4. April 2014 - 2:43 / Archiv 

Am 23. März 2014 feiert Peter Kubelka seinen 80. Geburtstag. Kubelka ist ein genuiner "Renaissance-Mensch": Hochschullehrer, Musiker, Kulturhistoriker, Judoka und Leichtathlet, Theoretiker und Praktiker der Speisenbereitung, Mitbegründer des Österreichischen Filmmuseums (1964) und der Anthology Film Archives (1970) – und einer der bedeutendsten Filmmacher aller Zeiten.

Das Filmmuseum zeigt im Rahmen dieser Schau mehrmals alle Filme Kubelkas, stellt kaum bekannte Film- und TV-Dokumente über verschiedene Momente seines Schaffens vor, gibt ein umfassendes Bild von der Arbeit seiner ehemaligen Student/inn/en an der Frankfurter Städelschule und präsentiert – zum ersten Mal im "Unsichtbaren Kino", dem von ihm konzipierten Kinoraum – sein ereignishaftes Werk Monument Film aus dem Jahr 2012. Eine große Lecture von Peter Kubelka und Gespräche über sein Werk mit internationalen Gästen runden die Veranstaltung ab.

Wenn Peter Kubelka kocht, kocht er die naheliegenden, einfachen Dinge: lokale Speisen, wie sie "ganz normale" Menschen essen, oder besser: vor nicht allzu langer Zeit noch zubereitet und gegessen haben. Kubelkas Filme hingegen gelten vielen als "eigen", sie seien – gemessen am "Normalkino" – nicht so leicht zu verdauen. Das Gegenteil ist der Fall: Man muss auch sie naheliegend und einfach nennen. Sie gehen vom materiellen Zelluloidstreifen und vom einzelnen Filmkader aus. So verwirklichen sie eine betont handwerkliche und zugleich spielerische Vorstellung des Mediums. In Kubelkas Sinn müsste man sagen: So würden ganz normale Menschen Filme machen, oder besser: vor nicht allzu langer Zeit noch gemacht haben.

Bei aller Systematik ihrer Struktur und trotz der oft Jahre währenden Schnittarbeit steht die unmittelbare, überschießend physische Wirkung der Filme als Projektionsereignis im Zentrum von Kubelkas Schaffen. Es geht um den schieren Rausch, den seine Freude an Geschwindigkeit, Rhythmus, Kontrast, Sekundenmetaphern im Betrachter erzeugt. Etwa, wenn er in seinem ersten, unter Mitarbeit von Ferry Radax produzierten Film "Mosaik im Vertrauen" (1955) Wochenschaubilder einer Motorsportkatastrophe mit jenem fernen Ausruf in österreichischer Dialektsprache kombiniert: "Jetzt hod’s eam z’rissen!" In den "metaphorischen Filmen" Kubelkas, allen voran "Unsere Afrikareise" (1966), kommt der Bezug zur wirklichen Welt genauso deutlich zum Ausdruck wie die Liebe zu den Bild- und Tonexplosionen des Kinos. "Meine Politik war immer nur der Film", sagt Kubelka oft, und ist dennoch ein Künstler, der von seiner Zeit und Gesellschaft berichtet, selbst wenn diese Berichte tief in seine Filmkristalle eingelassen sind.

Mit den sogenannten "metrischen Filmen" – "Adebar" (1957), "Schwechater" (1958) und "Arnulf Rainer" (1960) bzw. "Antiphon" (2012) – formuliert Kubelka seine Idee filmischer Zeit in schlackenloser Weise. Doch sie sind, gegen die konventionellen Schubladen der Kunsttheorie gesprochen, keineswegs abstrakt. Kubelka: "Wenn etwas abstrakt wird, gibt es einen ungeheuren Energieverlust." Diese Filme sprechen vielmehr in denkbar konkretester Form die Sprache des Mediums. So wie Stimme, Klang und das "natürliche", performative, leibhaftig anwesende Reden im Raum bei Kubelka weitgehend das ("abstrakte") Geschriebene ersetzen, so artikulieren auch seine Filme ihr Denken jenseits aller literarischen, malerischen, theatralen und akademischen Traditionen des Kinos.

Kubelka ist ein Philosoph außerhalb der "offiziellen" Philosophie: ein später Wiener Moderner, der zur Vermittlung seiner lebensfrohen und sehr zugänglichen "Traktate" nicht Bücher gewählt hat, sondern die jeweilige Inschrift der Ausdrucksformen, die für ihn am Beginn aller Poetik-Ästhetik- Kulturgeschichte stehen. Damit wird auch der Film "vorverlegt" in die Zeit, bevor die Menschen anfingen, sich für alles und jedes der Schreibschrift zu bedienen und der sprachlich verfassten Wissenschaft den Vorrang zu geben. Künstlerisches Denken steht für ihn am Beginn aller großen Erfindungen: "Eine gute Frage ans Universum zu stellen, ist eine künstlerische Tat."

Zum Peter Kubelkas 80. Geburtstag bringt das Filmmuseum auch Martina Kudláčeks Dokumentarfilm "Fragments of Kubelka" (2012) erstmals auf DVD heraus. Nach Arbeiten über Alexander Hackenschmied, Maya Deren und Marie Menken hat die österreichische Filmemacherin nun zum vierten Mal ihre Gabe der subtilen, gleichwohl insistierenden Beobachtung und Porträtierung an einer ikonischen Figur des internationalen Avantgardefilms erprobt. Peter Kubelkas Lebenswerk und seine "performative" Methode, die Welt und ihre natürlichen wie kulturellen Phänomene gleichermaßen zu umarmen und zu durchdringen, verlangen nach einer flexiblen Erzählform, die Martina Kudláček blendend beherrscht: das geduldige Auswerfen weiter historischer Netze und die kristalline Verdichtung von Erkenntnis in Sekundenbruchteilen.

Die Doppel-DVD enthält ein mehrsprachiges Booklet mit Texten von Nicole Brenez, Tom Gunning sowie Christian Höller – und Peter Kubelkas prägnante Interpretation des Wiener Schnitzels. Die Kinopräsentation des Films am 9. April bildet den Abschluss der Schau.

Peter Kubelka - Zum 80. Geburtstag
23. März bis 9. April 2014

Österreichisches Filmmuseum
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A - 1010 Wien

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Dichtung und Wahrheit, 1996 / 2003; Peter Kubelka. © Österreichisches Filmmuseum
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Schwechater, 1958; Peter Kubelka. © Österreichisches Filmmuseum
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Schwechater, 1958; Peter Kubelka. © Österreichisches Filmmuseum
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Mosaik im Vertrauen, 1955; Peter Kubelka, Ferry Radax. © Österreichisches Filmmuseum
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Unsere Afrikareise, 1966; Peter Kubelka. © Österreichisches Filmmuseum
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Peter Kubelka, 2013; © Robert Newald