20. Januar 2008 - 1:52 / Bühne / Musiktheater 

"Ich bin absolut überwältigt von diesem wundervollen, erhabenen Werk. Ich halte es für eine der grossartigsten Opern, die je geschaffen wurden." Kein Geringerer als Gustav Mahler formuliert dieses Lob für Jacques Fromental Halévys "La Juive", die bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu den immer wieder gespielten Werken im Repertoire der grossen Opernhäuser gehörte und die nun – nach über 80-jähriger Abstinenz – in den Spielplan des Opernhauses Zürich zurückkehrt.

Jacques François Fromental Élie Halévy wurde 1799 in Paris geboren. Sein Vater Élie war von Fürth aus nach Frankreich gekommen und erwarb sich in Paris als Gelehrter des Hebräischen, Dichter und Herausgeber der Zeitung "L’Israélite français" grosses Ansehen. Sein Sohn Fromental wurde schon im Alter von zehn Jahren ins Pariser Conservatoire aufgenommen. Er studierte u.a. bei Luigi Cherubini, errang den Rom-Preis und kehrte nach dreijährigem Italien-Aufenthalt 1823 nach Paris zurück. Seine ersten Bühnenerfolge feierte er am Théâtre-Italien mit "Clari", sowie mit "L’Artisan" und "Le Roi et le batelier" an der Opéra-Comique.

Den Durchbruch als Komponist bescherte ihm jedoch "La Juive", die seinen Namen in kurzer Zeit in ganz Europa bekannt machte. Von Halévys späteren Opern fand nur noch "La Reine de Chypre" stärkeren Anklang. Für sein Debüt an der Pariser Opéra stellte man ihm Eugène Scribe zur Seite, einen der gefragtesten französischen Librettisten und Dramatiker, dem wir auch die Textbücher zu Meyerbeers Opern «Les Huguenots» und «L’Africaine» oder Verdis «Vespri Siciliani» verdanken.

"La Juive" geriet Scribe und Halévy zum Musterbeispiel der "Grand Opera", jener Sonderform der französischen Oper, die zwischen 1830 und 1850 mit Paris als Zentrum ihre grosse Blütezeit erlebte und deren Werke einer eigenen Ästhetik gehorchten: eine Handlung in fünf Akten mit spektakulären Situationen, welche prunkhafte Inszenierungen geradezu herausforderten; grosse Gefühle als Thema, verbunden mit historischem Interesse; grosse Chorszenen sowie ausgedehnte Balletteinlagen – dies alles vor dem Hintergrund reich ausgestatteter Bühnenbilder mit der Möglichkeit zu den verschiedensten Spezialeffekten und dem Einsatz einer Vielzahl von Statisten.

Dass "La Juive" wie auch die ein Jahr später uraufgeführten "Hugenotten" Meyerbeers ganz besonderen geschichtlichen Umständen entsprangen, betont Karl Leich-Galland, der Herausgeber der auch für unsere Aufführung verwendeten Neuedition von Halévys Oper: "Die Pariser Juli-Revolution des Jahres 1830 hatte der Restaurationszeit, die in ihren letzten Jahren auch durch starke klerikale Tendenzen gekennzeichnet war, ein gewaltsames Ende gesetzt. Unter der Herrschaft der nunmehr tonangebenden liberalen, oft auch voltairianisch gesinnten Bourgeoisie wurden bald darauf von der Pariser Oper zwei gross-angelegte Bühnenwerke in Angriff genommen, die geeignet waren, einem breiten Publikum vor Augen zu führen, auf welch abstossende Weise die (katholische) Kirche einst mit heterodoxen Minderheiten umsprang. Das entscheidende Moment des tragischen Ausgangs beider Werke ist jedoch weniger die physische Vernichtung von Angehörigen religiöser Minderheiten als vielmehr deren ausdrückliche Wahl des Märtyrertodes unter verachtungsvoller Zurückweisung der lebensrettenden Konversion. Diese in heroischer Selbstüberschreitung besiegelte Teilhabe an einer "besonderen", jüdischen oder protestantischen Religionsgemeinschaft stellte einen unbezweifelbaren moralischen Sieg über die "eine, allgemeine" Kirche dar und liess die "Juive" schon den Zeitgenossen als eine "Apotheose des Judaismus" erscheinen."

Nur wenige Dirigenten haben "La Juive" in den letzten Jahren dirigiert. Neu ist die Partitur auch für Carlo Rizzi, den langjährigen Chef der Welsh National Opera, der damit nach Verdis "I Vespri Siciliani" eine weitere Premiere am Opernhaus dirigieren wird. "La Juive" mit Neil Shicoff als Éléazar aufzuführen, war Grund genug, die Zürcher Einladung zu dieser Neuinszenierung anzunehmen. Der Blick in die Partitur vermittelte ihm einen eher widersprüchlichen Eindruck von einer Oper, die nicht sofort als Meisterwerk zu erkennen ist und der man, so Carlo Rizzi, "ein wenig auf die Sprünge helfen muss".

