20. Oktober 2019 - 5:57 / Ausstellung / Geschichte 
16. Oktober 2019

Der Neidhart Festsaal ist ein ganz besonderer Ort in Wien. Seine spektakulären Wandmalereien vom Beginn des 15. Jahrhunderts sind die ältesten erhaltenen säkularen Raumdekorationen Wiens. Die mehr als 15 Meter lange Bemalung, einst noch farbenfroher als heute, wurde vom wohlhabenden Tuchhändler Michel Menschein um 1400 in Auftrag gegeben. Sie erzählt Geschichten in der Tradition des berühmten Hofsängers Neidhart (ca. 1180-1240) im Wandel der Jahreszeiten. Das auf das 13. Jahrhundert zurückgehende Gebäude und die berühmten Wandmalereien geben einen faszinierenden Einblick in das Leben einer reichen mittelalterlichen Familie.

Der im Jahr 1979 bei Renovierungsarbeiten entdeckte Neidhart Festsaal wurde 2019 vom Wien Museum neu adapiert. Musik- und Literaturexperten wie auch Bauforscher, Stadt- und Modehistoriker trugen mit ihrer Expertise und aktuellen Forschungsergebnissen zur Neugestaltung bei. Rund um die lebendigen Szenen ist eine neue Dauerausstellung entstanden, die für alle Altersstufen, besonders aber auch für Schulklassen ausgelegt ist. Über multimediale Angebote wie AV-Stationen bietet sich den BesucherInnen die Möglichkeit, spannende Einblicke in das mittelalterliche Wien zu nehmen, sich in die Geschichte des Gebäudes, die Wandmalereien, das Leben und die Arbeit von Michel Menschein zu vertiefen oder Neidhart, seine Lieder und die Musik des Mittelalters zu entdecken. Die Ausstellung präsentiert neben Koch- und Essgeschirr bzw. Keramikgefäßen zur Beleuchtung und Beheizung aus dem Mittelalter auch berührbare Objekte, die den mittelalterlichen Alltag nachvollziehbar machen – sowohl der Reichen als auch der weniger Begüterten. Ob man in die Geschichte des 15. Jahrhunderts eintauchen, die Wandmalereien und ihre Geschichten über Feste, Konflikte und Streiche genießen oder sich, wie bereits Menscheins Gäste vor 600 Jahren, einfach an diesem einzigartigen Raum erfreuen möchte – ein Besuch des Neidhart Festsaal ist eine einmalige Gelegenheit, das mittelalterliche Wien zu erleben.

Das Haus Tuchlauben 19 und Michel Menscheins Textilimperium

Das heutige „Neidharthaus“ hat eine lange Geschichte, die bis ins frühe 13. Jahrhundert zurückreicht. Die Lage im Zentrum Wiens machte es zu einer begehrten Immobilie, die sich im Lauf der Zeit baulich stark veränderte. Die Liegenschaft ist über seine Einwohner eng mit der Geschichte Wiens verbunden. Einige seiner Besitzer hatten wichtige Positionen in der Stadt inne und gestalteten so das Gemeinwesen mit. So auch Michel Menschein, ein wohlhabender Tuchhändler, der das Haus Tuchlauben 19 vor über sechshundert Jahren erwarb. Menschein stammte vermutlich aus dem Mürztal in der nordöstlichen Steiermark. 1376 ist er erstmals in Wien nachweisbar, wo er offenbar rasch wirtschaftlich Fuß fassen konnte, Teil der Stadtelite wurde und als Mitglied des Stadtrats bald hohen politischen Einfluss besaß. Sogenannte „Laubenherren“ wie Michel Menschein waren sehr angesehene Bürger Wiens, die im Tuchhandel tätig waren. Nur ihnen war es erlaubt, Stoffballen von Großhändlern zu kaufen und zu zerteilen, wofür ein beträchtliches Vermögen Voraussetzung war.

