verfasst von Haimo L. Handl / 25. November 2007 - 7:03 / Wort zum Sonntag
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Der Anlass liegt einen Monat zurück, zur Affäre ausgewachsen hat er sich erst vor gut einer Woche. Brisant ist sie, weil es um die deutsch-türkische Verständigung geht, um Integration und Islamismus. Es geht um den deutsch-türkischen Rapper Muhabbet und den deutschen Bundesminister Steinmeier, der just mit dem Rapper einen Song aufnahm im Dienste einer mediengerechten Integrationspolitik.

Einige sprechen von üblichem Media Hype, andere vom Nazitürken, Islamisten und Grauen Wolf. Anstatt Klärung verhärtende Fronten. Das integrierende Toleranzprogramm, die öffentliche Absage an Gewalt, dem sich Steinmeier und Muhabbet verschreiben, hat Kratzer bekommen und verliert an Glaubwürdigkeit.

Worum geht es? In vielen Zeitungen und Radiostationen, vor allem aber im Internet, wo der Rapper sein ursprüngliches Publikum erreichte, wurde der "Fall" behandelt. Im "Spiegel" war am 13.11.2007 zu lesen:

Im Frühling dieses Jahres wurde Schapiras gemeinsam mit dem Autor Kamil Taylan gedrehter Dokumentarfilm "Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde" in der ARD gezeigt. (...) Als Schapiras Film am 20. Oktober bei der Verleihung des "Prix Europe" in der Sparte "Current Affairs" einen Preis erhielt, lernte die Autorin Sänger Muhabbet persönlich kennen. Er hatte die Veranstaltung mit einem Lied eröffnet, später den TV-Prix-Europa für das "Multikulturelle Fernsehprogramm des Jahres 2007" übergeben und bei dem Anlass auch einen Zusammenschnitt von Schapiras Film gesehen.

Auf der Aftershow-Party sei Schapira zuerst mit Muhabbets Manager, Jochen Kühling, ins Gespräch gekommen, dann sei der Sänger selbst dazu gestoßen. Offenbar ziemlich aufgebracht, so berichtet Schapira, habe Muhabbet sie angefahren: "Theo van Gogh hat noch Glück gehabt, dass er so schnell gestorben ist. Ich hätte ihn in den Keller gesperrt und gefoltert." Dann fügte er hinzu: "Auch Ayan Hirsi Ali hat den Tod verdient."

Der Co-Autor des Films, Kamil Taylan, selbst Deutsch-Türke und Muslim, bestätigt die Darstellung Schapiras. Er sei dazu gekommen, als Schapira und Manager Kühling bereits in ein heftiges Streitgespräch vertieft gewesen seien. Taylan habe Muhabbet auf dessen Aussagen angesprochen und ihn auf Türkisch gefragt: "Junge, spinnst Du?" Muhabbet habe daraufhin auf Deutsch geantwortet: "Nein, ich meine das völlig ernst."

Die Journalistin geht nicht gleich an die Öffentlichkeit, sondern kommuniziert mit dem Manager von Muhabbet, der beim Gespräch dabei war. Es werden e-mails ausgetauscht. In einem späteren Telefonat will sich der Manager nicht mehr erinnern könnnen. Im "Spiegel" heisst es dann:
Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE kann sich Muhabbets Manager jetzt doch erinnern, dementiert allerdings die Vorwürfe Schapiras: "Das ist nicht gesagt worden. Muhabbet weiß nicht einmal, wer Ayan Hirsi Ali ist." Der Sänger selbst hatte sich gestern bereits in den ARD-"Tagesthemen" zu den Vorwürfen geäußert. Er finde "jeglichen Mordaufruf katastrophal" und sagte: "Ich weise diese Anschuldigungen komplett zurück."

Muhabbet erhält Gelegenheit, sich zu verteidigen. In der TAZ wird ein längeres Interview veröffentlicht. Minister Steinmeier kritisiert die ARD. Die Journalistin reagiert empört: Sie würde ihre Aussage auch unter Eid bestätigen. Ihr Kollege und Ko-Autor, Kamil Taylan, bestätigt.

