26. November 2007 - 3:29 / Walter Gasperi / Zoom

Alfred Hitchcocks Filme sind zeitlos, einerseits höchst unterhaltsame packende Thriller, andererseits gleichzeitig auch brillante, an Kafka erinnernde Studien über die Angst und Reflexionen über die Identität. In zwei Tranchen zeigt das Österreichische Filmmuseum das Gesamtwerk des "Master of Suspense": Im Dezember stehen das englische Frühwerk und die ersten bis 1947 entstandenen amerikanischen Filme auf dem Programm, im Jänner folgen die Meisterwerke der 1950er bis 1970er Jahre.

Regisseure stehen hinter der Kamera. Ihre Gesichter sind - abgesehen von den gleichzeitig als Schauspieler auftretenden Filmemachern wie Chaplin, Keaton, Orson Welles oder Woody Allen - dem Publikum kaum bekannt. Wer würde schon Kubrick, Eisenstein, Visconti oder Robert Bresson auf einem Foto erkennen? Bei Hitchcock, der freilich in jedem seiner Filme sich einen kleinen Gastauftritt gestattete und die Suche danach zum Spiel der Fans gehört, liegt der Fall anders: Die ganze Welt, auch nicht Cineasten, kennt seine massige Statur, sein Doppelkinn und sein Gesicht.

Wie kein anderer verstand es der am 13. August 1899 in London geborene und am 29. April 1980 in Los Angeles verstorbene Regisseur Kommerz und Kunst zu verbinden, Filme fürs große Publikum zu drehen und doch immer von seinen eigenen Obsessionen zu erzählen. Quer durch seine 53 Kino- und 20 Fernsehfilme ziehen sich wiederkehrende Motive und filmische Strategien.

Mutterfiguren: Die markante dominante Mutterfigur, die sich am ausgeprägtesten in "Psycho" (1960) findet, aber auch in "To Catch a Thief" (1955), "North by Northwest" (1959) oder "The Birds" (1963) vorkommt, lässt sich mit Hitchcocks Kindheit erklären: Die Mutter war für den jungen Alfred nach dem frühen Tod des Vaters der einzige Bezugspunkt.

Katholizismus und viktorianischer Puritanismus: Aus der katholischen Erziehung, auch in einer Jesuitenschule, und dem Puritanismus seiner Jugendzeit lässt sich einerseits die wiederkehrende Auseinandersetzung mit Schuld erklären, andererseits scheint diese Kindheit zu einer Ausformulierung der eigenen Obsessionen, die sich Hitchcock offen zu leben nicht erlaubte, im Film geführt zu haben. In der Realität über 50 Jahre gutbürgerlich mit Alma Reville verheiratet, entwickelte er eine obsessive Leidenschaft für einen blondhaarigen Frauentypus, den Ingrid Bergman, Grace Kelly, Kim Novak, Eva Marie Saint oder Tippi Hedren verkörperte.

Polizei und Ängste: Wie sehr die Welt in Hitchcocks Filmen aus den Fugen ist, zeigt sich darin, dass sichere Ordnungen aufgelöst werden. Die Polizei ist nicht der Freund und Helfer, sondern bedrohliche Macht, der sich Unschuldige durch Flucht entziehen müssen. Beispiele dafür sind "The 39 Steps" (1935), "Spellbound" (1945) oder "North by Northwest" (1959). Am deutlichsten kommt das im quasidokumentarischen "The Wrong Man" (1957) zum Ausdruck, in dem durch Exekutive und Iudikative das Leben eines unbescholtenen Bürgers zerstört wird.

Unsichere Identitäten und Spionagefilme: Weil Hitchcocks Filme immer wieder um die Unsicherheit der Identität, um Verwechslungen, Täuschungen und Doppelgänger kreisen spielt das Genre des "Spionagefilms" in seinem Werk eine zentrale Rolle, wobei der poltische Hintergrund aber keine Rolle spielt: Beispiele dafür sind "The 39 Steps" (1935), "The Lady Vanishes" (1938), "Notorious" (1946), "North by Northwest" (1959), "Torn Curtain" (1966).

Whodunit, "Suspense" und "Surprise": An der Lösung eines Verbrechens und der Suche nach dem Täter ("Whodunit") ist Hitchcock kaum interessiert. Das Ende ist oft ausgesprochen knapp gehalten, fast fahrlässig im Verzicht auf Erklärungen ("The 39 Steps", 1935; "North by Northwest", 1959). Ziel ist es vielmehr den Zuschauer durch filmische Strategien durchgehend in Spannung zu halten. Überraschende Wendungen ("Surprise") wie die Duschszene mit der Ermordung Janet Leighs in "Psycho" (1960) kommen zwar vor, doch wichtiger ist die Technik des "Suspense". Der Zuschauer verfügt dabei gegenüber dem Protagonisten um ein Mehrwissen, sieht schon lange im voraus die kommende Gefahr und fürchtet so um den ahnungslosen Helden. Legendäre Beispiele dafür finden sich in "Sabotage" (1936), in dem ein Junge mit einer tickenden Zeitbombe durch London bummelt, oder die Szenen im Weinkeller in "Notorious" (1946).

Österreichisches Filmmuseum
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