25. November 2019 - 13:30 / Ausstellung / Grafik 
23. November 2019 13. April 2020

Reinhold Luger entwarf Plakate für die Bregenzer Festspiele, entwickelte das Corporate Design für Städte und Industrieunternehmen, die Neugestaltung des Dornbirner Stadtbusses brachte ihm 1996 den ersten Joseph Binder Award ein – und weitere Auftraggeber im In- und Ausland, die das revolutionäre Gestaltungskonzept für den öffentlichen Nahverkehr wollten. Der Grafiker leitete eine Galerie, rettete alte Häuser und kämpfte in den 1970er Jahren für eine Jugendkultur und damit gegen das Land. Anhand der Arbeit des 78-jährigen Reinhold Luger lässt sich Grafik- und ein Stück weit auch die jüngere Landesgeschichte Vorarlbergs erzählen. Das vorarlberg museum tut dies in Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Landesbibliothek in einer Ausstellung, die am 22. November eröffnet wurde.

Als Reinhold Luger 1967 von Wien nach Dornbirn zurückkehrte, war er entsetzt. Gestern noch das freie Leben in der pulsierenden Großstadt, heute die Friedhofsstille eines erstarrten Landes: Die für Jugendliche spannenden Filme waren verboten, Langhaarige wurden verfolgt, Blasmusik statt Rock ´n‘ Roll. Junge kritische Geister schlossen sich in den 1970er Jahren zusammen und machten kräftig mobil gegen das kunstfeindliche, katholisch-konservative Land. Ob beim Flint-Festival (1970/71) in Koblach oder bei den Bregenzer Randspielen (1972–1976) – Reinhold „Nolde“ Luger war einer der Anführer der kulturellen Protestbewegung in Vorarlberg und lieferte stets die passenden Drucksorten gleich mit: bissige Plakate, Karikaturen, Pamphlete und Flugblätter.

Bregenzer Festspiele
Waren die in Operettenseligkeit erstarrten Bregenzer Festspiele einst ein Feindbild der jungen Wilden, änderte sich das mit der Intendanz von Alfred Wopmann (1983–2003). Und Luger wurde vom Kritiker zum „Hausgrafiker“: Er entwarf das Signet des Festivals und fast alle Opernplakate in der Ära Wopmann. Das Plakatdesign ist für ihn, der bei Wilhelm Jaruska an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien studiert hat, die Königsdisziplin. Der Grafiker beschäftigte sich intensiv mit dem jeweiligen Bühnenstoff, stand in ständigem Austausch mit der Intendanz. Immerhin sollten die Musik und das dreidimensionale Bühnenspektakel auf zweidimensionale, stumme Plakatflächen übertragen werden. Manchmal gelang es, all das, was sich auf der Bühne ereignete, auf einen Augenblick zu konzentrieren. Seine Festspielplakate wurden ab Mitte der 1980er Jahre auf internationalen Ausstellungen und bei Wettbewerben gewürdigt.

Stadt- und Landbusse
1991 bringt ein neues Mobilitätskonzept den öffentlichen Verkehr in Vorarlberg ins Rollen. Mit dem ersten Stadtbussystem im Rheintal leistet Dornbirn Pionierarbeit und legt den Grundstein für die erfolgreiche Stadt-, Land- und Ortsbusflotte in Vorarlberg. Den Gestaltungswettbewerb gewann Reinhold Luger gemeinsam mit dem Architekten Wolfgang Ritsch. Vom Farbkonzept über Fahrzeugdesign, Fahrpläne und Fahrscheine bis hin zu Drucksorten und Logos wurde alles durchgestylt. Luger und Ritsch verhandelten mit dem Bushersteller sogar über die zu verwendenden Materialien, z. B. Teppichböden statt PVC. Aber das „Gesicht des Busses“ sei der Chauffeur. Der Grafiker entwarf die Dienstkleidung für die Busfahrerinnen und -fahrer und setzte sich für gute Arbeitsbedingungen und Schulungen im Umgang mit Fahrgästen ein. Ein Bus muss mehr als fahren, er ist ein öffentlicher Raum, der mit Qualitäten zu überzeugen hat, will er zum Alltag vieler Menschen gehören. Das prägnante Logo der Stadt- und Landbusflotten greift durch ein raffiniertes Spiel mit Leerräumen zwischen den einzelnen Buchstaben die Dynamik der Fahrt auf. Ein starkes visuelles Markenzeichen war entstanden.