Aussage gegen Aussage. Aber die Sache belegt eine Schieflage. Einerseits wird von politisch Korrekten, die sich auch als "politisch inkorrekt" sehen, also einer "westlichen" Mehrheit, Islamismus und Gewaltgefahr gesehen, andererseits werden die Reaktionen von politisch Korrekten des deutschen Regierungslagers als typisch islamofobisch abgewertet. Dass so bekannte Journalisten und Hetzer wie Henryk M. Broder sich des Falles annehmen, schürt nur Letzteres.

Jetzt erst scheinen die Texte, die dem jugendlichen Publikum wohlbekannt sind, auch ins Gesichtsfeld einer anderen breiten Öffentlichkeit zu gelangen. Sie werden nicht umdeutbar, nur weil sie auch von der konservativen "Welt" oder eben der Seite Broders und anderer zitiert werden. Sie sind öffentlich dokumentiert. Und was da zu lesen ist, schwarz auf weiss, ist nicht nur sexistisch, brutal in seiner Primitivität eines typischen Rapper-Unterschichts-Slangs, sondern auch faschistoid. Es geht nicht nur um Fotzen und Bitches, es geht auch um die "Wölfe", graue Wölfe, eine türkische nationalistische, faschistische Bewegung, um Kampf und Siegestaumel.

Dass der nicht fantasiert ist, sondern, leider, blutige Realität, kann man tagtäglich über die Nachrichten erfahren. Z.B., wenn Tausende von Türken, besonders ganz junge, begeistert für die Türkei und gegen die Kurden schreien und Militäraktionen, Krieg fordern. Und Krieg in der Türkei heisst Morden, heisst Folter. Auch Polizeiaktionen in der Türkei bedeuten Folter, Vergewaltigung, Mord. Jede Sympathie mit den "Wölfen", mit den nationalistischen Seiten der Türkei und des Türkentums ist ein Zuspruch an Gewalt.

Just dem widerspricht der Rapper. Er sei gegen Gewalt. Deshalb war er so glücklich, mit dem deutschen Bundesminister gesungen zu haben, Öffentlichkeit erreicht zu haben. Und siehe da, plötzlich werden von vielen die Texte bagatellisiert: kann man doch anders auffassen, ist üblich in der Szene usw.

Es erinnert unsereinen an "unsere" Rechtsextremen, die, wenn man sie mit gewissen Aussagen oder Haltungen konfrontiert, es auch nicht so gemeint haben, wo Neonaziaktivität nur sportliche Körperertüchtigung ist, wo gewisse Aussagen nur Zitate sind, gewisse Gesten unschuldige Gebärden darstellen, die von anderen wissentlich missdeutet, denunziert werden.

Es erscheint zu einfach, das Ganze mit Islamofobie abzutun. Immerhin gibt s ganz reale, konkrete Hintergründe, Taten, nicht nur Worte. Der Dokumentarfilm war über einen Filmemacher, der ermordet worden war. Im Gespräch wurde eine Autorin genannt, die unter Morddrohungen leben muss. Muhabbets Texte selbst strotzen vor Gewalt und Sexismus. Die "islamischen" Reaktionen auf blosse Medienprodukte wie Karikaturen beweisen eine übersteigerte, anmassende Empfindlichkeit einerseits und eine Gewaltbereitschaft andererseits, die im Westen keinen Platz haben darf. Eine adäquate Empfindlichkeit für "europäische" Werte wird offensichtlich nicht auf gleicher Ebene erwartet oder eingefordert. Darin liegt aber ein Teil des Problems.

Wenn man das, was die Rappertexte des Muhabbet, und er steht als einer für viele, bagatellisiert, wird man wohl auch andere der Skin- und Neonaziszene bagatellisieren müssen, ausser man beweist und belegt, dass mit zwei Massen gemessen wird und bewertet werden soll. Weshalb?