10. Juni 2019 - 7:34 / Ausstellung 
26. Mai 2019 19. April 2020

Schon seit frühesten Zeiten ist die Menschheit eng mit der Natur verbunden. Einerseits scheinen Naturräume vertraut, werden sie doch durch Bebauung erschlossen und für die Besiedlung nutzbar gemacht, andererseits bleiben sie aber in ihrer Eigengesetzlichkeit und Unabhängigkeit, Wildheit oder auch Unheimlichkeit unnahbar und fremd. Von diesen Vorstellungen geprägt, ist die Landschaftswahrnehmung und -darstellung eine Projektionsfläche von Sehnsüchten und Wünschen, Träumen oder auch Alpträumen.

Die Ausstellung geht der Frage nach, wie sich Künstlerinnen und Künstler der Moderne und Gegenwart mit Natur und Landschaft als Kultur- und Sehnsuchtsraum auseinandersetzen. Ausgehend von der niederösterreichischen Kulturlandschaft, die seit dem 19. Jahrhundert Erholungssuchenden Ruhe und Inspiration bietet – darunter auch vielen Künstler/innen (wie etwa Egon Schiele) – entsteht ein vielfältiger Ausstellungsparcours, der von der Wachau bis nach Triest reicht und Kunstwerke des Stimmungsimpressionismus und der Klassischen Moderne mit Werken der Gegenwart in einen spannungsreichen Dialog setzt. Die neue Landesgalerie Niederösterreich liegt in Krems, am Tor zu Wachau – einer Region abseits der Großstadt, die nach wie vor als Sehnsuchtsort gilt und als solcher rezipiert wird.

Sehnsuchtsräume wirft die Frage auf, inwieweit der Blick auf die Natur auch heute noch von der romantischen Landschaftssicht des 19. Jahrhunderts geprägt ist und welche Strategien wir Menschen anwenden, um die Natur zu „unserer“ Landschaft werden zu lassen. Dem malerischen Sehnsuchtsraum von Emil Jakob Schindler, Maria Egner oder Egon Schiele steht eine zeitgenössische Sicht auf die (Kultur-)Landschaft gegenüber, z. B. in den fotografischen Arbeiten von Robert F. Hammerstiel, Michael Goldgruber oder Margherita Spiluttini, die sich mit Wahrnehmung, Konstruktion und Repräsentation von Landschaft auseinandersetzen. Dabei wird auch ein kritischer Blick auf eine besetzte, benutzerfreundlich gemachte Natur geworfen, die Idylle suggeriert, sich aber bei genauerem Hinsehen als menschliches Konstrukt entlarvt. Kunstwerke, die niederösterreichische Sehnsuchtsräume zum Inhalt haben, bilden den Kern der Ausstellung, wobei diese exemplarisch für Landschaften gesehen werden können, die auch ganz woanders sein könnten und im besten Fall grundlegende Fragestellungen zum Verhältnis von Mensch und Natur zur Diskussion stellen.
Der Begriff des Sehnsuchtsraums kann in unserer Gegenwart aber auch jenseits eines touristischen Settings gelesen werden. So etwa als Zufluchtsort für Menschen auf der Flucht. Dieses aktuelle Thema wird anhand mehrerer Werke verhandelt, in aussagestarken Fotografien von Ekaterina Sevrouk ebenso wie in einer großformatigen Zauninstallation von Iris Andraschek und Hubert Lobnig. Die zahlreichen Werke der Landessammlungen Niederösterreich werden durch private und öffentliche Leihgaben ergänzt. Mehrere Arbeiten entstehen neu für die Ausstellung.

Ausstellungsbereiche

Romantische Landschaft
Frühling an der Donau mit Blick gegen Stift Melk, Sommer in Dürnstein, Waldweg bei Plankenberg im Herbst, Weißenkirchen im Winter: landschaftliche Motive, wie wir sie aus der Wachau und anderen Regionen Niederösterreichs gut kennen. Diese (meist) romantischen Idyllen, getaucht in warmes Licht, waren beliebte Sehnsuchtsmotive der Städter/innen, die im 19. Jahrhundert in der Wachau, im Waldoder Weinviertel die Sommerfrische verbrachten. Unser Blick auf die Natur ist durch unsere kulturelle Prägung bestimmt, wobei sich Bilder real gesehener Landschaften mit Vorstellungen von idealtypischer Landschaft, die dem kollektiven Bildgedächtnis entstammen, vermischen können. Aus den vielfältigen Landschaftsmalereien des späten 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Landessammlungen Niederösterreich wurden nicht die „Highlights“ ausgewählt, sondern vielmehr ein möglichst breites Spektrum an künstlerischen Positionen, die sich diesem so beliebten Thema in all ihrem malerischen Facettenreichtum widmen, wobei als Rahmen die vier Jahreszeiten dienen. Am Beginn steht Emil Jakob Schindlers Pappelallee nach dem Gewitter, ein Meisterwerk des Stimmungsimpressionismus.

