29. Mai 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Zwei Teenager, die sich verlieben hat man im Kino schon oft gesehen. Der Amerikaner Wes Anderson macht daraus aber wie nicht anders zu erwarten eine ganz eigene, unverwechselbare und mit viel Liebe zum Detail gestaltete lakonische Komödie.

Mit jedem Film entdeckt der Texaner Wes Anderson für sich neues Terrain – und bleibt sich doch immer treu. Um eine New Yorker Familie drehte sich "The Royal Tenenbaums", ein Meeresforschungsteam und auch wieder eine Familie stand im Mittelpunkt von "Die Tiefseetaucher" und in "Darjeeling Limited" schickte er drei Brüder auf eine Reise durch Indien.

Das neue Terrain ist in "Moonrise Kingdom" ein beschauliches Eiland vor der Küste Neuenglands, die neue Gruppe sind die Pfadfinder. Am Rand bleibt hier die Familie, im Mittelpunkt stehen die zwölfjährige Suzy (Kara Hayward) und der gleichaltrige Sam (Jared Gilman). Er büchst aus dem Pfadfinderlager aus und haut mit dem Mädchen ab, mit dem er seit einem Jahr per Brief eine Beziehung hat.

Quer über die Insel ziehen sie, verbringen einen romantischen Tag an einer idyllischen Bucht, der sie statt der nüchternen offiziellen Bezeichnung den Namen "Moonrise Kingdom" geben, werden bald aufgegriffen, können aber mit Hilfe von Sams Pfadfinderkollegen nochmals abhauen und werden sogar getraut.

Skurrile Handlung und Figuren sind bei Andersons Film das eine, die Inszenierung das andere. Wie jeder seiner Filme ist auch dieser ganz in eine Farbe getaucht, passend zu den Uniformen der Pfadfinder sind dies hier vor allem Gelb- und Brauntöne. Wie diese Farbdramaturgie, bei der ein tragbarer hellblauer Plattenspieler und ein rosa Koffer markant herausstechen, überlegt gewählt ist, so lässt der ganze Film viel Liebe zum Detail erkennen.

Da rückt Anderson die Cover der Fantasy-Bücher, die Suzy liest, ins Bild, blendet auf einer Karte die Route ein, die auf der Insel zurückgelegt wird, und lässt einen Erzähler mit Pudelmütze und rotem Anorak am Beginn einen bevorstehenden Sturm vorwegnehmen und abschließend dessen Folgen zusammenfassen.

Ganz trocken ist das inszeniert, fährt in der für Anderson typischen Perspektive die Schauplätze in Parallelfahrt ab oder hält das Geschehen in langen statischen halbnahen Einstellungen fest. Einerseits wird der Zuschauer damit auf Distanz gehalten, wird nicht ins Geschehen involviert, andererseits entsteht durch diese lakonische Inszenierung auch schon ein komischer Effekt.

Keine große Geschichte wird erzählt, aber in jeder Szene einfallsreich und liebevoll gestaltet ist das. Da wird ein Junge vom Blitz getroffen und steht geschwärzt doch wieder auf, der geradezu biblischer Sturm fegt einen Kirchturm weg und die aussichtslos zu dritt an den Resten dieses Turmes Hängenden werden doch noch gerettet, und zwischendurch werden mit Voice-over immer wieder Briefe eingesprochen, die sich Sam und Suzy im Laufe des vergangenen Jahres schrieben. – Wie ein Kindertraum wirkt dieser Film in vielen Szenen, ist verspielt und federleicht, zeugt aber vor allem von Andersons Liebe zum Medium und zu seinen Figuren.

So exquisit wie "Moonrise Kingdom" auf der visuellen Ebene gestaltet ist, ist er es auch auf der musikalischen. Wenn auf einer Schallplatte von Benjamin Brittens "The Young Persons Guide to the Orchestra" gleich zu Beginn von einer Jungenstimme der Aufbau eines Orchesters erklärt wird, dann verweist das auch auf Andersons Baukasten-System des Filmemachens, das aus Zerlegen und Zusammensetzen besteht.

Fein verwoben mit der Handlung ist die Musik aber auch sonst, denn organisch werden weitere Stücke unter anderem von Britten, Mozart und Schubert bis zu Militärmusik zur Inspektion des Pfadfinderlagers eingestreut. Und im Nachspann wird das Anfangsmotiv wieder aufgenommen: Der Junge erläutert nochmals den Aufbau eines Orchesters und bedankt sich schließlich fürs Zuhören.

In diesem skurrilen Spiel mischt neben den beiden großartigen Kinderdarstellern ein hochkarätiger Cast herrlich zurückhaltend mit. Harvey Keitel spielt in einer Minirolle einen alten Pfadfinder, Bruce Willis gibt trocken einen Polizisten, nicht fehlen darf in einem Anderson-Film Bill Murray, der den Familienvater spielt, während Frances McDormand als seine nicht ganz treue Frau brilliert. Tilda Swinton schließlich agiert schön steif als Vertreterin des Sozialamts – ihr Beruf bleibt dabei auch ihr Name -, die allein schon in ihrem blauen Kostüm aus dem Film herausfällt.

Und doch geht "Moonrise Kingdom" über das pure trockene Amüsement hinaus, erzählt Anderson doch auch feinsinnig vom Aufbegehren der Jugend gegen die Erwachsenenwelt – ganz bewusst ist der Film wohl 1965, also kurz vor Ausbruch der Jugendbewegung, angesiedelt. Viel vernünftiger als die Erwachsenen benehmen sich hier die Kinder, woraus wieder ein komischer Effekt entsteht.

Gleichzeitig durchzieht diese Komödie aber auch leise Trauer über das Ende der Kindheit, den Verlust ihrer Unbefangenheit und Verträumtheit und deren Ablöse durch die nüchterne und phantasielose Erwachsenenwelt. – Allein der 43-jährige Anderson scheint sich immer noch viel Kindliches bewahrt zu haben

Wird vom Freitag, den 14.9. bis Donnerstag, den 20.9. vom TaSKino Feldkirch im Feldkircher Kino Rio gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu "Moonrise Kingdom"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Taskino
Mühletorplatz 1
A - 6800 Feldkirch

T: 0043 (0)5522 72 895
F: 0043 (0)5522 75 578
E: office@saumarkt.at
W: http://www.taskino.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Ähnliche Beiträge


Skurrile Welten, schräge Familienbilder: Die Filme des Wes Anderson Mo, 21.05.2012

20545-20545moonrisekingdomplakat.jpg
Taskino
Mühletorplatz 1
A - 6800 Feldkirch

T: 0043 (0)5522 72 895
F: 0043 (0)5522 75 578
E: office@saumarkt.at
W: http://www.taskino.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse