11. Juli 2020 - 17:58 / Ausstellung 
12. Juli 2020 30. August 2020

Aus Anlass der diesjährigen Sommerausstellung wird erstmals die Kunstsammlung der Landeshauptstadt Bregenz geschlossen vorgestellt und ihre (Entstehungs-)Geschichte in den Fokus gerückt. Sie präsentiert eine Auswahl von 93 Kunstwerken von 37 Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Stilrichtungen, Schulen und Epochen. Gegenüberstellungen bewirken neue Blickwinkel und überraschende Sichtweisen. So ermöglicht "Die Kunst des Sammelns" einen fordernden und zugleich lebhaften Zugang zur bildenden Kunst der letzten 350 Jahre. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern thematisch.

Die Präsentation selbst umfasst Kunstwerke vom 17. Jahrhundert bis hin in die Gegenwart. Der Rundgang durch die Ausstellung ist gleichzeitig ein Angebot zur epochenübergreifenden Beschäftigung mit Kunst und Geschichte. Historische Referenzen und aktuelle Bezugspunkte verbinden sich immer wieder neu und erzeugen Spannungen. Dabei geht es stets um Bregenz, seine Geschichte und seine (kulturelle) Identität. Eine Sammlung ist für jede Stadt – und freilich für das entsprechende Museum – das identitätsstiftende "Herzstück". In Bregenz ist die städtische Kunstsammlung eng mit der kommunalen Künstler- und Kulturförderung verwoben.

Im Palais Thurn & Taxis werden zentrale Werke der Sammlung gezeigt. Der epochenübergreifende Dialog ist ein Leitgedanke der Schau. Das wird vor allem im Erdgeschoss durch Gegenüberstellungen von Künstlerinnen und Künstlern internationaler Strahlkraft mit solchen von lokaler Bedeutung illustriert: Große Namen wie Hermann Nitsch (geboren 1938), Maria Lassnig (1919 – 2014), Bruno Gironcoli (geboren 1936), Martha Jungwirth (geboren 1940), Alfred Klinkan (1950 – 1994) und Angelika Kaufmann (1741 – 1807) begegnen hier Kunstschaffenden aus Bregenz und der Region und verweisen auf die Vielfalt und die Wichtigkeit der Sammlung.

Schwerpunkt Bregenz

Das erste Obergeschoss ist Bregenz und seinen Kunst- und Kulturschaffenden gewidmet. Hier versammeln sich Bregenzer Künstler sowie historische Persönlichkeiten. Im Raum 4 werden etwa Werke von Rudolf Wacker (1893 – 1939) wieder lebendig. Zu sehen sind u. a. seine Selbstbildnisse und Porträts sowie Arbeiten um den "Kasperl" und seine Puppen.

Im Raum 3 treffen Kunstwerke u. a. von Hubert Berchtold (1922 – 1983), Fritz Pfister (1924 – 1989), Fritz Krcal (1888 – 1983), Leopold Fetz (1915 – 2012) und Heinz Greissing (1933 – 2020) zusammen. Das verbindende Moment ist hier die Landschaftsmalerei und das sich wandelnde Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt. Es geht hier um „Ideen“ und Gefühle gegenüber der Natur.

Der Raum 2 zeigt eine "Ahnen-Galerie" mit Bildnissen von Bregenzer Persönlichkeiten, u. a. von Leopold und Sofie Rössler, Caroline Theresia Gräfin Raczyńska (1831 –1898), Karl Graf von BelruptTissac (1826 – 1903) und Max Haller (1895 – 1971). Sie wurden von Angehörigen der Malerfamilie Boch und des Künstlers Josef Boss (1868 – 1908) sowie von Kurt Regschek (1923 – 2005) gefertigt.

Im Spannungsfeld zwischen objektiver Wiedergabe und subjektiver (Aus-)Deutung durch den Künstler liegt letztlich auch der Grund für die bis heute ungebrochene Faszination am Abbild des Menschen, an Porträts und Selbstbildnissen.

Zeitgenössische Interventionen

Als zeitgenössische Interventionen unterbrechen im 2. Obergeschoss raumbezogene und dreidimensionale Kunstobjekte aus den 1980er-, 1990er-, 2000er- sowie aus den 2010er-Jahren. Zu sehen sind Arbeiten etwa von Wolfgang Häusler (geboren 1950), Gottfried Bechtold (geboren 1947) und Brigitte Kowanz (geboren 1957), weiterhin Hubert Matt (geboren 1959) und Gerry Ammann (geboren 1962).

Skulpturen im Park

Die Landeshauptstadt Bregenz kauft jährlich Kunstwerke regionaler Künstlerinnen und Künstler an. Heuer wurde u. a. die neue Stahlplastik "One point" der Künstlerin Ilse Aberer (geboren 1954) angekauft, die im Park Thurn und Taxis ihre dauerhafte Ausstellung findet. Des Weiteren unterstützt die Stadt Bregenz aufgrund der aktuellen Situation junge bildende Künstlerinnen und Künstler durch den einmaligen Ankauf von Kunstwerken, die eigens für den öffentlichen Raum konzipiert wurden: Zu den Sieger-Projekten zählen "Why" des Künstlerduos Reiterer Weithas (geboren 1985/geboren 1991), das Kunstobjekt "United" von Maria Anwander (geboren 1980) sowie das Kunstobjekt "Ohne Titel" von Ruben Aubrecht (geboren 1980). Kunst und Natur treten im Park in Dialog, und poetische Begegnungen entstehen.

