18. Oktober 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Das Verschwinden von vier jungen Frauen im Outback Australiens inszeniert Peter Weir als lichtdurchflutetes und atmosphärisch dichtes Mystery-Drama, in dem die Rätsel nicht aufgelöst werden. Bei Koch Media ist dieser 1975 gedrehte Meilenstein des australischen Kinos auf DVD und BluRay sowie in einer Special-Edition erscheinen.

Am 14. Februar 1900 unternehmen die Schülerinnen eines australischen Internats, nachdem sie von der Direktorin genau über die Gefahren belehrt wurden, einen Ausflug zu der Gesteinsformation Hanging Rock. Drei Mädchen und eine Lehrerin verschwinden bei diesem Ausflug auf mysteriöse Weise, Suchaktionen bleiben zunächst erfolglos. Wochen später wird dennoch eines der Mädchen gefunden, doch sie kann sich angeblich an nichts erinnern. Der Vorfall schadet aber dem Ruf des Internats schwer und zunehmend melden Eltern ihrer Kinder ab…

Nicht zufällig spielt Peter Weirs zweiter langer Spielfilm, der hier im gegenüber der Kinofassung um sieben Minuten gekürzten Director"s Cut vorliegt, im Jahr 1900, denn inhaltlich geht es um eine Wende, um das Aufeinandertreffen von Altem und Neuem, von starrer Ordnung und jugendlichem Drang nach Lustentfaltung. Ausformuliert wird dieser Gegensatz auch durch die visuelle Gestaltung, wenn den in dunkle Brauntöne getauchten Innenszenen lichtdurchflutete flirrende Szenen in freier Natur gegenübergestellt werden. Traumartig wirkt "Picknick am Valentinstag" immer wieder und dieser Bezug zum Träumerischen wird schon am Beginn hergestellt, wenn eine der Schülerinnen mit den Worten "Denn ein Traum ist alles Sein" erwacht.

Irritationen lösen dabei die intensive Tonkulisse mit Naturgeräuschen, Zeitlupenaufnahmen, in denen sich die Mädchen wie in Trance zu bewegen scheinen, und das Fokussieren auf der Felsformation aus. Zu Chiffren und Metaphern werden Bilder und Töne durch dieses Insistieren. Das Schnüren eines Korsetts verweist hier auch auf gesellschaftliche Einengung, unübersehbar ist der sexuelle Komponente des Satzes "Sie ist völlig intakt", den der Arzt mehrmals in Bezug auf die wieder gefundene Schülerin wiederholt.

In der wild wuchernden Natur spiegelt sich das jugendliche Begehren und der Wunsch nach einem Aufbruch zu Neuem, während die strenge Ordnung im Internat für eine überholte, dem Untergang geweihte Gesellschaft steht. Und auf der Personenebene steht der steifen Direktorin Appleyard die von ihrer Französischlehrerin mit einem Botticelli-Engel verglichene Miranda gegenüber.

Vorläufer ist "Picknick am Valentinstag" im Aufeinandertreffen von Drill und Freiheitsstreben nicht nur von Weirs "Club der toten Dichter", sondern hat in seiner "Mädchen"-Geschichte und seinen vielfach an Gemälde erinnernden Bildern unübersehbar auch Sofia Coppolas "Virgin Suicides" beeinflusst.

Kein Blut fließt hier. Nie wird aufgeklärt, was mit den Mädchen geschah, doch angespielt wird in Bildern und Dialogen immer wieder auf das sexuelle Erwachen. Mit diesen Andeutungen, der brillanten Kameraarbeit von Russell Boyd, sowie einer faszinierenden Ton- und Musikkulisse schafft Weir eine dichte Atmosphäre des Mysteriösen und Unerklärlichen, die diesem in kein Schema passenden Film Vielschichtigkeit verleiht und ihn lange über das Filmende nachwirken lässt.

An Sprachversionen bietet die von Koch Media herausgegebene DVD und BluRay die englische und die deutsch synchronisierte Fassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den Originaltrailer und eine Bildergalerie mit seltenem Werbematerial. Wesentlich mehr Material bietet die Special-Edition mit drei DVD und einer BluRay. Diese Edition enthält auf einer DVD und der BluRay den Director"s Cut, sowie nur auf DVD die ursprüngliche Kinofassung. Dazu kommen unter anderem die fast zweistündige Dokumentation "A Dream within a Dream", eine erste Kurzfilmadaption des Romans ("The Day of Saint Valentine"), eine 25-minütige Doku "A Recollection: Hanging Rock 1900", Interviews mit den Darstellern Dominic Girard und Karen Robsen sowie der Autorin Joan Lindsay und ein neunminütiger Audiokommentar des Regisseurs.

Trailer zu "Picknick am Valentinstag"



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