11. November 2009 - 2:50 / Bühne / Musiktheater 

Bei der Londoner Uraufführung von David Belascos Schauspiel "Madame Butterfly. Tragedy of Japan" im Jahre 1900 sass Giacomo Puccini unter den Ehrengästen. Nach der Vorstellung kam er hinter die Bühne, um Belasco zu bitten, er möge ihn das Stück als Opernlibretto benutzen lassen. David Belascos Einakter basiert auf der Erzählung "Madame Butterfly", die der Rechtsanwalt John Luther Long aus Philadelphia 1897 im "Magazine Century" veröffentlicht hatte. Darin schildert er eine Begebenheit, die sich Anfang der 1890er Jahre in Nagasaki zugetragen hat und die ihn wohl von Berufs wegen interessierte.

Seine Schwester, damals als Ehefrau des Methodistenmissionars Irvin Vorrell in der japanischen Stadt ansässig, hatte ihm vom Schicksal eines Teehaus-Mädchens namens Cho-San berichtet, das mit einem amerikanischen Offzier liiert war. In der Annahme, ihn nach amerikanischem Recht geheiratet zu haben, gebar Cho-San ihm einen Sohn; er jedoch nahm für sich das Recht der japanischen "Zeitehe" in Anspruch, die es erlaubte, für eine bestimmte Summe Frau und Haus zu mieten, um beide Verhältnisse nach Belieben jederzeit wieder kündigen zu können.

In Longs Novelle vergnügt sich der Amerikaner Benjamin Franklin Pinkerton nicht nur nach Herzenslust mit dem Butterfly genannten Mädchen, sondern legt es auch darauf an, ihre Identität zu zerstören, indem er sie ihrer Familie und ihrem Glauben entfremdet, bevor er sie sitzen lässt. Stehen in der Erzählung Longs die rechtlichen Fragen sowie die Schilderung des imperialen Gehabes und unverfrorenen Egoismus des amerikanischen Offiziers im Mittelpunkt des Interesses, so konzentriert sich Belasco in seiner "Tragedy of Japan" auf die Situation der verlassenen, dennoch fest an die Rückkehr ihres Geliebten glaubenden Butterfly, die schliesslich keinen anderen Ausweg als den Tod sieht, als Pinkerton mit seiner amerikanischen Ehefrau zu ihr zurückkehrt, um ihr das gemeinsame Kind zu entziehen.

Darüber hinaus griffen Puccinis Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica auch auf den von André Messager 1893 vertonten Roman "Madame Chrysanthème" von Pierre Loti zurück, der mit der Schilderung japanischer Gebräuche und Gewohnheiten für Lokalkolorit im 1. Akt von Puccinis "Madama Butterfly" sorgte. Der Komponist selbt betrieb intensive Studien Japan betreffend; u.a. traf er sich 1902 in Mailand mit der japanischen Schauspielerin Sada Jaco, die sich mit Theaterstücken ihres Landes auf einer Tournee befand. Um sich mit dem Klang der japanischen Frauenstimme vertraut zu machen, bat er sie, in ihrer Muttersprache mit ihm zu reden. In seinem Wohnsitz in Torre del Lago liess sich Puccini von Hisako Oyama, der Gattin des japanischen Gesandten in Rom, Volkslieder vorsingen und schreibt an Ricordi: "Sie hat mir viele interessante Dinge gesagt und mir Lieder aus ihrer Heimat vorgesungen. Sie versprach, mir Noten von der Musik ihres Heimatlandes schicken zu lassen. Ich habe ihr in Kürze das Libretto erzählt; es hat ihr gefallen, um so mehr, als sie, wie sie sagt, eine Geschichte kennt, die der Butterflys ganz ähnlich ist und die sich wirklich zugetragen hat." Prominenteste Auswirkung seines Quellenstudiums ist die Verwendung der japanischen Kaiserhymne, die er u.a. beim Auftritt des Kaiserlichen Kommissars im 1. Akt zitiert.