Malerische Landschaft
Die Natur dient oft als Versuchsfeld für eine Malerei, die mit Farbe und Form, Fläche und Raum poetisch wie sinnlich eine neue, malerische Wirklichkeit erschaffen kann. Der Maler ist Mittler der Natur, die Malerei Auseinandersetzung mit einer subjektiven, tief empfundenen Naturerfahrung. Landschaften wie jene von Josef Dobrowsky, Leopold Birstinger oder Robin Christian Andersen definieren sich mehr über eine expressive, farbenprächtige Atmosphäre als über eine topografisch genaue Wiedergabe. Ausschnitthaft fängt Egon Schiele die morbide Schönheit einer alten, verfallenen Mühle ein – symbolisch aufgeladen und zutiefst berührend. Seine vielleicht schönste Landschaft, wie Schiele selbst betonte. Helmut Swoboda erfreut sich an den flirrenden Lichtspuren und Sonnenreflexen auf dem Wasser oder dem wilden Rauschen eines Baches und erschafft atmosphärische Farbwolken in einem virtuosen Spiel mit Licht, Schatten und sanften Schattierungen. Helmut Ditsch schließlich lässt seine eigenen Naturerfahrungen, insbesondere die intensiven Erlebnisse als Extrembergsteiger, in sinnlich fotorealistischen Bildpanoramen sicht- und spürbar werden.

Kulturlandschaft
„Die schönen, lieblichen und archaischen Landschaften, nach denen wir uns sehnen, sind keine unverfälschte Natur, sondern Kulturlandschaften“ (Martin Kugler). Ohne menschliche Eingriffe wäre fast ganz Mitteleuropa von undurchdringlichen Wäldern überzogen. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr Lebensräume vom Menschen nach seinen Bedürfnissen umgestaltet, ob zu Äckern und Almweiden oder zu Flussregulierungen und Streuobstwiesen. Auch viele Landschaften, die wir schätzen, sind nur wegen der ständigen Eingriffe der Menschen so, wie sie sind – wie etwa die idyllischen Naturfotografien von Nikolaus Korab oder Franz Hubmann veranschaulichen. Heinz Cibulka bewegt sich seit vielen Jahren durch die Kulturlandschaften Niederösterreichs und spürt in seinen Bildgedichten den Menschen und ihrem Leben nach, der Kultur und Tradition, den ländlichen Berufen und religiösen Riten. Werner Huthmacher nähert sich in einem eigenwilligen, von ländlicher Romantik weit entfernten Fotozyklus dem kleinen Ort Sitzendorf im Weinviertel. Einfühlsam dokumentiert er scheinbar Alltägliches wie Banales und findet Bilder, die für viele ländliche Gegenden in Österreich, aber auch anderswo stehen können.

Konditionierte Landschaft
Künstler/innen untersuchen die Transformation und Aneignung von Natur- und Landschaftsräumen durch den Menschen, sie hinterfragen Stereotype des tradierten Landschaftsbildes, werfen kritische Blicke auf eine besetzte, benutzerfreundlich gemachte Natur, die Idylle suggeriert, sich aber bei genauerem Hinsehen als menschliches Konstrukt entlarvt. Zugleich thematisieren sie durch ihre (meist) fotografische Umsetzung den künstlerischen Aneignungsprozess an sich, von Darstellung und Dargestelltem, von Natur und Kultur. In der hyperrealistischen Wiedergabe eines vornehmen Privatgartens von Robert F. Hammerstiel verkommt die Natur zu einer geometrisch perfekt definierten Kulisse, zur plakativen Tapete ohne Leben. Michael Goldgruber zeigt Aussichtsplattformen, die den touristisch besten Blick auf die Landschaft suggerieren sollen. Maria Theresia Litschauer untersucht die uniforme Topografie des ländlichen Raums, Elfriede Mejchar hält – einem visuellen Archiv gleich – Vogelscheuchen oder Strommasten in der österreichischen Provinz fest, während Margherita Spiluttini und Eva-Maria Raab mit Autokino, Bordell oder Einkaufszentrum Sehnsuchtsräume ganz anderer Art aufspüren. Die Bilder erscheinen dabei nicht vordergründig im Gestus der Anklage. Sie sind Bestandsaufnahme der touristischen, landwirtschaftlichen, industriellen, allgemein kulturellen Nutzung unseres Lebensraumes.

