6. Februar 2008 - 1:44 / Bühne / Musiktheater 

Seit dem 2007 begangenen 800-Jahr-Jubiläum des Epos "El Cantar de Mio Cid" kann man in Spanien auf einer zweitausend Kilometer langen Reiseroute den Spuren des Rodrigo Díaz de Vivar, genannt El Cid, folgen – und dabei lernen, dass der streitbare Kämpfer, der es später glücklich zum Nationalhelden brachte, keineswegs nur der Verteidiger der Christenheit war, als der er bis heute gefeiert wird.

Zeitweilig stand er sogar im Sold eben jener maurischen Fürsten, die seit dem 8. Jahrhundert grosse Teile der iberischen Halbinsel beherrschten und die man während der Reconquista zurückzudrängen suchte. Den Cid – ehrenhalber so genannt nach arabisch "saiyid": Herr, Meister – als Vorkämpfer des Kreuzzugsgedankens zu feiern, der sich in Europa bald zum Fieber steigerte, ist also historisch fragwürdig. Belegt ist dagegen, dass der auf Schlachtfeldern sehr erfolgreiche und durchaus königstreue kastilische Grande 1075 die in Quellen als Verwandte des Königs Alfons VI. bezeichnete Jimena heiratete. 1081 fiel er in Ungnade und wurde verbannt, näherte sich aber später dem König wieder an. Im Jahr 1099 starb er sechsundfünfzigjährig als Herrscher über Valencia, und noch heute ist sein Schwert, das den Namen Tizona trägt, im Madrider Armeemuseum zu besichtigen.

Der Rest ist Geschichtsschreibung, Literatur und Legende – und oft eine Mischung aus allem. Richard Fletcher hat in seiner Studie "The Quest for El Cid" nacherzählt, wie es zuging, "dass sich ein kastilischer Ritter aus dem 11. Jahrhundert in den Heros verwandelte, der er nie war". Als erstes verzeichnet eine aus dem 12. Jahrhundert stammende "Historia Roderici" in trockenem Latein die Taten des Cid. Dann folgt das berühmte Epos "El Cantar de Mio Cid", das in einer einzigen Abschrift des Originals von 1207 überliefert ist. Das Werk, ein Höhepunkt der spanischen Literatur des Mittelalters, besingt den Cid bereits als Idealtypus spanischen Rittertums und Imperialist in christlicher Sache. In der Folge riss die Legendenbildung nicht mehr ab, es erschien Geschichte über Geschichte, Variante über Variante, und seit dem Heraufkommen der Romanzenliteratur vereinnahmte das Thema auch diese Gattung.

1636 trat Pierre Corneille in Frankreich mit seiner erfolgreichen, aber umstrittenen Tragikomödie "Le Cid" hervor, die sich stark – so stark, dass Plagiatsvorwürfe laut wurden – ans Schauspiel "Las mocedades del Cid" von Guillén de Castro (1618) anlehnte. Dann geriet das Heldenepos allmählich in Vergessenheit und erschien erst 1779 im Druck, um von der mittelalterverliebten Romantik fleissig rezipiert und weiterverarbeitet zu werden, etwa in Herders Romanzenkreis "Der Cid" von 1805. Den Höhepunkt seiner Berühmtheit aber dürfte der Cid – trotz sechsundzwanzig Cid-Opern schon vor Massenet – mit dem dreistündigen Kinofilm "El Cid" von 1961 erreicht haben, der mit Hilfe von Sophia Loren und Charlton Heston noch einmal sämtliche Cid-Klischees in voller Hollywood-Farbenpracht versammelt – mit dem grossen Hispanisten Ramón Menéndez Pidal als historischem Berater und angeblich fünfzigtausend Statisten.

Im 19. Jahrhundert waren Gefühlsdramen vor aufwendigen Historientableaus unter anderem Sache der Grand Opéra. Jules Massenet, zwischen der kulturellen Erneuerung Frankreichs ab 1871 und dem Ende der "Belle Epoque" der wohl produktivste und präsenteste französische Opernkomponist, hatte bereits in seinen ersten Opern ahnen lassen, dass er der beliebten, aber zunehmend unter Druck geratenen Gattung der Grossen Oper neues Leben würde einhauchen können. Sein 1885 uraufgeführter "Cid", der unmittelbar nach "Manon" entstand, legt ein Libretto nach Pierre Corneilles Tragikomödie zugrunde, das ihm sein Verleger zugespielt hatte. Massenet baute eine zusätzliche Szene aus einem anderen Textbuch ein und ergänzte nach der Lektüre von de Castros "Cid"-Drama auch noch die Erscheinung des Schutzheiligen St. Jakob, die bei Corneille natürlich fehlt.