Am 27. Dezember 1903 schloss Puccini seine Partitur ab und sah der Uraufführung mit hohen Erwartungen entgegen; doch diese geriet zum völligen Fiasko: "Grunzen, Brüllen, Lachen, Schreien, Hohngejohle, die üblichen dacapo-Rufe in der Absicht, die Zuschauer noch mehr zu erhitzen." Dies ist – kurz zusammengefasst – die Aufnahme, die das Publikum der Scala dem neuen Werk des Maestro Puccini zuteil werden liess. Nach diesem Höllenlärm verliess das Publikum in grösster Heiterkeit das Theater. Das Theater, das der Zuschauerraum bot, schien ebenso gut inszeniert zu sein, wie das Theater auf der Bühne. Es setzte zugleich mit dem Beginn der Oper ein, berichtete der "Musica musiciste".

Und Puccini selbst schreibt an Camillo Bondi: "Mit traurigem, aber unerschüttertem Gemüt teile ich Dir mit, dass ich gelyncht wurde! Diese Kannibalen hörten sich keine einzige Note an. Welch eine schreckliche hasstrunkene Orgie des Wahnsinns! Aber meine "Butterfly" bleibt, was sie ist: die gefühlteste ausdrucksvollste Oper, die ich je geschrieben habe." Dennoch zog er seine Partitur sofort zurück, um sie in der Folge noch dreimal zu überarbeiten. Musikalisch am gravierendsten dabei war die Umgestaltung von Butterflys Auftritt, bei dem man eine zu grosse Nähe zu seiner Mimì konstatierte. Der als überlang kritisierte 2. Akt wurde in zwei Akte unterteilt, ausserdem nahezu 300 Takte gestrichen, und für Pinkerton wurde im 3. Akt die Arie "Addio, fiorito asil" eingefügt. In dieser Fassung erzielte die Oper am 28. Mai 1904 in Brescia einen sensationellen Erfolg.

Bewirkte schon die eingefügte Arie Pinkertons eine Veränderung dieser Figur hin zum nicht mehr nur überheblichen, gewissenlosen, sondern auch der Einsicht und Reue fähigen Charakter, so nahm Puccini in der Folge noch weitere Eingriffe vor. Ganze Szenen (insgesamt 464 Takte) fielen dem Rotstift zum Opfer. So jene, in denen sich Pinkerton über die Sitten und Gebräuche des Gastlandes lustig macht, die Darstellung von Cio-Cio-Sans despektierlicher Verwandtschaft rund um den betrunkenen Onkel Yakusidé. Gestrichen wurde auch jene Stelle, in der Sharpless im Auftrag von Pinkerton Cio-Cio-San Geld anbietet, das sie empört zurückweist.

Dies alles diente offensichtlich der dramatischen Konzentration und musikalischen Sublimierung sowie einer zusätzlichen Fokussierung auf die Titelfigur, die Puccini in reicherem Masse kompositorisch bedachte als alle ihre Vorgängerinnen. yd

Madama Butterfly von Giacomo Puccini
Dirigent: Carlo Rizzi
Inszenierung: Grischa Asagaroff
Premiere: Sa 17. Oktober 2009, 19 Uhr

Mit:
Xiu Wei Sun (Cio-Cio-San)
Judith Schmid (Suzuki)
Margaret Chalker (Kate Pinkerton)
Neil Shicoff (Pinkerton)
Cheyne Davidson (Sharpless)
Andreas Winkler (Goro)
Kresimir Strazanac (Yamadori)
Pavel Daniluk (Bonze)
Alejandro Lárraga (der Standesbeamte)

Weitere Vorstellungen:
21.10.2009, 19.00 Uhr
25.10.2009, 14.00 Uhr
30.10.2009, 20.00 Uhr
05.11.2009, 19.00 Uhr
08.11.2009, 20.00 Uhr
12.11.2009, 19.30 Uhr
15.11.2009, 20.00 Uhr
19.11.2009, 19.00 Uhr

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