Menschein verfügte bereits über zahlreiche Immobilien in und um die Tuchlauben, dem damaligen Zentrum des Tuchhandelsgrätzels. Da der Tuchhandel einer der lukrativsten Geschäftszweige des Mittelalters war, waren die Tuchlauben damals ein sichtbar reicher Straßenzug mit prachtvollen Bürgerhäusern. Das Haus Tuchlauben Nr. 19, das „Sommerhaus“, sollte – gemeinsam mit dem schräg gegenüber gelegenen Haus Nr. 20, dem „Winterhaus“ – Menscheins Wohn- und Repräsentationsdomizil werden. Er ließ das baufällige, unbewohnte Gebäude renovieren und veranlasste bei dieser Gelegenheit wohl auch die prächtige Ausgestaltung des Festsaals nach der neuesten Mode – mit Wandmalereien, die einen damals populären Liedstoff zum Inhalt haben: Schwänke rund um den Musikdichter Neidhart und seine Feindschaft zu den sogenannten „Dörpern“, die viel gesungen und auch szenisch aufgeführt wurden. Sie gaben sicher Anlass für anregende Gespräche in einer lockeren Atmosphäre und einen eindrucksvollen Rahmen für Gastmahle, Musik und Tanz.

1415 geriet Menschein in finanzielle Schwierigkeiten und musste andere seiner Häuser verkaufen. Das „Sommerhaus“ Tuchlauben 19 behielt er jedoch und vererbte es seinem Sohn Peter. Dessen Kinder Jörg und Barbara, eine Nonne im St.-Laurenz-Kloster, waren die nächsten Erben. Sie verkauften das Haus bereits 1424. Mitte des 15. Jahrhunderts wechselte das Haus einige Male die Besitzer. Alle waren im Stadtrat präsent und gehörten dem Stand der Laubenherren an. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte das Haus hohen Verwaltungsbeamten und städtischen Würdenträgern, die nichts mehr mit dem Tuchhandel zu tun hatten. Im 19. Jahrhundert gab es einige rasche Besitzwechsel, 1934 kauft die Familie Klapholz das Haus. Ihre Besitzjahre sind aufgrund der Enteignung durch „Arisierung“ von 1938 bis 1947 unterbrochen. 1969 wird Emilie Klapholz Alleineigentümerin.

Die Wandmalereien im Neidhart Festsaal – eine kunsthistorische Rarität

Die spätmittelalterlichen Wandmalereien im Haus Tuchlauben 19 sind ein außergewöhnlicher kunsthistorischer Schatz. Sie sind die ältesten zusammenhängenden bildlichen Raumdekorationen, die wir aus einem privaten Wohnbereich in Wien kennen. Es ist ein großer Glücksfall, dass sie im Zuge von Wohnungsrenovierungen im Jahr 1979 entdeckt wurden und der Öffentlichkeit als Museumsraum zur Verfügung stehen. Die Wandmalereien wurden in Seccotechnik hergestellt und überzogen im Mittelalter den gesamten Raum. Über die Jahrhunderte waren sie von mehreren Malschichten überdeckt worden. RestauratorInnen legten 1979 rund 15 Laufmeter eines Wandmalereizyklus frei. Es gelang im Folgenden, mit Unterstützung der Stadt Wien die Räumlichkeiten den Museen der Stadt Wien anzugliedern.

Das Haus und der Festsaal haben sich durch zahlreiche Umbauten stark verändert. Der einst 15 Meter lange Bildzyklus ist jedoch trotz vieler Schäden, die die Malereien seit der Zeit um 1400 erlitten haben, zu einem großen Teil bis heute erhalten. Ihre lebendige Bildsprache lässt uns vieles über die Musik- und Bildtradition des späten Mittelalters erfahren. Die Szenen haben die Lieder des Musikdichters Neidhart (ca. 1180-1240) und die Schwänke des Neidhart Fuchs, der etwa 100 Jahre später wirkte und sich an den Musikdichter Neidhart anlehnte, zum Inhalt. Sie drehen sich um die Liebe und Feste genauso wie um das bisweilen schwierige Verhältnis verschiedener sozialer Schichten in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Der Stoff erfreute sich fast 300 Jahre nicht nur in Wien großer Beliebtheit, wovon vergleichbare Wandmalereien in Zürich, Prag und der Südtiroler Burg Runkelstein zeugen.

