29. Mai 2019 - 4:42 / Ausstellung 
5. Juni 2019 22. September 2019

In ihrem Œuvre hat Rebecca Horn einen ihr eigenen symbolischen Kosmos geschaffen, der in seiner Offenheit und Poesie bis heute berührt. Die Künstlerin choreografiert in ihren Arbeiten Bewegungen von Menschen und Maschinen. Die mechanische Motorik des Körpers und ein phantastischer Tanz der Dinge werden dabei zum Ausdruck von Emotionen, den Bewegungen des Gemüts. Ihre Werke umfassen Körperinstrumente und Aktionen, Filme, kinetische Skulpturen und Installationen und sind nun erstmals seit über 30 Jahren wieder in einer grossen Einzelausstellung in der Schweiz im Museum Tinguely vom 5. Juni bis 22. September 2019 zu sehen.

Inspiration für Rebecca Horns Schaffen bildet stets der Körper und dessen Bewegungen. In ihrem performativen Frühwerk der 1960er und 1970er Jahre äussert sich dies in der Anwendung von Objekten, die als Körpererweiterungen neue Wahrnehmungserfahrungen eröffnen und zugleich auch als Begrenzungen wirken. In der Folge schuf die Künstlerin ab den 1980er Jahren primär kinetische Skulpturen und zunehmend raumgreifende Installationen, die mittels Bewegung lebendig werden.

Der agierende Körper wurde durch einen mechanischen Akteur ersetzt. Diese Transformationsprozesse zwischen erweiterten Körpern und animierten Maschinen in Rebecca Horns fünf Dekaden umspannenden, medienübergreifenden Œuvre stehen in Basel im Zentrum. Während die mechanischen Konstruktionen aus kühlem Metall hinsichtlich ihrer Materialität in starkem Kontrast stehen zu den aus Stoff gefertigten oder mit Federn ausgestatteten, sich an den Körper anschmiegenden Extensionen des Frühwerks, werden hingegen dessen spezifische Bewegungen weitergeführt und entwickelt. In der Ausstellung «Körperphantasien» werden performative Arbeiten und spätere Maschinenskulpturen nebeneinander gezeigt, um die Entfaltung von Bewegungsmotiven im Schaffen der Künstlerin nachvollziehen zu können. Gegliedert in mehrere Geschichten zeichnet die Basler Präsentation so die Entwicklung ihrer Werke als «Stationen in einem Transformationsprozess» (Rebecca Horn) anhand von vier Themen – Flügel schlagen, Zirkulieren, Einschreiben und Tasten – beispielhaft nach und betont die Kontinuität ihres Werks.

Eine erste Gruppe von Werken geht von der Performance Weisser Körperfächer (1972) aus, mit der Rebecca Horn an die alte Faszination der Menschen für geflügelte und gefiederte Wesen anknüpfte. Mit Gurten fixierte sie an ihrem Körper ein Paar halbkreisförmige Flügel aus weissem Stoff, die sich durch Heben der Arme entfalten. Während die von Speichen stabilisierten Segel an frühe Flugapparate erinnern, lassen die Rahmung des Körpers und die Bewegungen vor allem an einen Schmetterling denken. Ein Film dokumentiert die von ihr mit diesem Körperinstrument vollführten Bewegungsexperimente: Das Öffnen und Schliessen, die Kontrolle der Flügel im Wind, Formen des Versteckens und Enthüllens, aber auch das Flügelausbreiten. Es sind Bewegungsmuster, die Rebecca Horn in einer Reihe von Skulpturen weiterentwickelte, so etwa in der einen nackten Körper umhüllenden Paradieswitwe (1975), in der balzenden Pfauenmaschine (1981), dem Hängenden Fächer (1982) oder dem Federrad Zen der Eule (2010).

Verschiedene Formen von Zirkulation, organische, mechanische und elektrische, werden in einem zweiten Bereich der Ausstellung thematisiert. Zentral ist hier die Arbeit Überströmer (1970), der den Menschen als ein hydromechanisches Gebilde präsentiert und an historische Verwendungen der Maschine als Modell zur wissenschaftlichen Erkenntnis des menschlichen Körpers erinnert. Der Arbeit steht die mit einem Röhrensystem wuchernd ausgreifende Installation El Rio de la Luna (1992) gegenüber, in deren «Herzkammern» Quecksilber von Pumpen bewegt wird. Während im ersten Fall die innere Bewegung des Blutkreislaufs nach aussen verlegt wird – und der Träger des Gewands zugleich zu Bewegungslosigkeit gezwungen ist und damit zu einem mechanisierten Objekt reduziert wird –, stand im zweiten Fall das Sichtbarmachen von emotionalen Energieströmen für Rebecca Horn im Vordergrund.

