16. Juni 2010 - 3:49 / Rosemarie Schmitt / Musikuß

Am 6. Juni wäre er 135 Jahre alt geworden, und am 12. August jährt sich sein Todestag zu 55. Male. Der Mann, der sich in jungen Jahren als der "Dichter Thos" vorstellte und der am häufigsten Genannte, wenn es um den Kutscher-Test ging. Aber nein, er war kein Kutscher, auch wenn mitunter die Gäule mit ihm durchgingen! Bei dem Kutscher-Test handelt es sich um einen Test, den im vorigen Jahrhundert die Studenten des Theaterwissenschaftlers Prof. Artur Kutscher zu absolvieren hatten.

Zu Beginn eines jeden Sommersemesters fragte er sie, welche zwanzig lebenden Dichter sie für die bedeutendsten hielten. Und der ehemalige "Dichter Thos" wurde zwischen 1928 und 1949 stets meist benannt. Ich bin sicher, würde man den Kutschertest bei heutigen Studenten durchführen, zählte dieser Dichter noch immer zu den bedeutendsten, wenn nicht gar zu dem bedeutendsten! Doch auch sein schriftstellerischer Anfang war alles andere als leicht. Sein erstes Werk brachte er einem Münchener Kunstfreund in der Hoffnung, in diesem einen Mäzen gefunden zu haben. Doch zeigte dieser nicht das geringste Interesse an dem Manuskript. Der Schriftsteller reagierte mit den Worten: "Ich habe Sie für einen Mäzen gehalten." Worauf jener erwiderte: "Ich halte Sie aber für keinen Dichter." Das letzte Wort gehörte dem Schreiber: "Dann entschuldigen Sie bitte – da irren wir uns beide."

Ein Schriftsteller sei jemand, so sagte er, dem das Schreiben schwerer fällt als anderen! Viele wissen wer er ist, doch kennen sie ihn auch? Ich kenne ihn nicht; weiss nur, was über ihn berichtet wird und was er schrieb. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, wieviel von ihm selbst in seinen Werken steckt. Im übrigen würde es Monate dauern wenn nicht Jahre, seine Texte zu lesen oder gar zu verstehen. So versuche ich also, mich auf einem anderen Wege diesem Mann zu nähern: "Sag mir was du hörst, und ich sage dir, wer du bist." Und da macht uns Edel ein wunderbares Geschenk: eine CD-Aufnahme vom Edel-Label "Hörverlag". Es handelt sich um die Aufzeichnung eines Interviews aus dem Jahre 1954. Damals gab es die Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks "Wer wünscht was?".

Und dann hörte ich ihn. Leibhaftig und höchst persönlich. Wie stellen Sie sich die Stimme eines Mannes vor, der den "Zauberberg" schrieb? Wissen Sie, daß die große Ava Garner sich von einem ihrer Ehemänner wegen seelischer Grausamkeit scheiden ließ? Er hatte sie gezwungen, den "Zauberberg" zu lesen! Nun schütteln Sie doch nicht so ungläubig mit dem Kopf! Es ist die Wahrheit! Längst wissen Sie, von welchem Schriftsteller hier die Rede ist. Also, wie stellen Sie sich diese Stimme vor, die Stimme des "Mannes", der den "Zauberberg" und "Buddenbrooks" schrieb, was er übrigens stets zwischen 9 und 13 Uhr tat ? Wie war seine Zeit, seine Musik, und was waren seine Vorlieben? Lassen Sie es sich von ihm selbst erzählen!

Vor noch nicht allzu langer Zeit sagte ich: "Wenn ich eines Morgens wach werde und die Musik von Richard Wagner mag, dann kann ich es auch nicht mehr ändern!" Und gestern wurde ich wach. Ich hörte die Stimme von Thomas Mann. Eine Stimme, die ich mir so ganz anders vorgestellt hatte. Plötzlich war er still, und es erklang leise beginnend das Vorspiel zu Richard Wagners "Lohengrin". Mein erster Gedanke war wie schön diese Musik doch ist, und der zweite so, nun ist es also geschehen, ich beginne Wagners Musik zu mögen! Eine schockierende Empfindung. Ich hörte und wartete; wartete darauf, daß Wagner voll reinhaut in das sich zart entwickelnde Gefühl und es wieder zunichte macht. Daß er laut, gewaltig und ohne Kompromisse würde! Das tut er doch immer, denn so ist er nun mal, der Wagner, oder etwa doch nicht?

Wissen Sie, daß es für Orchestermusiker einen Gehörschutz gibt? Zugrunde liegt hier die EG-Arbeitsschutzrichtlinie "Lärm", die in der nationalen Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung umgesetzt wurde und am 15. Februar 2008 in Kraft getreten ist. Orchestermusiker sind in ihren Gräben Dauerbelastungen ausgesetzt, die den Expositionsgrenzwert von 87 Dezibel oftmals überschreiten und damit bleibende Hörschäden verursachen können, indem die Haarzellen (nicht so bei Toupets) im Innenohr absterben! Deshalb wurde ein spezieller Gehörschutz für Musiker entwickelt, der nicht nur bei Wagner Anwendung finden soll (auch bei Stockhausen, Schönberg, Strawinsky und anderen). Aber wie klingt ein Orchester, dessen Musiker sich gegenseitig nicht mehr hören?

Thomas Mann sagt, das "Lohengrin-Vorspiel" Wagners sei der Gipfel der Romantik. Schuberts "Winterreise" sei für ihn der schönste Liederzyklus der Welt. Doch er liebte nicht nur, wenn auch in erster Linie die Musik, die deutscher ist als deutsch. Er liebte die Musik Wagners, auch während der Zeiten, in denen er sich von der Person Richard Wagner völlig distanzierte. Doch ist das überhaupt möglich? Kann man ein Werk von seinem Erschaffer trennen?

Ich hörte die Stimme von Thomas Mann und dachte, das ist also die Stimme dieses Menschen, dieses Bruders, der, als seine Schwester Carla sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm darüber entsetzte, daß Carla den Selbstmord ausgerechnet im Hause der Mutter beging und nicht etwa an einem geeigneteren Ort. Und ich dachte daran, wie sehr er Wagners Musik liebte. Das ist also die Stimme des Schriftstellers, der in seinem Tagebuch all das notierte, was für ihn wichtig war. An dem Tag, als die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde, notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch den Kauf von weißen Schuhen und farbigen Hemden! Und ich dachte daran, wie sehr er Wagners Musik liebte...

Man muß diesen "Mann" nicht lieben, aber man sollte wissen, wer und wie er gewesen ist. Edel-Kultur gibt uns die wunderbare Möglichkeit, Thomas Mann selbst erzählen zu lassen. Es ist ein unerhörtes Erlebnis ihn zu hören, ihm auf diese Art zu begegnen. Zu hören, was er gerne hörte. Mann oh Mann!

Ein Dutzend ClassiCüsse gibt es dafür von mir für den "Hörverlag" und seinen edlen Vertrieb "Edel". Und am kommenden Mittwoch gibt es Neues von einem anderen Mann, von SchuMann! Schauen Sie doch einfach mal wieder rein bei kultur-online!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



12435-1243501.jpg
12435-1243502.jpg
12435-1243503.jpg