31. Mai 2012 - 1:15 / Archiv / Grafik 

Eine Menge kluger Menschen haben Bücher zum Thema Nonsense geschrieben, doch je klüger sie sind, desto weniger wollen sie sich auf eine Definition dieser Literaturgattung einlassen. Gibt es keinen Konsens darüber, was Nonsense ist, dann eher schon darüber, was Nonsense tut und wer Nonsense produziert hat. Eines steht fest: Am 10. Februar 1846 erschienen zwei Hefte voller Limericks und Zeichnungen unter dem Titel "A Book of Nonsense". Sie stammten vom Tiermaler Edward Lear, und erfunden hatte er sie, um Kinder zu amüsieren.

Ebenfalls für Kinder entstand die Geschichte, die 1865 unter dem Titel "Alice’s Adventures in Wonderland" erschien. Hinter dem Namen des Autors Lewis Carroll verbarg sich Charles Lutwidge Dodgson, der Mathematikdozent in Oxford war. Den Büchern gemeinsam war, dass sie die Wirklichkeit nicht als gegeben hinnahmen. Sie schufen vielmehr neue Welten, in denen andere Regeln galten als in der strengen Welt von Königin Victoria, die damals regierte. Und weil das Ganze ja unter "Unsinn" und "Kinderbücher" lief, konnte man sich Frechheiten und Angriffe auf die herrschende Moral leisten, die sonst undenkbar gewesen wären. In Deutschland dichtete der junge Christian Morgenstern ab 1895 sogenannte Galgenlieder für einen Kreis von Freunden. Hatte sein Vorbild Friedrich Nietzsche die "Umwertung aller Werte" gefordert, strebte Morgenstern eine "Umwortung aller Worte" an. Die Sprache sei bürgerlich, schrieb er, und "sie zu entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft".

Ab 1964 erschien in der deutschen Satirezeitschrift Pardon eine Nonsense-Doppelseite unter dem Titel "Welt im Spiegel". Sie war ein eigentliches Experimentierlabor für Komik, und wer da experimentierte, waren Robert Gernhardt, F.W. Bernstein und F.K. Waechter. Sie kannten Lear, Carroll und Morgenstern und stiessen in neue Gefilde des deutsch-sprachigen Nonsense vor. In der Schweiz wiederum entwickelte zur selben Zeit Kaspar Fischer, der mit Büchern von Lear und Carroll aufgewachsen war, neue Formen von Theater. Darin spielten Menschen nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände oder Gefühle, ja in einem Fall gar sämtliche Zutaten einer Gemüsesuppe. Ein Wesenszug des Nonsense ist es, Dinge und Wesen miteinander zu kombinieren, die in der Wirklichkeit nicht zusammenpassen. So heiraten bei Edward Lear "Der Kauz und die Katze", getraut von einem Truthahn. Bei Carroll tun sich ein Walross, ein Zimmermann und eine Schar von Austernkindern zusammen, was aber nur Ersteren gut bekommt.

Falsche Schildkrötensuppe, aus Kalbskopf gekocht, heisst auf Englisch "mock turtle soup". Lewis Carroll nimmt den Begriff beim Wort: Wenn "turtle soup" aus "turtles" gekocht wird, dann "mock turtle soup" eben aus "mock turtles". So eine taucht denn auch in Alice im Wunderland auf und erzählt ihre traurige Geschichte. Sie hat den Panzer und die Vorderbeine einer Schildkröte, der Rest sieht nach Kalb aus. Christian Morgenstern erstellt gar eine Liste Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen, auf der unter anderem vorkommen: der Ochsenspatz, die Turtelunke, die Quallenwanze, der Gürtelstier, der Pfauerochs, der Werfuchs, das Dreihorn, der Zwöllefant, die Tagigall und der Süsswassermops. Und 1987 berichtet der Musiker, Autor und Zeichner Volker Kriegel Bedenkliches über den Alkoholismus im Tierreich.

Im Herbst 1961 erscheint in Frankfurt a.M. die Nullnummer der deutschen Satirezeitschrift Pardon. Die kritisiert der Grafiker F.K. Waechter in Grund und Boden. Daraufhin stellen ihn die Pardon-Gründer als Layout-Chef an. 1964 werden Robert Gernhardt und Fritz Weigle, die Pardon bisher als freie Mitarbeiter beliefert haben, als Redakteure angestellt. Während Gernhardt seine vielen Pseudonyme mit der Zeit ablegt, nennt sich Weigle weiterhin F.W. Bernstein, wenn er komische Texte und Zeichnungen produziert. Rasch erkennen Waechter, Gernhardt und und Weigle, dass sie ähnlich neugierig darauf sind, neue Formen von Komik auszuprobieren.

Nach dem Tagwerk in der Redaktion gehen sie deshalb jeweils in eine Kneipe, und dann geht es los: Eine Idee, die einer hat, wird von einem anderen aufgegriffen und vom Dritten zur Vollendung gebracht. Oft wissen die Herren danach nicht mehr, wer was gemacht hat. So entsteht die Nonsense-Beilage von Pardon, die Welt im Spiegel (WimS) genannt und von September 1964 bis Januar 1976 existieren wird. Gestaltet ist sie als Parodie einer Zeitung, was schon eine Vielfalt von Formen erlaubt. Doch das ist den drei Herren nicht genug, und so entsteht die fiktive Biografie "Die Wahrheit über Arnold Hau", die 1966 im Verlag Bärmeier & Nikel erscheint.

Nachdem Pardon zu einem beliebigen Blatt verkommen ist, schreiten die Zeichner und Texter Gernhardt, Waechter, Hans Traxler, Chlodwig Poth und Peter Knorr zur Selbsthilfe und gründen das endgültige Satiremagazin Titanic, das im November 1979 erstmals erscheint. Ab ca. 1981 wird die Gruppe, der auch F.W. Bernstein und die Autoren Bernd Eilert und Eckhard Henscheid angehören, als "Neue Frankfurter Schule" bezeichnet.

Nonsense
Spielarten einer merkwürdigen Literaturgattung
21. März bis 3. Juni 2012

Museum Strauhof
Augustinergasse 9
Ch-8001 Zürich
T 0041 (0)44 412 31 39

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 12 – 18 Uhr
Sa und So 10 – 18 Uhr



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F.W. Bernstein: Eine halbe Frau und ein ganzer Mann. © F. W. Bernstein
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Robert Gernhardt: Entwurf für einen 'Schnuffi'. © DLA, Marbach am Neckar
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Edward Gorey (1925-2000): Illustration zu 'The Jumblies' von Edward Lear © 1968, renewed 1996. Edward Gorey, The Edward Gorey Charitable Trust
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Volker Kriegel: Alkoholismus im Tierreich, in: V.K., 'Tierische Reime', Zürich, Kein & Aber 2008.
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Edward Lear: Selbstportrait mit Foss. Undatiert, vermutlich 1867/1868
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F.K. Waechter: Cartoon für die Nonsense-Beilage 'Welt im Spiegel', Juli 1971. © Erbengemeinschaft F.K. Waechter