Die gezeichnete Linie und Farbmarkierungen verstanden als Spuren der Bewegung des Körpers bilden einen weiteren Themenkomplex der Basler Ausstellung. Dieses Motiv wird ausgehend von der Bleistiftmaske (1972), einem furchteinflössenden, maskenförmigen Instrument, das den Körper in eine blinde, rhythmische Zeichenmaschine transformiert, vorgestellt. Konsequent führt die Künstlerin die Thematik in automatisierten Malmaschinen, von denen zwei verschiedene Typen (Salomé, 1988, und Les Amants, 1991) gezeigt werden, fort. Die gesetzten Markierungen werden dabei nicht nur als Spuren physischer Bewegung, sondern immer auch als Ausdruck eines emotionalen Bewegtseins und der Leidenschaft verstanden. Die Zeichnung als Einschreibung von Körper und Psyche wird schliesslich in den grossformatigen, eigenhändig ausgeführten Papierarbeiten der Serie Bodylandscapes aus den Jahren 2004 und 2005, welche sich in ihren Dimensionen auf die Körpergrösse und Reichweite der Künstlerin beziehen, erneut aufgegriffen.

Ein letzter Themenbereich nimmt Extensionen von Händen und Füssen in den Blick. Ein frühes Werk in diesem Komplex sind Rebecca Horns Handschuhfinger (1972). Mit den Fingerverlängerungen aus mit schwarzem Stoff überzogenem Balsaholz erkundete die Künstlerin wie mit Fühlern tastend ihre Umgebung. In ihren kinetischen Werken entwickelte sie das Sujet weiter und griff immer wieder auf alltägliche Objekte zurück, die im Sinne Sigmund Freuds als Körpererweiterungen zu verstehen sind, wie beispielsweise Pinsel, Hammer oder hochhackige Damenschuhe (z. B. American Waltz, 1990). Auch Schreibmaschinen mit ihren Klaviaturen sind Instrumente, die unsere Finger verlängern. Sie wurden von Rebecca Horn in mehreren Werken verwendet, darunter in dem in Basel ausgestellten Schlüsselwerk La Lune Rebelle (1991), ein Ensemble von der Decke hängender, tippender Schreibmaschinen. Die Werke dieser Gruppe bieten auch einen soziologischen Blick auf die Maschine als Körperextension, indem insbesondere weiblich konnotierte Objekte versammelt sind.

Rebecca Horn. Körperphantasien
5. Juni bis 22. September 2019
Eröffnung: Di 4. Juni 19, 18.30 Uhr

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

T: 0041 (0)61 68193-20
F: 0041 (0)61 68193-21
E: infos@tinguely.ch
W: http://www.tinguely.ch/

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  •  5. Juni 2019 22. September 2019 /
Rebecca Horn, American Waltz, 1990 Daros Collection, Schweiz  © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, American Waltz, 1990 Daros Collection, Schweiz © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Erika, 1992  Bundesrepublik Deutschland – Sammlung  Zeitgenössische Kunst © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Erika, 1992 Bundesrepublik Deutschland – Sammlung Zeitgenössische Kunst © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Handschuhfinger, 1972 Fotografie  Rebecca Horn Collection  © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Handschuhfinger, 1972 Fotografie Rebecca Horn Collection © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Les Amants, 1991 Installationsansicht, Galerie de France, 2003  Rebecca Horn Collection  © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Les Amants, 1991 Installationsansicht, Galerie de France, 2003 Rebecca Horn Collection © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, El Rio de la Luna, 1992  Installation für die Fundació Espai Poblenou, Barceolona, 1992  Rebecca Horn Collection  © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, El Rio de la Luna, 1992 Installation für die Fundació Espai Poblenou, Barceolona, 1992 Rebecca Horn Collection © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Messkasten, 1970 Fotografie  Staatsgalerie Stuttgart © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich
Rebecca Horn, Messkasten, 1970 Fotografie Staatsgalerie Stuttgart © 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich