5. Januar 2021 - 11:45 / Ausstellung / Retrospektive 
9. Dezember 2020 7. März 2021

Sobald wieder möglich, kann die Ausstellung "Linda Bilda. Amor vincit omnia" im Lentos Kunstmuseum Linz besucht werden. Die Künstlerin verstarb überraschend im Sommer 2019 im Alter von 56 Jahren.

Das Lentos zeigt die erste Retrospektive der Wiener Künstlerin, deren vielfältige künstlerische Ausdrucksformen die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich und politisch relevanten Fragestellungen in den Fokus rücken.

Linda Bilda (1963–2019) intervenierte bereits früh mit unerschrockenen Aktionen in den öffentlichen Raum, gründete mehrere Zeitschriften, produzierte Comics, anmaßende Malereien, organisierte Lese- und Diskussionszirkel, schrieb Manifeste, erfand neue Bildtechniken für den öffentlichen Raum und hielt als Erfinderin internationale Patente für ein von ihr entwickeltes Leuchtglas. "Linda Bildas Werk ringt um eine emanzipatorische Bildpolitik. Diese Dringlichkeit, diesen Anspruch auf Veränderung in den unterschiedlichen Werksträngen der Künstlerin arbeitet die Ausstellung im Lentos heraus", erklärt Lentos Direktorin Hemma Schmutz, die die Ausstellung gemeinsam mit Christoph Schäfer und Ariane Müller(Artfan und Art-Club) kuratiert hat.

Bereits mit 19 Jahren erfand sich die als Linda Czapka geborene Wienerin neu und gab sich bezugnehmend auf ihr bis dahin hauptsächlich malerisches Werk den Künstlerinnennamen "Bilda". Nachdem sie zunächst eine Buchhändlerinnenlehre begonnen hatte, studierte Bilda in den 1980er-Jahren an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien Bühnen- und Filmgestaltung. In dieser Zeit startete sie mit ersten Aktionen im Wiener öffentlichen Raum. Gemeinsam mit Ariane Müller gründete sie die Wiener Kunstzeitschrift Artfan und den Art-Club, in welchem KünstlerInnentreffen und künstlerische Aktionen stattfanden. Sie war Mitglied der Secession und gründete die Firma LightGlass. In ihrem Werk griff sie auf satirische Art und Weise Fragestellungen rund um Politik und Finanz auf. Für Bilda waren populärkulturelle bzw. aktivistische Formate wie Comics oder Manifeste, Kunst im öffentlichen Raum, Zeitschriften und Künstler_innenkollektive sowohl künstlerische als auch politische Ausdrucksformen. "Ich denke, dass die Welt verändert werden muss und möchte die größtmögliche denkbare Veränderung. Haben wir nicht die Aufgabe, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben?", so Linda Bilda, in ihrer Publikation Keep it Real (2009).

Mit großer Vorliebe widmete sich Bilda Comics oder Graphic Novels, durch sie hatte die Künstlerin die Möglichkeit sowohl sprachlich sehr konkret und klar zu sein und dabei gleichzeitig auf der bildnerischen Ebene vielschichtig zu bleiben. Linda Bilda benutzte Comics um z. B. auf ironische Weise die Wirkungsmechanismen des Kapitalismus zu befragen. Ihr Comic "Die goldene Welt. Rick’s allerletztes Spiel" ist eine Chronik und Beschreibung unserer Zeit, in der Ökonomie, Verfasstheiten, Widersprüche, Entwicklungsmöglichkeiten und Destruktivität aufgezeichnet werden. Ausgehend von einem Text von J.P. Voyer "Untersuchungen über Natur und Ursachen des Elends des Menschen" (1976) stellt Linda Bilda hier die Frage, inwieweit die Ökonomie die Realität der Welt ist. In welcher Welt leben wir und wie sehr wird unsere Wahrnehmung dieser Welt von der Ökonomie geformt? Die Comicfiguren werden in der Rauminstallation im Lentos in Form von einem Tisch und Stühlen, in die die Protagonist_innen der Comics in Leuchtglas eingefasst sind, zu agierenden Figuren. Als Langzeitprojekt ging "Die goldene Welt" jedoch über das Comic hinaus und war als eine Art Gesamtkunstwerk (mit Merchandisingprodukten und Webseite) konzipiert, das die Künstlerin bis zuletzt beschäftigte.

In "Caro Diario" (2000), ein großformatiges, gebundenes Mappenwerk aus sieben bemalten Leinwänden, wird die Diskrepanz zwischen Ansprüchen des feministischen Diskurses und Alltagsleben deutlich. Die Illustrationen gewinnen eine poetische Leichtigkeit, während die Textbruchstücke aus dem Kontext feministischer Theorie entstammen.

Die Installation im öffentlichen Raum "Arbeite Nie", welche in zwei Teilen 2013 und 2015 im niederösterreichischen Gramatneusiedl im öffentlichen Raum realisiert wurde, verweist auf eine anarchistische, kritische Haltung zur Arbeit.

Die "Kathedrale der Moderne" ist ein Projekt in der Tiefgarage "WIPARK" an der Freyung im ersten Wiener Bezirk. Es wurde 2015 im Zuge der Projektreihe KunstRaum-Garage realisiert. Mit "Kathedrale der Moderne" hat Linda Bilda mit großformatigen Wandmalereien und Light-Glass-Arbeiten ein künstlerisches "Leitsystem" entwickelt und die Frauenparkplätze gestaltet. Ihre Wandmalereien führten die Besucher_innen auf eine Zeitreise durch unterschiedliche Epochen der europäischen Architekturgeschichte und dienten auch als Leitsystem. Im Lentos ist eine Dokumentation der Installation zu sehen.

Bilda selbst bezeichnete ihre Kunst als Poppopoe-Art, was für eine populäre, politisch und poetische Kunstform stehen sollte.

Linda Bilda. Amor vincit omnia
8. Dezember 2020 bis 7. März 2021

Lentos Kunstmuseum Linz
Ernst-Koref-Promenade 1
A - 4020 Linz

W: http://www.lentos.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  9. Dezember 2020 7. März 2021 /
Linda Bilda, o. T. / (The female Sex will be totally free), 1999,  Estate: Nachlass Linda Bilda © Ralf-Bodo Kliem 2020, Bildrecht, Wien 2020
Linda Bilda, o. T. / (The female Sex will be totally free), 1999, Estate: Nachlass Linda Bilda © Ralf-Bodo Kliem 2020, Bildrecht, Wien 2020
Ausstellungsansicht © Lentos Kunstmuseum Linz, 2020  Foto: maschekS.
Ausstellungsansicht © Lentos Kunstmuseum Linz, 2020 Foto: maschekS.
Ausstellungsansicht © Lentos Kunstmuseum Linz, 2020  Foto: maschekS.
Ausstellungsansicht © Lentos Kunstmuseum Linz, 2020 Foto: maschekS.
Linda Bilda, Female Perversion, 2001,  Estate: Nachlass Linda Bilda © Ralf-Bodo Kliem 2020, Bildrecht, Wien 2020
Linda Bilda, Female Perversion, 2001, Estate: Nachlass Linda Bilda © Ralf-Bodo Kliem 2020, Bildrecht, Wien 2020
 Porträt Linda Bilda,  2010
Porträt Linda Bilda, 2010