19. Oktober 2019 - 11:26 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
19. Oktober 2019 3. Mai 2020

Gehen ist für mich auch ein Ausweichen aus bestehenden Mustern. Ich wollte als Künstler nicht ins Atelier gehen, sondern hinaus auf der Suche nach dem verlorenen Verhältnis zur Natur. Diese Entfremdung war und ist immer ein Antrieb für mich. (Michael Höpfner)

Der gebürtige Niederösterreicher Michael Höpfner wandert seit zwanzig Jahren durch entlegene Regionen der Welt wie etwa die Hochebenen in Tibet, die Flussläufe in Albanien oder durch Täler in den Alpen. Er durchschreitet die Landschaften in wochenlangen Märschen zu Fuß und hält sie fotografisch, in Zeichnungen und in Tagebuchnotizen fest. Seine Wanderungen versteht Höpfner als Suche nach der menschlichen Beziehung zur Natur, in den Arbeiten erzählt er von Stille, Wortlosigkeit und Einsamkeit, von existenziellen Erfahrungen, physisch wie mental, von einfachen Größenordnungen wie Zeit und Raum, Leere und Distanz.

Anhand von Einzelbildern und vielteiligen Serien, von großformatigen, an Landkarten erinnernden Zeichnungen und handgeschriebenen Texten tauchen wir als Beobachter/innen in die Erfahrungswelt eines Künstlers ein, der das Gehen durch die Natur als eine künstlerische Handlung versteht. Seine Annäherung an die Natur ist nicht plakativ auf den Effekt aus, seine Bilder entsprechen nicht jenen Landschaften, wie man sie aus Naturdokumentationen im Fernsehen, aus Hochglanzbroschüren von Tourismusregionen oder auch Urlaubspostings auf Instagram kennt. Es gibt keine inszenierten Idyllen, keine weiten, erhabenen Stimmungsbilder in satten Farben. Bei Höpfner ist weniger mehr. Die analogen Schwarz-Weißfotos sind unaufgeregt und leise. Sie zeigen das Geröll unmittelbar vor seinen Füßen. Der Horizont liegt, wenn überhaupt sichtbar, sehr hoch. Nur selten sind Zeichen menschlicher Zivilisation zu sehen. Oft zeigen die Serien nur leicht verschobene Blickwinkel auf die gleiche, meist kahle Landschaft, wodurch unsere Wahrnehmung auf den Standpunkt der Betrachter/innen und kleine, unscheinbare Details fokussiert wird. Die feingliedrigen Zeichnungen sind stilistisch an ein kartografisches Erfassen von Landschaften angelehnt, sie entstehen jedoch assoziativ.

In der Personale der Landesgalerie Niederösterreich versucht Höpfner, das Durchwandern der letzten zwei Jahrzehnte in neuen Arbeiten zu fassen. „Gehen, wie es ich betreibe, ist immer auch eine künstlerische Handlung, die sich auflehnt, protestiert, das Erfahrene neue Einschreiben möchte... Auch gegen zeitgenössische ideologische und gesellschaftliche Ansichten“, betont Höpfner. Das Besondere an Höpfners Zugang ist, dass er die scheinbar verloren gegangene Beziehung nicht aus der Distanz in konzeptionellen Entwürfen analysiert oder in Arbeiten mit offensichtlich gesellschaftspolitischen Anspruch beklagt, dass er aber auch nicht in einnehmenden fotografischen Panoramen die scheinbar unberührte Natur als Gegenentwurf einer multimedialen, technisierten Gegenwart idealisiert, sondern entschleunigt mit Rucksack und Kamera durch abgelegene Regionen wandert und diese so unmittelbaren Erfahrungen in künstlerischen Arbeiten sehr persönlich und subjektiv zu verarbeiten sucht. Dabei erzählt er von der Brutalität und Gleichgültigkeit der Natur jenseits jeglicher romantischer Idylle, vom Gehen und Beobachten seines Selbst, von Stille, Wortlosigkeit und Einsamkeit, von existenziellen Erfahrungen, physisch wie mental, von einfachen Größenordnungen wie Zeit und Raum, Leere und Distanz. Und davon, seinen eigenen Standpunkt zu suchen und einzunehmen.

Michael Höpfner. Durchwanderte Kreisläufe
19. Oktober 2019 bis 3. Mai 2020
Kurator: Günther Oberhollenzer

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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  •  19. Oktober 2019 3. Mai 2020 /
Michael Höpfner, aus der Serie Drakyul, 2019 Privatbesitz © Michael Höpfner, Courtesy Galleria Michela Rizzo, Venice; Galerie Hubert Winter, Wien, Bildrecht Wien
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Michael Höpfner, aus der Serie Niederlegen, Aufstehen, Weitergehen. Sanwei nach Altun; Tag 13, 2012/2017 Privatbesitz © Michael Höpfner, Courtesy Galleria Michela Rizzo, Venice; Galerie Hubert Winter, Wien, Bildrecht Wien
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Michael Höpfner, Niederlegen, Aufstehen, Gehen (Schneeleopard), 2015 Sammlung Konstantin Filippou, Wien © Michael Höpfner, courtesy Galleria Michela Rizzo, Venice; Galerie Hubert Winter, Wien, Bildrecht Wien
Michael Höpfner, Niederlegen, Aufstehen, Gehen (Schneeleopard), 2015 Sammlung Konstantin Filippou, Wien © Michael Höpfner, courtesy Galleria Michela Rizzo, Venice; Galerie Hubert Winter, Wien, Bildrecht Wien
© redtenbacher.net
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