oder hellblauen Kleider der von Isild Le Besco gespielten spröden Josephine ins Spiel. Genau gewählt sind Licht- und Farbeinsatz, jede Einstellung überlegt kadriert, getragen und sehr ernst Erzählrhythmus und -ton. Doch diese Kunstanstrengung führt letztlich zu nichts, da "Au fond des bois" weder durch einen konsequenten, sich steigernden dramaturgischen Aufbau packt noch den Zuschauer emotional anspricht.

Relativ beliebig reihen sich bei der Wanderschaft durch die Wälder Szenen und Begegnungen aneinander, deutlich wird allerdings, dass sich das Abhängigkeitsverhältnis entwickelt, die Entführte zunehmend auch selbst aktiv wird und ihren Entführer zu manipulieren und zu lenken beginnt. Jacquot hat diese Geschichte über Abhängigkeit und sexuelles Erwachen aber so kühl inszeniert, dass das Interesse daran bald erlahmt und der Film sich zäh und ermüdend über 100 Minuten dahinzieht.

Für Aufregung hat "LA. Zombie" von Bruce LaBruce, mit dem der Wettbewerb eröffnet wurde, wegen angeblich skandalöser Szenen schon beim Melbourne Filmfestival und dann auch im Vorfeld von Locarno gesorgt. Strengstes Jugendverbot gilt für die Aufführungen, doch leider mag LaBruces neuestes Werk weder zu schocken noch sonst zu überzeugen. Die Geschichte um einen Zombie, der aus dem Meer steigt und durch Los Angeles streift, wo er tote Männer im wahrsten Sinne des Wortes wieder ins Leben fickt, indem er den Penis in die Wunde, sei es das offen daliegende, noch schlagende Herz oder eine Schusswunde im Kopf einführt, bietet dem Kanadier vor allem die Möglichkeit ausgiebig und rein exhibitionisch einen erigierten Schwanz zu zeigen, der Blut ejakuliert.

Gesellschaftspolitischen Kommentar, der die Zombie-Filme George A. Romeros kennzeichnete, kann man bei La Bruce keinen finden, auch wenn der Streifzug vor allem durch die Randzonen der Gesellschaft geht. Und kommen in diesem Porno auch nur Männer vor, so ist der Film doch kein wie auch immer geartetes Statement zur Homosexualität.

Ohne Dialoge erzählt, dafür mit durchgängigem Musikteppich unterlegt, bleiben so nach gut 60 Minuten einzig einige Bilder und Farbeindrücke wie der grünliche Zombie mit seinem blutrot verschmierten Mund oder ein nach einem Massaker blutrotes Sado-Maso-Studio in Erinnerung.

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Bruce LaBruce