5. November 2012 - 3:01 / Kurt Bracharz / Vorax
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Die deutsche Erzeugerfirma für vegetarische Produkte Tartex bietet derzeit eine "Saison Pastete Yamabushi" an, deren Zutatenliste so lautet: Nährhefe, Trinkwasser, ungehärtetes pflanzliches Fett, Yamabushitake-Pilze (8%), Kartoffelstärke, Sonnenblumenöl, Zwiebeln, Tomatenmark, Meersalz, Gewürze (Knoblauchpulver, Pfeffer weiß, Muskatnuss).

Den trotz seines relativ geringen Anteils namensgebenden Pilz Yamabushi ("Yamabushitake-Pilze" ist doppelt gemoppelt, denn "take" bedeutet schon "Pilz") kann man trotz der Winzigkeit seiner Abbildung auf der Dosenbanderole erkennen, es ist der Igel-Stachelbart (Hericium erinaceus). Dass Tartex nicht die deutschen Synonyme "Affenkopfpilz" oder "Löwenmähne" auf die Dosen schreiben wollte, kann man ja verstehen, aber der Name "Pom-Pom blanc" hat sich für diesen Pilz ziemlich gut eingebürgert, wäre also vielleicht verständlicher als das japanische Wort.

Der Igel-Stachelbart kommt als Wundparasit an Eichen oder Buchen in ganz Europa vor, ist aber überall selten. Die auf Wochenmärkten und anderweitig angebotenen Exemplare stammen aus Zuchten. Der Igel-Stachelbart wurde Ende der 1950er Jahre in Shanghai kultiviert und bald auch in den USA und in europäischen Ländern gezüchtet. Die bei uns auf den Markt kommenden Exemplare kommen aus den Niederlanden oder aus Deutschland.

Ewald Gerhardts "BLV Handbuch Pilze" (München, o. J.) fasst sich hinsichtlich des Speisewertes kurz: "Der Igel-Stachelbart ist im Jugendstadium essbar. Ältere Pilze werden schnell zäh und sind daher ungenießbar." Dasselbe gilt für den Dornigen Stachelbart (Creolophus cirrhatus). Zum Verzehr schneidet man den Igel-Stachelbart in Scheiben oder Würfel und brät ihn in Butter oder Öl, wofür man ihn auch panieren kann. Die Pilzbücher behaupten eine Ähnlichkeit mit Hühner- oder Kalbfleisch, Wikipedia nimmt eine an Meeresfrüchte erinnernde Konsistenz und "leicht fruchtige Aromen von Kokosnuss und Zitronengras" wahr, die "auf 4-Octanolid bzw. Limonen zurückzuführen sind". Laut den Untersuchungen von Renate Eisenhut vom Lehrstuhl für Gemüsebau der Technischen Universität München sind für das Aroma des Igel-Stachelbarts 32 Substanzen verantwortlich, erheblich mehr als etwa in Austernpilzen oder Shiitake.

Der Igel-Stachelbart wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin hoch eingeschätzt. Jan Lelley schreibt in "Die Heilkraft der Pilze", Düsseldorf und München 1997: "Ying Jianzhe und seine Mitautoren berichten in "Icones of Medical Fungi from China’", dass diese Substanzen die Immunfunktion des Organismus steigerten, und sie haben in Tierexperimenten eine signifikante Hemmung des Wachstums der bösartigen Gewebegeschwulst Sarkoma 180 festgestellt. (...) Weiter wird berichtet, dass die Chinesen Tabletten aus dem Myzelium des Igel-Stachelbarts herstellen und diese erfolgreich gegen Magengeschwür, Zwölffingerdarmgeschwür, chronische Magenschleimhautentzündung und gegen den chronisch-atrophischen Magenkatarrh einsetzen. (...) Speziell für die Behandlung von Nervenschwäche oder bei einem allgemeinen Erschöpfungszustand empfiehlt man die Verwendung von 150 g Trockenpilzen. Sie werden in Scheiben geschnitten und mit einer Hühnerbrühe gekocht. Von der Suppe wird zweimal täglich gegessen."

Ein Verwandter des Igel-Stachelbart ist der Ästige Stachelbart (Hericium coralloides), welcher der "Pilz des Jahres 2006" war. Auch er gilt als möglicher Lieferant von Heilmitteln. Ein Speisewert wird ihm von Gerhardt (s. o.) nicht zugebilligt.



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Affenkopfpilz