Grenzenlose Landschaft?
Mit welchen Hoffnungen und Träumen machen sich Flüchtlinge auf den Weg, um Schutz vor Krieg und Armut zu suchen? Und welches Schicksal erwartet sie im Sehnsuchtsraum Europa? Wenn heute über Sehnsuchtsräume gesprochen wird, wäre es eine eingeschränkte Sichtweise, nicht auch über das Schicksal jener Menschen nachzudenken, die sehnsüchtig auf unseren Kontinent blicken und ihn zu erreichen versuchen. Die neue Arbeit von Iris Andraschek und Hubert Lobnig ist eine Fortsetzung ihrer temporären Installation Wohin verschwinden die Grenzen? von 2009 am Grenzübergang Fratres im Waldviertel und Slavonice in Südmähren. Sie lädt ein, über das vermeintliche Verschwinden von Grenzen nachzudenken. In ihrer raumgreifenden Installation Flüchtiges Ländchen beschreibt Judith Saupper das Thema Heimat im 21. Jahrhundert mit dem Synonym einer nicht verortbaren Gebirgslandschaft. Lois Weinberger untersucht in vielen Projekten die Wanderschaft von Pflanzensamen und zeigt auf, wie prächtig nichtheimische Pflanzen neben einheimischer Vegetation gedeihen können. Eine politische Metapher für den Umgang mit dem Fremden, interpretierbar als Anspielung auf die europäische Einwanderungspolitik.

Fremde Landschaft
Oft sehnen wir uns nach der Ferne, nach fremden, von uns noch nicht erkundeten Landschaften. Michael Wutky fand in Neapel und insbesondere beim Vesuv seinen Sehnsuchtsort, Egon Schiele in Triest, Friedensreich Hundertwasser mit seinem Schiff Regentag auf den Meeren der Welt. Der gebürtige Niederösterreicher Michael Höpfner findet seine Sehnsuchtsräume in entlegenen Regionen, vor allem im asiatischen Raum, wie etwa in China oder Tibet, die er in wochenlangen Märschen zu Fuß durchschreitet und fotografisch, in Zeichnungen und Notizen festhält. Oft ist der Gang in die Fremde nicht freiwillig. Stefan Zweig blickt in seinem Exil im brasilianischen Petrópolis auf den Regenwald und glaubt darin den Semmering in Niederösterreich, Rückzugsort glücklicherer Tage, wiederzuerkennen. Die gebürtige Brasilianerin Georgia Creimer suchte für ihr Projekt Geliehene Landschaft einen Ort in ihrer Heimat, der sich mit dem niederösterreichischen Dorf Lunz am See vergleichen lässt. Inspiriert durch ihre Erinnerung an Niederösterreich, fotografierte sie die Kleinstadt Lençóis in Bahia und setzte deren Landschaften und Häuser, Tiere und Pflanzen mit Bildern aus Lunz in einen Dialog. Für ihr Projekt Fremd bin ich eingezogen fotografiert Ekaterina Sevrouk männliche schwarzafrikanische Flüchtlinge in Naturräumen. Die ästhetischen, mit Würde inszenierten Bilder hinterfragen aber auch subtil unsere Vorstellungen von Heimat und Fremdsein und den abendländischen Blick auf Natur und Landschaft.

Sehnsuchtsräume. Berührte Natur und besetzte Landschaften
26. Mai bis 19. April 2020
Kurator: Günther Oberhollenzer

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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  •  26. Mai 2019 19. April 2020 /
Egon Schiele, Zerfallende Mühle, 1916 © Landessammlungen Niederösterreich, Foto: Christoph Fuchs
Egon Schiele, Zerfallende Mühle, 1916 © Landessammlungen Niederösterreich, Foto: Christoph Fuchs
Ekaterina Sevrouk, Blick auf Weissenkirchen, 2018, Privatbesitz © Ekaterina Sevrouk
Ekaterina Sevrouk, Blick auf Weissenkirchen, 2018, Privatbesitz © Ekaterina Sevrouk
Franz Hubmann, Beim Mohndorf Armschlag, undatiert © Landessammlungen Niederösterreich, Foto: Christoph Fuchs / Bildrecht, Wien, 2018
Franz Hubmann, Beim Mohndorf Armschlag, undatiert © Landessammlungen Niederösterreich, Foto: Christoph Fuchs / Bildrecht, Wien, 2018
Iris Andraschek und Hubert Lobnig, Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice? (Installation im Winter) 2009, Privatbesitz © Iris Andraschek und Hubert Lobnig / Bildrecht, Wien, 2018
Iris Andraschek und Hubert Lobnig, Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice? (Installation im Winter) 2009, Privatbesitz © Iris Andraschek und Hubert Lobnig / Bildrecht, Wien, 2018
(c) Christian Redtenbacher
(c) Christian Redtenbacher
(c) Christian Redtenbacher
(c) Christian Redtenbacher
(c) Christian Redtenbacher
(c) Christian Redtenbacher
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(c) Christian Redtenbacher
Michael Goldgruber, Skywalk, 2008, Privatbesitz © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2018
Michael Goldgruber, Skywalk, 2008, Privatbesitz © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2018
Robert F. Hammerstiel, aus der Fotoserie: Make Yourself at Home VII, 2014, Privatbesitz © Robert F. Hammerstiel / Bildrecht, Wien, 2018
Robert F. Hammerstiel, aus der Fotoserie: Make Yourself at Home VII, 2014, Privatbesitz © Robert F. Hammerstiel / Bildrecht, Wien, 2018