Kurt Bracharz

24. April 2006 - 11:59

Die Sonntagsausgabe der NZZ brachte Mitte April ein Interview mit Giulio Andreotti, dem ehemaligen DC-Ministerpräsidenten und heutigen Senator auf Lebenszeit. Sie fragte ihn unter anderem, ob die Festnahme des Cosa-nostra-Capos Bernardo Provenzano am Tag nach der Wahl ein Zufall gewesen sei.

Andreottis Antwort: »Ich habe eine bösartige Vermutung. Da wollte vielleicht ein bestimmtes Lager keine Stimmen verlieren. Corleone ist ein kleines Zentrum. Es ist doch etwas komisch, dass niemand wusste, wo er war. Also gehen wir doch nachsehen, an wen die Stimmen der Corleonesi gegangen sind.«

Nun, man konnte ja mittlerweile sehen, für wen Provenzano in seiner bescheidenen Behausung (der 73jährige Capo di tutti capi lebte seit 43 Jahren im Verborgenen, konnte sein auf 600 Millionen Euro geschätztes Privatvermögen nicht genießen, ernährte sich von Gemüse und Honig und las die Bibel; er soll Dutzende Morde eigenhändig verübt und wesentlich mehr befohlen haben) Propagandamaterial aufbewahrte, nämlich für die Wahl des Berlusconi-Verbündeten Salvatore Cuffaro zum Präsidenten der Region Sizilien. Anfang der 90er Jahre hatte Provenzano einen Pakt mit einem anderen Berlusconi-Vertrauten, nämlich Marcello d’Utri geschlossen, Forza Italia und die Cosa nostra hatten ja einen gemeinsamen Gegner, die Justiz.

Die Ironie der Frage an Andreotti war natürlich, dass dieser von allen Vorwürfen, die ihm in den 80er Jahren gemacht wurden, freigesprochen worden ist; diese Vorwürfe lauteten unter anderem, Andreotti habe sich mit den Mafia-Capos getroffen, um von der Ermordung des damaligen Sizilien-Präsidenten Persanti Mattarelli abzuraten, und auch nach dessen Tötung darüber geschwiegen. Ausserdem habe er 1979 selbst einen Journalisten, der ihn erpresste, ermorden lassen. Dass »Onkel Giulio«, wie ihn seine Mafia-Freunde nannten, bei einem Treffen Totò Riina geküsst hat, war natürlich kein krimineller Vorwurf; Riina ist allerdings dadurch bekannt geworden, dass er seine Feinde an Schweine verfütterte.

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