Das überlebensgroße Persönlichkeitsdenkmal von Jodok Fink (1853 – 1929), das der Bregenzer Bildhauer Emil Gehrer (1913 – 1992) gestaltet hat, wurde am 7. Juli 2020 in den Park Thurn & Taxis übersiedelt. Es ist das einzige Denkmal, das das Land Vorarlberg bisher für eine Persönlichkeit errichten ließ. Jodok Fink gilt als Brückenbauer, vor allem auch über ideologische Denkweisen hinweg. Als aufrichtiger, verantwortungsbewusster und uneigennütziger Politiker setzte er sich immer wieder als Vermittler ein und war stets besorgt um das Gemeinwohl. An seinem neuen Aufstellungsort vor dem Palais Thurn & Taxis begrüßt „er“ die Besucherinnen und Besucher der diesjährigen Sommerausstellung.

Die von Emil Gehrer gestaltete Bronzestatue zeigt Jodok Fink in lässiger, entspannter Haltung. Selbstbewusst und freundlich blickt er in die Welt. Im März 1954 hatte Gehrer den Auftrag erhalten, ein Denkmal für Jodok Fink zu gestalten. Der Künstler legte zwei Entwürfe vor, einen konservativen und einen modernen. Sein moderner Entwurf setzte sich durch. Im September 1958 wurde die Plastik in Bronze gegossen und an Jodok Finks 30. Todestag, am 1. Juli 1959, feierlich im Rasenzwickel an der St.-Anna-Straße/Bahnhofstraße enthüllt.

Geschichte der städtischen Kunstsammlung

Die Bregenzer Ratsherren hatten Mitte des 17. Jahrhunderts neben ihren Verwaltungstätigkeiten auch richterliche Beschlüsse auszusprechen. Um diese Verantwortung nach außen zu demonstrieren, wurde 1669 im Zuge der Neugestaltung "der großen Stube" im Rathaus in der Oberstadt Matthäus Zehender (1641 – ?) beauftragt, zwei Gemälde mit alttestamentlichen Gerichtsszenen zu fertigen. Der Künstler lieferte "Susanna im Bade" und "Das salomonische Urteil". Mit diesem Auftrag trat die Stadt erstmals als Mäzen in Erscheinung.

Sowohl der Stadtammann und Rat waren mit Zehenders Arbeiten zufrieden und gaben drei weitere Bilder mit Gerichtsszenen in Auftrag. Noch 1669 lieferte Zehender das neutestamentliche Gemälde "Die Verurteilung Christi durch Pilatus". Bis 1675 folgten zwei weitere Szenen: "Das Jüngste Gericht" und "Das Urteil Jesu über die Ehebrecherin". Diese fünf großformatigen Leinwandgemälde befinden sich nach wie vor im Eigentum der Landeshauptstadt Bregenz. "Das salomonische Urteil" ziert heute das Stadtvertretungszimmer im Rathaus.

Mitte des 20. Jahrhunderts war Karl Tizian für zwanzig Jahre Bürgermeister von Bregenz. Seine große Vision war es damals, die Stadt Bregenz zur Kulturstadt wachsen zu lassen. Er setzte sich u. a. für die 1946 gegründeten Bregenzer Festspiele ein, für den Umbau des Kornhauses in ein Theater (1953 – 1955) und überließ 1953 der "Berufsvereinigung der bildenden Künstler Vorarlbergs" das Palais Thurn & Taxis. Im fortan "Künstlerhaus" genannten Gebäude konnten die Mitglieder der Berufsvereinigung ihre Werke öffentlich ausstellen. Darüber hinaus wurde das Palais Thurn & Taxis zum Schauplatz zahlreicher städtischer Großveranstaltungen, so etwa der drei großen Barockausstellungen der Jahre 1962 bis 1964.

Tizian sah es bereits als eine kommunale Aufgabe an, die heimischen Kulturschaffenden aktiv zu unterstützen und zu fördern. Deshalb wurden für öffentliche Bauten im Rahmen von einem bis zwei Prozent der Bausumme künstlerische Aufträge vergeben sowie Werke der bildenden Kunst regelmäßig angekauft. Heute umfasst die Sammlung der Landeshauptstadt Bregenz rund 1.500 Kunstwerke aus über drei Jahrhunderten Kunstgeschichte.

Die Kunst des Sammelns. Einblicke in die städtische Kunstsammlung.
12. Juli bis 30. August 2020

Palais Thurn und Taxis
Gallusstrasse 10a
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 42751
F: 0043 (0)5574 44029
E: bvkv@kuenstlerhaus-bregenz.at
W: http://www.kuenstlerhaus-bregenz.at/

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© Udo Mittelberger
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Heinz Greissing, Landschaft 1994, Foto: Günter König
Heinz Greissing, Landschaft 1994, Foto: Günter König
Max Weiler, Roter Baum, Foto: Günter König
Max Weiler, Roter Baum, Foto: Günter König
Rudolf Wacker, Selbstbildnis 1927, Foto: Günter König
Rudolf Wacker, Selbstbildnis 1927, Foto: Günter König
Brigitte Kowanz, Light is what we see, Foto: Günter König
Brigitte Kowanz, Light is what we see, Foto: Günter König
Maria Lassnig, Informell 1960, Foto: Günter König
Maria Lassnig, Informell 1960, Foto: Günter König
Ilse Aberer, "one point", Foto: Landeshauptstadt Bregenz
Ilse Aberer, "one point", Foto: Landeshauptstadt Bregenz
© Udo Mittelberger
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