30. Dezember 2011 - 1:43 / Archiv / Malerei 

Carl Walter Liner (1914 – 1997) gehört zu den bedeutenden abstrakt arbeitenden Schweizer Künstlern, die in den Jahren und Jahrzehnten nach 1945 – gleichzeitig zum französischen Tachismus, zum amerikanischen Abstrakten Expressionismus, zum deutschen Informel, zur niederländischen Gruppe CoBrA und zur italienischen Gruppo degli Otto – eine Malerei entwickelten, die einerseits als "Veranschaulichung unmittelbarer Lebensimpulse" (Werner Haftmann) in der Nachfolge des Expressionismus gesehen werden kann und die andererseits unter Berufung auf die Konkrete Kunst die malerischen Mittel selbst (Leinwand, Pigment, Pinselstrich, Farbmischung usw.) zum Thema der Gestaltung erhebt.

Die Ambivalenz zwischen einer subjektiven, an der individuellen Persona orientierten Ausdruckskunst und einer objektiven, an ästhetischen Grundkonstanten arbeitenden universalistischen Bildsprache bestimmt bis heute die besondere Stellung der gestischen Abstrakte in der Kunstgeschichte – sicher auch den Bogen der Rezeption, der noch immer von euphorischer Zustimmung bis zu absoluter Ablehnung der Werke dieser "Schule" reicht.

Liner – einer der wenigen Schweizer Künstler, die das Informel kontinuierlich über das Jahr 1965 hinaus weiter entwickelten – bewegte sich mit seinen abstrakten Arbeiten gerade auf der Gratlinie zwischen relativ unkontrollierter, spontaner Malgeste und relativ kontrollierter und kalkulierter Komposition. In seinem abstrakten Werk, das letztlich immer von einem Natureindruck, einem Impuls, Welt darzustellen, ausgeht, begegnen sich die explosive, fast skripturale Selbstentäusserung des Tachismus und die eher rational ge-steuert und geometrisierende, den Farbfluss ordnende Kompositionen des Hard Edge. Während Liner im ersten Pariser Jahrzehnt (ca. 1951 bis 1961) vor allem die aufgelösten, die unbestimmbaren, die vielfältig schillernden Farberuptionen untersuchte, liess er ab den frühen 1960er Jahren wieder eine Verdichtung der Farbformen bis hin zum dekorativen Nebeneinander der Farbflächen zu – sicher auf der Grundlage seines eigenen Werdegangs, der ihn von einer abstrahierenden Landschaftsmalerei über die Auseinandersetzung mit dem Spätkubismus eben zum Informel geführt hatte.

Die Ausstellung "Carl Walter Liner – Rhythmus und Farbe" zeigt anhand von über 50 Gemälden aus den Jahren 1950 bis 1975 die beiden Pole der abstrakt-gestischen und abstrakt-geometrischen Malerei des Künstlers. Dabei werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Malbewegungen Liners untersucht. Im Detail wird der Farbgebrauch des Künstlers von der Farbwahl über die Farbmischung bis zum Farbauftrag analysiert. Ein besonderes Augenmerk liegt zugleich auf der Untersuchung der rhythmischen Gestaltungsmethoden Liners, die von der synkopischen Farb- und Formsetzung bis zur syntaktischen Reihung von Farb-Pattern oder Farb-Clustern reichen. Der Begriff Rhythmus umfasst so die musikalisch-poetischen Akzentmuster, die zeitlichen Gliederungen von malerischen Prozessen, die dramaturgische Abfolge bildnerischer Kompositionselemente wie auch – mehr oder weniger – den biologischen Rhythmus des Künstlers selbst. Mit über 20 Gouachen wird gezeigt, dass der vielschichtige malerische Gestaltungsprozess auch in den stärker motivgebundenen Arbeiten auf Papier einen Widerhall findet.

Carl Walter Liner – Rhythmus und Farbe
Werke aus privaten und eigenen Sammlungen
3. Juli 2011 bis 8. Januar 2012

Museum Liner
Unterrainstrasse 5
CH 9050 Appenzell
T 0041 (0)71 788 18 00
F 0041 (0)71 788 18 01

Öffnungszeiten:
Di bis Fr 10 - 12, 14 - 17 Uhr
Sa und So 11 - 17 Uhr



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Carl Walter Liner (1914-1997): Ägyptisches Dorf bei Nacht, 1937. Öl auf Hartfaserplatte, 46 x 55 cm; Privatbesitz. © Stiftung Liner Appenzell
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Carl Walter Liner (1914-1997): Komposition, um 1972/1975. Öl auf Leinwand, 100 x 73 cm; Legat Katharina Liner © Stiftung Liner Appenzell
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Carl Walter Liner (1914-1997): Komposition Blau / Gelb, um 1970, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm; Privatbesitz, courtesy Galerie Iris Wazzau, Davos. © Stiftung Liner Appenzell