So wurde ein übernatürliches, religiöses Element in die Partitur eingebaut und damit wirkungssicher dem Operngeschmack der Zeit zugearbeitet. Vor allem aber verdichtete Massenet das Schicksal der Hauptpersonen Rodrigue (der Cid) und Chimène zum klassischen Konflikt zwischen Liebe und Pflicht – ganz im Sinne Corneilles, dessen Verse seinerzeit allbekannt waren und teils wörtlich ins Libretto übernommen wurden. Dabei legt Massenet das psychologische Hauptgewicht so entschieden und so hörbar auf Chimène, deren Situation weitaus delikater ist als die Rodrigues, der gradlinig den Ehrbegriffen seiner Kaste folgen kann, dass Debussy, der sich ebenfalls mit einer Oper "Rodrigue et Chimène" beschäftigte, schreiben konnte, Massenet liefere einmal mehr statt vertonter Geschichte "Dokumente zur Geschichte der weiblichen Seele". Womit dessen etwas zwiespältiger Ruf als einfühlsamer Komponist des "Weiblichen" gefestigter war denn je.

Der 1842 geborene Jules Massenet war zeitlebens ein Muster an Diskretion, nicht nur was seine Person, sondern auch was ästhetische Fragen und Erörterungen des öffentlichen Musiklebens betraf. Wesen und Charakter Massenets behalten deshalb trotz seiner freiweg plaudernden "Souvenirs" viel Rätselhaftes; auch über die Hinter- und Untergründe der eigenen künstlerischen Arbeit schweigt er weitgehend. Eine gründliche biographische Studie fehlt denn auch bis heute.

Massenet studierte Klavier und Komposition. Mit einundzwanzig Jahren gewann er den "Prix de Rome" und ging für zwei Jahre nach Italien, wo er auch Franz Liszt traf. Protegiert von seinem Lehrer Thomas debütierte er bereits 1867 wenig erfolgreich an der Opéra-Comique; nach dem Deutsch-Französischen Krieg schuf er viel Sinfonisches und einige Oratorien. Aber seit dem Erfolg von "Le Roi de Lahore" von 1877 beherrschte Massenet – nach Bizets frühem Tod – die Opernbühne Frankreichs bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs weitgehend. Früh wurde er zum Mitglied der Académie des Beaux-Arts und erhielt eine Professur am Konservatorium.

Ein Höhepunkt seiner Karriere war der 1892 in Wien triumphal uraufgeführte "Werther", den Wagnerianer freilich als "Wagner für arme Leute" schelten zu müssen glaubten. Daneben gab es auch immer wieder Misserfolge, flankiert von notorischen Vorwürfen des Traditionalismus und Formalismus, des mangelnden Einfallsreichtums, des Selbstplagiats und einer übertrieben kompromissbereiten Publikumsdienstbarkeit, die allzu unverhohlen auf den Tageserfolg schiele.

Bei alledem schien Massenets Stellung nahezu unerschütterlich. Er komponierte trotz zeitaufwendiger Verpflichtungen am Conservatoire gegen drei Dutzend (teils verlorener oder unvollendeter) Opern, was ihn als Vielschreiber verdächtig machte; tatsächlich zeichnete ihn unermüdliche Tätigkeit von Jugend an aus. Massenet nahm auch veristische Zeittendenzen auf – etwa mit "La Navarraise" (1894) – und komponierte das Märchen "Cendrillon" (1899). Kurz von der Jahrhundertwende verliess er, längst wohlhabend und mit eigenem Schloss in Egreville, das Konservatorium und komponierte nun auch wieder Oratorien sowie Kammermusik und ein Klavierkonzert. Daneben schuf er in dieser Zeit eine Reihe von Bühnenwerken, die in Monte Carlo uraufgeführt wurden. 1911, bereits schwer erkrankt, begann Massenet Stück für Stück mit der Veröffentlichung seiner Memoiren. Im August 1912 starb er sechzigjährig an Krebs.

Dirigent Michel Plasson hat sich als Spezialist für französische Musik immer wieder für entlegene Werke dieses Repertoires eingesetzt. Dass es so schmal ist, bedauert er: Eine ungeheure Anzahl gerade auch komischer Werke werde ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen, was auch auf eine – verglichen mit der Literatur, der Malerei und dem Kino – nachlässigere Pflege des nationalen Musikerbes in Frankreich zurückzuführen sei. Dieses Kulturversäumnis, das sich international natürlich noch potenziere, werde verschärft durch eine vor allem im Sinfonischen stattfindende globale Nivellierung des Instrumentalstils, die es zusätzlich erschwere, die Schätze des französischen Repertoires auf angemessene Weise zu heben. Einer breiten Wahrnehmung von "Le Cid" stehen denn auch bislang – abgesehen von der exzellenten Besetzung, die das Werk erfordert – die besonderen Herausforderungen des französischen Stils entgegen: die eminente Bedeutung der Sprachmusik, der Diktion, die besondere Kultur der vokalen Linien, eine durchgängige Delikatesse, Eleganz und Transparenz, im Ganzen eine fein nuancierte Präzision, ein charakteristischer Ausdruck, der auf Natürlichkeit fusst. Die Schwierigkeiten für das Orchester sind weniger technische, vielmehr "poetische": Es ist eine Musik der Farben, des Glücks, und gerade bei Massenet immer auch eine Musik der Freude und des unmittelbaren Gefallens – was man ihm zeitlebens vorgeworfen hat.

Für Regisseur Nicolas Joel hat das Randdasein von Massenets "Le Cid" zumal in Frankreich auch mit der Bekanntheit von Corneilles Versen zu tun, deren innere Musikalität bei Massenet in spätromantischer Aufbereitung, fast salonmusikartig begegnet. Diese Spannung dürfte dem Werk geschadet haben. Dazu kommt das bereits 1885 etwas anachronistische Gewand der Grand Opéra, deren Blütezeit Jahrzehnte zurückliegt. Diese Last spürt man aber nur formal, in der Struktur und den Gattungsgepflogenheiten, etwa bei den in Zürich gestrichenen Balletten, die für die Handlungsstruktur keine Bedeutung haben. Sobald aber Massenet bei sich selbst ist, Figuren porträtiert und Konflikte in Musik setzt, in den Duetten und Arien also, ist er ehrlich und modern, ja von berückender Direktheit. Seine raffinierte Musikdramaturgie neutralisiert auch gewisse Schwächen des Librettos, das mit seinem Patchworkcharakter nicht die Höhe der Arbeiten eines Scribes erreicht. Was übrig bleibt ist, wie meistens bei Massenet, fein ziselierte psychologische Handlungs- und Personenanordnung. Ein Hauptgewicht liegt dabei auf Chimène, die die klassische, von Corneille geerbte Spannung zwischen Pflicht und Liebe verkörpert und mit der sich Massenet einmal mehr als phantastischer Frauenporträtist empfiehlt. Das Schlagwort vom «Frauenkomponisten» ist allerdings ambivalent. Es war verharmlosend, ja pejorativ gemeint – zu Unrecht, wie "Le Cid" eindrücklich beweist.

Die neue Züricher "Cid"-Inszenierung gibt Tenor José Cura Gelegenheit, seine Meisterschaft im französischen Fach, das zusammen mit dem italienischen und dem Verismo das Gebiet seiner grössten Erfolge ist, erneut mit einer grossen, eigens für Zürich erarbeiteten Partie unter Beweis zu stellen. Als Chimène ist an seiner Seite Isabelle Kabatu zu erleben, die dem Zürcher Publikum unter anderem als Tosca in bester Erinnerung ist – eine Rolle, die sie hier demnächst wieder verkörpern wird. Isabel Rey, in Humperdincks "Königskindern" als jugendlich naive Thronanwärterin gerade noch verkannt und verstossen, ist im "Cid" die noble Infantin, die auf Verwirklichung ihrer königlichen Liebe verzichten muss. In der Rolle des greisen Don Diègue ist Andres Hörl zu erleben, Cheyne Davidson interpretiert den stolzen Grafen Gormas, der im Duell fällt. In weiteren Rollen singen Vladimir Stoyanov/Massimo Cavalletti, Miroslav Christoff, Tomasz Slawinski und Kresimir Strazanac.


Le Cid - Oper in vier Akten
von Jules Massenet (1842-1912)
Premiere: So, 13. Januar 08

Weitere Vorstellungen:
17./19./22./26./29. Januar 08
1./3./7./9. Februar 08

Opernhaus Zürich
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