Was die Anforderungen an die Orchestermusiker angeht, so liegen sie weniger Schwierigkeitsgrad der Partitur als vielmehr im Ausformen der richtigen Balance zwischem dem Lyrismus des Werkes und den gross orchestrierten Teilen, die nicht zu musikalischer Kraftmeierei verleiten dürfen. Das gilt auch für die Chöre, die ihren Charakter oft schlagartig ändern. Was eben noch Festtagsfreude und stimmungsvolle Ausgelassenheit war, schlägt im nächsten Moment um in Aggression und Gewaltbereitschaft.

Regisseur David Pountney hat sich entschlossen, seine Inszenierung von Halévys "La Juive" nicht im mittelalterlichen Konstanz, sondern im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielen zu lassen. Das Land befand sich damals in einer schwierigen Situation: Die Niederlage im französisch-preussischen Krieg war ein schwerer Schlag für den Stolz der "Grande Nation". Die Armee wurde zum geheiligten Racheinstrument, mit dem man die verlorenen Gebiete zurückerobern und den Stolz Frankreichs wiederherstellen wollte. Sie war eine unantastbare Institution und gehörte – gemeinsam mit den alten Adelsfamilien und dem französischen Klerus – zu den Hauptstützen eines starken national-konservativen Lagers.

Dem stetig ansteigenden Zustrom von Fremden begegnete man mit wachsender Feindseligkeit. Immer häufiger wurde der Ruf "Frankreich den Franzosen!" laut. Die katholische Kirche und ihr publizistisches Sprachrohr, die Zeitung "La Croix", hatten schon lange einen antijüdischen Kurs vertreten. Ganz unverhohlen formulierte man: "Franzose sein heisst Katholik sein". Protestanten, Freimaurer und Juden waren von vornherein verdächtig. Diese drei Strömungen – Liebe zur Armee, Ressentiment gegenüber den Fremden und Misstrauen gegenüber den Juden – flossen in der Dreyfus-Affäre zusammen.

Alfred Dreyfus war ein junger französischer Offizier – ein Jude, der 1894 aufgrund falscher Beweise der Spionage für Deutschland und des Verrats von Militärgeheimnissen angeklagt wurde. Ihm wurde sein Rang abgesprochen, er wurde öffentlich gedemütigt und auf die Teufelsinsel vor der Küste Französisch-Guayanas verbannt, wo er unter inhumanen Bedingungen gefangen gehalten wurde. Die schnelle Verurteilung des Juden Dreyfus machte viele Zeitgenossen skeptisch. Auch Émile Zola, der berühmteste französische Schriftsteller seiner Zeit, war mehr und mehr davon überzeugt, dass es sich hier um ein juristisches Fehlurteil handelte.

Dass Zutritt zur Gesellschaft keineswegs auch Akzeptanz bedeutet, war eine der bitteren Lektionen, die das Unglück des assimilierten Offiziers Dreyfus zu lehren hatte – eine Lektion, die auch Éléazar erteilt wird. David Pountney zeichnet ihn ganz bewusst nicht als armen Juden, sondern als respektablen Vertreter einer Mittelschicht, den seine Kontakte in die höchsten gesellschaftlichen Kreise jedoch nicht vor Vorurteilen und Verfolgung schützen.

Im Rahmen der Aufführungen von "La Juive" ist vom 22. Dezember 2007 bis zum 20. Januar 2008 im Raucherfoyer (Parkett rechts) eine Sonderausstellung zur Dreyfus-Affäre zu sehen, die mit freundlicher Unterstützung der Dreyfus Society for Human Rights ermöglicht wurde. (mk)


La Juive - Oper in fünf Akten von Jacques Fromental Halévy (1799-1862)
Libretto von Eugène Scribe, Uraufführung: 23. Februar 1835
In französischer Sprache mit deutscher Übertitelung
Musikalische Leitung Carlo Rizzi
Inszenierung David Pountney
Choreographie Renato Zanella

Mit:
Malin Hartelius, Angeles Blancas, Neil Shicoff, Alfred Muff, Celsar Albelo, Massimo Cavalletti, Kresimir Strazanac, Beate Vollack, Christian Rovny

Premiere: Samstag, 22. Dezember 2007, 19.00 Uhr

Weitere Vorstellungen:
26./30.12.2007
4./8./12./16./20.01.2008

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH - 8008 Zürich

T: 0041 (0)44 26864-00
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