Kurt Bracharz

9. Oktober 2006 - 16:15

Wenn man sich in amerikanischen Zeitschriften die Karte mit 18 Produktionsstätten für ABC-Waffen im nördlichen Staat auf der Halbinsel Korea ansieht, fragt man sich natürlich, ob davon gleich viel zu halten ist wie von den »Massenvernichtungswaffen«, die die US-Regierung dem Irak zuschrieb, um einen Vorwand für einen angeblichen Präventivkrieg zu haben.

Ein gravierender Unterschied ist allerdings, dass Nordkorea den Besitz von ABC-Waffen ständig selbst herausstreicht, Raketentests unternommen und einen Atombombentest angekündigt hat. Für Ziele in Südkorea brauchte es zum Einsatz solcher Waffen nicht einmal Raketen. Anthrax-, Cholera- und Pesterreger sowie Giftgase könnten von Nordkorea mittels Artillerie auf Seoul abgefeuert werden. Deren konventionelle Feuerkraft wird so eingeschätzt, dass über 300.000 Geschosse pro Stunde auf die 10-Millionen-Stadt niedergehen würden. Mitten in Seoul befindet sich die von hohen Mauern umgebene, 255 Hektar große US-amerikanische Garnison Yongsan (»Drachenberg«) mit 8000 Mann soldatischem und diplomatischem Personal.

Wie verrückt Kim Jong Il ist, darüber streiten sich die politischen Analytiker. Allerdings handelt es sich in seinem Fall gewiss nicht nur um Verleumdungen durch gegnerische Geheimdienste. Sicher ist, dass ein plötzliches Ende seines Regimes bei jedem Szenario von der wirtschaftlichen Implosion bis zum militärischen Verzweiflungsakt katastrophal wäre: Weder Südkorea noch China noch die USA könnten die Flüchtlingsströme bewältigen bzw. die Lage der halbverhungerten 20-Millionen-Bevölkerung innerhalb vernünftiger Zeit auf ein erträgliches Level bringen, und das auch ohne die politische Rivalität untereinander.

Außer blauäugigen Amerikanern will auch niemand die Wiedervereinigung, weder die Südkoreaner, die sie bezahlen müssten (verglichen mit Nordkorea, war die DDR eine blühende Landschaft,), noch die Chinesen, die Nordkorea unter ihren direkten Einfluss bringen wollen, und auch nicht der mit Korea verfeindete Nachbar Japan.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)