29. September 2011 - 3:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Kein Wenn und Aber gibt es bei den Filmen von Samuel Fuller. Rohes, ungemein physisches amerikanisches Kino ist das im Idealfall, wild und bizarr, aber auch immer voll wahnwitziger Regieeinfälle. Mit dem 1963 entstandenen "The Naked Kiss" hat Kinowelt in der neuen Reihe "Arthaus Retrospektive" zweifellos einen der stärksten Filme des 1997 verstorbenen Regisseurs auf DVD herausgebracht.

Was für ein Auftakt: Nach zwei Vorspanntiteln schlägt eine Frau zu Jazz-Musik mit ihrer Handtasche direkt auf den Zuschauer ein. Erst ein Gegenschuss zeigt, dass die Schläge einem Mann gelten – und schon bekommt der Zuschauer mit dem nächsten Schnitt wieder einen Schlag verpasst. Gesteigert wird diese Szene noch, als der Frau ihre Perücke verrutscht und ihr kahles Haupt sichtbar wird. Als der betrunkene Mann nach einer Serie von Schlägen am Boden liegt, richtet sich die Frau direkt in die Kamera hinein, die als Spiegel fungiert, her. Unterbrochen von den nun wieder einsetzenden Vorspanntiteln, schminkt sie sich und ordnet ihre Perücke.

Ähnlich furios und unvergesslich wie der Beginn von Fullers großem Western "Forty Guns" ist diese Eröffnung, die einen Schatten über den ganzen Film legt, den Ton und ein Klima der Gewalt "The Naked Kiss" unauslöschlich einschreibt, aber auch Kelly (Constance Towers) – wie die Frau heißt – als harte Kämpferin vorstellt, die sich zu wehren versteht, sich nichts (mehr) gefallen lässt.

Mit einem Kalenderblatt wird die Szene auf den 4. Juli 1961 datiert – den Unabhängigkeitstag der USA, der so auch zu Kellys Unabhängigkeitstag wird – um dann zum 12. August 1963 zu springen und in einer Kleinstadt neu einzusetzen. Sich selbst zitiert Fuller, wenn dort in einem Kino gerade sein vor "The Naked Kiss" gedrehter Film "Shock Corridor" läuft. Darin muss man aber auch einen Verweis darauf sehen, dass es immer noch um das Irrenhaus USA geht und dass sich hinter der kleinbürgerlichen Idylle immer der Wahnsinn verbirgt.

Bei ihrer Ankunft mit dem Bus zieht Kelly sogleich die Blicke der Männer auf sich. Polizist Griff (Anthony Eisley) macht sich an sie heran, verbringt mit der Prostituierten einen Nachmittag, fordert sie dann aber auch sogleich auf die Stadt zu verlassen, ihr Glück im Bordell, das bezeichnenderweise über der Grenze des Bundesstaates liegt, zu versuchen. Nichts soll die Ruhe und Ordnung in der nach ihrem Gründer Grantville getauften Stadt stören.

Doch Kelly will sich ändern, will neu beginnen, mietet ein Zimmer und nimmt in der Klinik, in der gehbehinderte Kinder behandelt werden, eine Stelle als Krankenschwester an. Liebevoll kümmert sie sich um die kleinen Patienten, lernt auch den steinreichen Nachfahren des Stadtgründers (Michael Dante) kennen, der nicht nur gut aussieht, sondern scheinbar auch ein Philanthrop ist. Sogar die Hochzeit wird geplant, doch dann kommt Kelly hinter Grants Geheimnis...

Als unglaubwürdig kann man die Wandlung der Hure zur kinderlieben Krankenschwester bezeichnen, als hanebüchen die Wendungen der Story, doch solche Einwände wischt Fuller mit seiner rohen Inszenierung, mit bewussten Brüchen und bizarren Gegensätzen spielerisch vom Tisch.

Hier geht es nicht um platten Realismus, sondern darum mit einer bewusst übersteigerten Geschichte und einer Inszenierung, die mit ihrem Furor den Zuschauer in jeder Sekunde in ihren Bann schlägt, einerseits gesellschaftliche Abgründe aufzuzeigen, andererseits aber Emotionen zu wecken.

Fullers Credo "Film is like a battleground" ist auch "The Naked Kiss" durch und durch verpflichtet, denn da prallen Liebe und Hass aufeinander, die engagierte Krankenschwester schlägt noch zweimal rüde zu und stopft der Bordellbesitzerin im wahrsten Sinne des Wortes das Maul. Über Beethoven, Goethe und Lord Byron wird gesprochen und gleichzeitig geht es um dreckige Verbrechen, die zu einem heiteren Kinderlied begangen werden.

Da wird in einem genialen Regieeinfall, wie er sich ähnlich in "Forty Guns" findet, in dem die Braut zur Witwe wird, ein Brautschleier zum Leichentuch und gnadenlos rechnet Fuller mit der scheinbar heilen Kleinstadt ab, die als Hort von Heuchelei und Bösartigkeit erscheint und Kelly zunächst hochjubelt, dann aber auch sehr schnell fallen lässt und ihr keine zweite Chance geben will.

48 Jahre alt ist "The Naked Kiss", aber so frisch und aufregend wie zur Zeit seiner Entstehung, immer noch radikaler und rabiater als die meisten Filme der Gegenwart. Keine perfekten Meisterwerke sind die Filme Fullers, aber in jeder Szene aufregendes und verstörendes Kino, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt – kraftvolle Werke eines Wilden, wie man sie gerne öfters sehen würde. Da nimmt man auch in Kauf, dass sich als Extra auf der DVD nur der originale Kinotrailer findet und hofft, dass noch viele so herausragende Filme in der von Kinowelt gestarteten Reihe Arthaus Retrospektive folgen werden.

Trailer zu "The Naked Kiss"



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