Neidhart – Tradierung und Nachwirkung eines mittelalterlichen Sängerpoeten

Zum Leben des Musikdichters Neidhart (ca. 1180-1240) sind keine genauen Informationen erhalten. Nur durch Anspielungen in seinen Liedern und Erwähnungen in anderen literarischen Werken lässt sich die Person „Neidhart“ erahnen. Dieser Mangel an persönlichen Daten ist für das Mittelalter nicht ungewöhnlich. Aufgrund der Analyse seiner eigenen Texte und jener anderer Tondichter seiner Zeit nimmt man an, dass er von 1210/20 bis ca. 1240/45 dichtete. Nimmt man die Anzahl der Strophen und der größeren Sammlungen, ist Neidhart der am besten dokumentierte mittelhochdeutsche Lyriker. Der Überlieferungsumfang wird einzig von Walther von der Vogelweide übertroffen.

Neidhart lebte in der Blütezeit des Minnesangs, der höfischen Liebeslieddichtung. Sie wurde im hochadeligen Umfeld Okzitaniens, im heutigen Südfrankreich, entwickelt und verbreitete sich rasch über ganz Europa. Neidhart fügte ihr neue Themen hinzu, die auch mit bodenständigen Schelmereien durchzogen sein konnten.

Im Zentrum seines Spotts standen die „Dörper“, was so viel wir „Dörfler“ oder „Dorfbewohner“ bedeutet, denen er Grobheit und einen Mangel an Sitten zusprach. Darin unterschied sich seine Dichtung vom traditionellen hohen Minnesang. Dennoch war auch seine Lyrik an den Hof und die adelige Gesellschaft und nicht an die von ihm verlachten einfachen Menschen adressiert.

Neidharts Texte wurden gesungen, wobei es oft eine instrumentale Begleitung gab. Über die Musik zu der die Lieder Neidharts ursprünglich vorgetragen wurden ist wenig bekannt. Nur wenige Melodien sind aus der Blütezeit des Minnesangs um 1200 überliefert. Die ältesten Melodien, die Neidhartliedern zugeordnet werden können, stammen aus dem späten 13. Jahrhundert, die Mehrzahl wird ins 15. Jahrhundert datiert.

Im frühen 14. Jahrhundert soll ein gewisser „Neidhart Fuchs“ am Wiener Hof in die Fußstapfen des Liederdichters „Neidhart“ getreten sein, seine Lieder weitergesungen und um neue ergänzt haben. Die Existenz dieses „Neidhart Fuchs“ wird bisweilen angefochten, weil erst viel später und nur in literarischem Zusammenhang aus dem 15./16. Jahrhundert auf ihn verwiesen wird. Sein vermeintliches Grab befindet sich an der südwestlichen Außenseite des Stephandomes.

Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden Schauspielaufführungen der Geschichten, sogenannte „Neidhartspiele“, immer beliebter. Diese waren auch unter dem Namen „Neidharttänze“ bekannt, da sie oft Tanzszenen mit musikalischer Begleitung enthielten. Sie sind ein weltliches Pendant zu den beliebten geistlichen Spielen des Mittelalters (z. B. Weihnachts- oder Osterspiele) und mit Theaterstücken vergleichbar. Sie wurden vor allem im Frühling aufgeführt, vermutlich unter Beteiligung vieler Laiendarsteller und meist unter freiem Himmel.

Die Besonderheit der Lieder Neidharts liegt darin, dass sie zwar vor einem höfischen Publikum aufgeführt wurden, die beschriebenen Szenen jedoch in einem bäuerlichen, dörflichen Milieu spielen. Er bricht somit mit der Tradition des klassischen Minnesangs, in dem ein Ritter um eine edle vrouwe wirbt, die jedoch immer ranghöher ist als er selbst. Seine Vermengung von höfischem Ambiente und dörflicher Szenerie war in seiner Zeit etwas ganz Neues und vielleicht der Grund für den langanhaltenden Reiz dieser Lyrik bis ins Spätmittelalter.

Neidhart Festsaal. Wandmalereien aus dem Mittelalter
Mittwoch, 16. Oktober, 18.30 Uhr
Neidhart Festsaal, Tuchlauben 19, 1010 Wien
KuratorInnen: Michaela Kronberger, Nathaniel Prottas

Wien Museum
Felderstraße 6-8
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 4000 8400
E: office@wienmuseum.at
W: http://www.wienmuseum.at/

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  •  16. Oktober 2019 /
Neidhart Festsaal, Wandmalereien, Detail  Foto: Lisa Rastl © Wien Museum
Neidhart Festsaal, Wandmalereien, Detail Foto: Lisa Rastl © Wien Museum
Foto: Lisa Rastl © Wien Museum
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Foto: Lisa Rastl © Wien Museum
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