Ausgehend vom Stadtbus Dornbirn gestaltete Reinhold Luger rund ein Dutzend Bussysteme, auch in deutschen Städten wie Lindau, Friedrichshafen, Buchholz bei Hamburg und Donaueschingen. Allerdings nicht via Copy-and-Paste. Reinhold Luger: „Ich lasse mich für meine Beiträge überall auf die lokalen Gegebenheiten ein. Ich habe in Entwicklungsgruppen mitgearbeitet, bin durch Städte spaziert, habe deren Geschichte studiert und deren Eigenheiten gesucht.“

Atelier „Luger Grafik“
In den 1980er Jahren wird der Wert von Corporate Identity in der Wirtschaft erkannt. Reinhold Lugers Atelier wird zur Anlaufstelle von Unternehmen, Gemeinden und Städten. Er gestaltet zahlreiche Logos oder Leitsysteme im öffentlichen Raum. Jeder und jede in Vorarlberg kennt Arbeiten des Grafikers. Und in den 1980er Jahren beginnt sich die kulturelle Landschaft in Vorarlberg zu ändern. Jugendhäuser entstehen, die Kleinkunst bekommt einen Spielboden, eine wortstarke Literatur entsteht. Die finanzielle Ausstattung der Vereine und Initiativen ist nicht rosig. Förderungen gibt es kaum, doch Werbung ist wichtig. Reinhold Luger unterstützt aus Leidenschaft die Alternativkultur, entwirft Plakate für den Spielboden oder für die Kabarettgruppe „Die Wühlmäuse“, macht Werbung für politische Veranstaltungen oder gestaltet Cover für die Bücher junger, kritischer Historiker, die der neue fink’s Verlag in Bregenz veröffentlicht. Der Grafiker sieht die gestalterische Notwendigkeit und steht hinter den gesellschaftlichen Anliegen. Er provoziert und kritisiert, Themen gibt es genug: Kleingeist und Spießbürgertum, die Allmacht der Mächtigen oder die Probleme der sogenannten „Dritten Welt“, wenn Luger für Veranstaltungen von Amnesty International Plakate gestaltet.

In den Zeichnungen oder gestalterischen Pamphleten zeigt sich seine große Fähigkeit, gesellschaftspolitische Anliegen meist mit Mitteln der Ironie exakt auf den Punkt zu bringen. „Die Grafik ist ideal für Protest“, sagt er.

Retrospektive
2018 übergibt Reinhold Luger sein grafisches Lebenswerk an die Vorarlberger Landesbibliothek, die mittlerweile alle Plakate digitalisiert hat und unter vorarlberg.at/volare der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Längst nicht alles aus dem umfangreichen Schaffen kann in der Ausstellung gezeigt werden. Sie führt durch das Leben von Reinhold Luger und an die Orte, an denen er gewirkt hat: auf die Ruine Neuburg in Koblach (Flint-Festival), auf den Gebhardsberg in Bregenz als ein Veranstaltungsort der Bregenzer Randspiele, zum Busbahnhof in Dornbirn, in die dortige Tiefgarage oder in das ochsenblutfarbige Haus Badgasse 3 in Dornbirn-Hatlerdorf, das Luger Mitte der 1970er Jahre gekauft und vor dem Abriss bewahrt hat – die Geburtsstunde der modernen Althauserneuerung in Vorarlberg.

Reinhold Luger. Grafische Provokation
23. November 2019 bis 13. April 2020

Vorarlberg Museum
Kornmarktplatz 1
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 46050
E: info@vorarlbergmuseum.at
W: http://www.vorarlbergmuseum.at

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  •  23. November 2019 13. April 2020 /
Reinhold Luger, Foto: Petra Rainer
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Bregenzer Festspiele, Fidelio 1995, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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ehemaliges Wohnhaus von Reinhold Luger, Dornbirn Hatlerdorf, saniert von Reinhold Luger, Foto: Rainer
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Friedensfest der Friedensinitiative Vorarlberg 1982, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Morarlberg, Kabarett Wühlmäuse 1976, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Plakat Flint lebt trotzdem, 1971, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Randspiele 1981, Plakatgestaltung (Ausschnitt) Reinhold Luger, Vorarlberger Landesbibliothek
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Randspiele Bregenz 1972, Plakatgestaltung (doppelt) Reinhold Luger
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Schriftzug Firma Blum, Dornbirn, Gestaltung Reinhold Luger, Foto: Petra Rainer
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Skandalen u. Skandaletten, Kabarett Wühlmäuse 1981, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Stadtbus Dornbirn, Schriftzug Reinhold Luger, Foto: Petra Rainer
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Stadtgarage Dornbirn, Gestaltung Leitsystem und Wandgestaltung von Reinhold Luger, Foto: Petra Rainer
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Vorarlberg im März 1988, Spielboden, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Wäldertage 1973/74, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Wahlmäuse, Kabarett Wühlmäuse 1979, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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75 Jahre Design Austria 2002, Plakatgestaltung Reinhold Luger
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Reinhold Luger, Foto: Petra Rainer
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