3. Januar 2012 - 3:19 / Walter Gasperi / Filmriss
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Jeder lügt zumindest einmal in Ashgar Farhadis großem Siegerfilm der letzten Berlinale. Doch jede Lüge ist für den Zuschauer, der seine eigene Position stets überdenken muss, auch nachvollziehbar, denn meisterhaft greift in dem brillant konstruierten Drama ein Rädchen ins andere. So weitet sich dieser Film zur packenden Reflexion über Wahrheit und Lüge, bieter aber gleichzeitig auch einen Einblick in die Zerrissenheit der iranischen Gesellschaft.

Unmittelbar nach seiner Uraufführung letzten Februar im Berlinale-Palast galt Ashgar Farhadis fünfter Spielfilm als der große Favorit für den Goldenen Bären. Kein anderer Wettbewerbsfilm konnte diesem Gesellschaftsdrama das Wasser reichen, der Hauptpreis und der Darstellerpreis für das gesamte, unglaublich homogene Schauspielerensemble waren die logische Folge.

Manche Filme brauchen Zeit, bis der Zuschauer in sie eintaucht, andere packen ihn mit der ersten Einstellung. "Nader und Simin – Eine Trennung" gehört fraglos zur zweiten Art. Mitten drin ist man schon im Drama, wenn Nader (Peyman Maadi) und Simin (Leila Hatami) in einer mehrminütigen starren Einstellung frontal in die Kamera, die die Position des Richters übernimmt, über ihre Trennung diskutieren.

Man spürt zwar, dass sie sich auch nach 14-jähriger Ehe noch lieben, doch unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Zukunft, lassen sie auseinanderdriften. Nader will im Iran bleiben, um seinen an Alzheimer erkrankten Vater zu pflegen, Simin will mit der elfjährigen Tochter Tamreh (Sarina Farhadi; die Tochter des Regisseurs) die Heimat verlassen, weil ihr Kind nicht unter diesen Umständen aufwachsen soll. - Ein Rätsel bleibt, wie diese regimekritische Aussage die Zensur passieren konnte.

Wie Farhadi in dieser Eröffnung keine Position bezieht, sondern beide Argumentationen gleichwertig nebeneinander stehen lässt, so wird er auch während des ganzen Films ausgewogen bleiben, wird den Zuschauer immer wieder zwingen seine Einschätzung der Figuren zu überdenken.

40 Tage soll die Tochter Zeit bekommen sich zu entscheiden, ob sie bei Vater oder Mutter bleiben will. Zunächst geht sie jedenfalls mit dem Vater. Weil Simin zu ihren Eltern zieht, muss Nader eine Pflegerin für seinen kranken Vater anstellen. Simin vermittelt ihm die aus der Unterschicht stammende religiöse Razieh (Sareh Bayat), die aber mit ihrer Aufgabe hoffnungslos überfordert ist, zudem ihrem arbeitslosen Mann (Shahab Hosseini) verheimlicht, dass sie im Haushalt eines anderen Mannes arbeitet.

Als Nader eines Tags überraschend am Nachmittag heimkehrt, findet er seinen Vater, der aus dem Bett gefallen ist, alleine vor. Aufgebracht wirft er Razieh nach deren Rückkehr aus der Wohnung, sieht sich aber schon am folgenden Tag mit einer schweren Anklage konfrontiert...

Mag einem Nader in seiner Sturheit und Knausrigkeit auch nicht besonders sympathisch sein, so kann man seine Wut über die unfähige Pflegerin durchaus verstehen. Doch wie bei der Konfrontation hat Farhadi schon zuvor durch raffinierte Ellipsen Geschehnisse ausgespart oder verschleiert. Eingeschränkt ist dadurch nicht nur der Blick der Figuren, sondern auch der des Zuschauers. Anders als zunächst wird er später die Ereignisse bewerten, wenn im Laufe der Auseinandersetzungen auf der Polizeistation und in privaten Gesprächen die Hintergründe ans Licht kommen.

Mit den Augen von Naders Tochter Tamreh und Raziehs etwa fünfjähriger Tochter Somayeh blickt der Zuschauer auf ein Netz von Lügen und Schuld, in das sich die Erwachsenen immer mehr verstricken. Brillant greift dabei ein Rädchen ins andere, keinen Leerlauf kennt das Drehbuch, stets neue Wendungen bringt die vorwärts drängende Erzählweise und rasch verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse, Richtig und Falsch.

Vermeintliche Sicherheiten werden zertrümmert und wie die beiden Kinder sieht auch der Zuschauer die Erwachsenen immer wieder neu und mit anderen, zunehmend desillusionierten Augen. So gegensätzlich ihre Positionen aber auch sein mögen, so bleibt doch das Reden und Handeln sowohl von Nader und Simin als auch von Razieh und ihrem Mann Hodjat stets nachvollziehbar.

Während die Frauen allerdings pragmatisch agieren, wirken die Männer verbohrt. So kennzeichnet tiefer Hass auf die Oberschicht den cholerischen, sich stets benachteiligt fühlenden und offenbar unter einem Minderwertigkeitskomplex leidenden schwer verschuldeten Hodjat. Im Aufeinandertreffen dieser beiden Familien macht Farhadi den Riss sichtbar, der durch die iranische Gesellschaft geht.

Gehören Nader und Simin der liberalen Oberschicht an, prägen Tradition und Religion das Leben von Razieh und Hodjat. Der geräumigen großbürgerlichen Wohnung mit Bücherregalen und CDs, steht die ärmliche Unterkunft des anderen Paares gegenüber, dem eleganten Kopftuch Simins, das ihre roten Haare nur teilweise verdeckt, der schwarze Tschador Raziehs.

Gefangen scheinen die Protagonisten in ihren persönlichen und den gesellschaftlichen Verhältnissen und die halbnahen Einstellungen, die engen Räume und Blicke durch Türen und Durchgänge verstärken diesen Eindruck. Die Verhältnisse verleiten oder zwingen sie sogar zu Notlügen, die immer weitere Kreise ziehen.

Mittendrin im Geschehen ist der Zuschauer dabei, aber auf keiner Seite, sondern hin- und hergerissener Beobachter wie die beiden noch unschuldigen Töchter. Farhadi entwickelt dabei mit dynamischer Handkamera, schnellen Schnitten und Perspektivenwechsel enormen Drive und in der Konzentration auf die differenziert gezeichneten und herausragend gespielten Mitglieder der beiden Familien und ihre Auseinandersetzung eine Dichte, die bis zum Ende nicht nachlässt. Dann wird "Nader und Simin - Eine Trennung" zum Anfang zurückkehren und mit Tamreh wird sich der Zuschauer für Vater oder Mutter, für Nader oder Simin entscheiden müssen. – Leichter ist die Wahl nach diesen 120 Minuten nicht, nur unter Tränen kann sie erfolgen, denn Sicherheiten, die Tamreh und die Zuschauer am Anfang noch hatten, wurden gründlich zerstört.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 15.2., 20 Uhr + Fr 17.2., 22 Uhr
(jeweils iran. O.m.U.)

Trailer zu "Nader und Simin - Eine Trennung"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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