11. August 2021 - 4:33 / Ausstellung / Architektur 
19. August 2021 17. Januar 2022

Tatiana Bilbao: Architektin, Vertreterin einer ‚Next generation‘, Geheimtipp oder einfach Teil eines neuen Rollenverständnisses einer Architektin im 21. Jahrhundert? Die Ausstellung beleuchtet Arbeitsweise und Philosophie von Tatiana Bilbao und ihrem gleichnamigen Studio, das sie 2004 in Mexiko City gründete.

Lateinamerika befindet sich mitten in politischen Umbrüchen. Die stets größer werdende Einkommensschere zwischen Superreichen und Entrechteten spaltet die Gesellschaft und geht einher mit anhaltenden Problemen der Ausgrenzung in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht. Auch das Arbeitsfeld lokaler Architekt*innen bewegt sich zwischen diesen Extremen, wie man am Werk von Tatiana Bilbao und ihrem Architekturstudio in Mexico City ablesen kann. Tatiana Bilbao Estudio steht für Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen Projekten mit großen finanziellen Ressourcen und sozialen Aufgaben oder ephemeren Experimenten. Bilbao stellt sich der gesellschaftlichen Verantwortung und will die sozialen Probleme in ihren Entwürfen reflektiert sehen.

„Es geht um die Architektur, die wir machen können, und nicht darum, dass wir Architekt_innen sind,“ erklärt Tatiana Bilbao in einem Interview mit Jacques Herzog zur Frage des Generationenwechsels und ihrer kollaborativen Arbeitsweise. Bilbaos breit gefächertes Werk entsteht oft gemeinsam mit anderen Architekt_innen, Landschaftsarchitekt_innen, Künstler_innen und auch Bewohner_innen. Die Konfrontation mit unterschiedlichen Ansätzen und Ideen ist für Bilbao essentiell, um für Entwicklung offen zu bleiben und den Kontext statt einzelner Auftraggeber_innen in den Vordergrund zu stellen. Projekte wie die Pilgerroute in Mexiko, der botanische Garten in Culiacán und mehrere Wohnbauprojekte belegen dies. „Ihr Schaffen ist von ökologischen und sozialen Gedanken, aber auch von einer großen Poesie getragen“, so Az W Direktorin Angelika Fitz.

Tatiana Bilbao Estudio erforscht und interpretiert die historische Kultur und die lokalen Bautraditionen Mexikos, wie beispielsweise die Verwendung von Stampflehm oder kostengünstige alltägliche Materialien. Der Grundgedanke ist, dass die Architektur zur Plattform für jede/n werden soll, um ihre/seine eigene Existenz zu schaffen. „Wenn man aus einem Land kommt, in dem viele Menschen nur über sehr wenige wirtschaftliche Ressourcen verfügen, ist man es gewohnt, diese nicht zu verschwenden“, so Tatiana Bilbao. Da es für die breite Bevölkerung schwierig ist, Grundrisse oder Schnitte lesen und sich diese Räume vorstellen zu können, hat Tatiana Bilbao Estudio kreative Ansätze für die Projektdarstellung entwickelt. Schon früh nutzte sie Collagen und handgezeichnete Skizzen, um Entwurfsideen mit Auftraggeber_innen und Nutzer_innen zu kommunizieren, aber letztlich auch als Werkzeug, das die Darstellung „des Anderen“ ermöglicht. Auf Renderings – also digitale realitätsnahe Visualisierungen – wird verzichtet, da diese nicht nur den krea- tiven Prozess behindern, sondern vor allem, weil sie die Vorstellungskraft unterbinden und den Entwicklungsprozess eines Projekts zum Stillstand bringen.

Die Schau im Architekturzentrum Wien präsentiert rund 25 Projekte aus der ganzen Welt – darunter Kultur- und Bildungsbauten, Masterpläne und Projekte mit gemischter Nutzung sowie Wohnbauten vom Einfamilienhaus bis zum sozialen Wohnbau. Bei sämtlichen Projekten steht der unmittelbare Kontext, die Analyse der Landschaft und der sozialen Bedingungen im Zentrum. Die Ausstellung erkundet verschiedene Dimensionen von „Landschaft“ – von der mexikanischen Landschaft über Stadtlandschaften bis zu sozialen und kulturellen Landschaften.

Eine Fülle an sehr unterschiedlichen Modellen erstreckt sich auf einer handgezeichneten Landschaft im ganzen Raum, gesäumt von dicht bestückten „Kabinetten der Neugierde“ voller Materialproben, Arbeitsmodelle und Skizzen, die den Prozess der Projekte veranschaulichen, begleitet mit Fotos von Iwan Baan. Raumgreifende Installationen im Innen- und Außenraum verdeutlichen Materialität wie Dimension. Collagen aus dem Tatiana Bilbao Estudio über „Landschaften“ als Gesamtheit des Kontextes – also auch jener Dinge, die nicht sichtbar sind, als Summe von Standort, Geografie, Wirtschaft, Politik, Gesell- schaft, Geschichte und Kultur an einem Ort – treten in einen Dialog mit ausgewählten Objekten aus der Sammlung des Architekturzentrum Wien und seiner über 25-jährigen Ausstellungsgeschichte.

Tatiana Bilbao Estudio
19. August 2021 bis 17. Jänner 2022
Ausstellungshalle 2

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, im MQ
A - 1070 Wien

W: http://www.azw.at/

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  •  19. August 2021 17. Januar 2022 /
Tatiana Bilbao ©
Tatiana Bilbao ©
Nachverdichtung „Territorio de Gigantes“, Aguascalientes, Mexiko, 2013 – 2018 © Foto: Rodrigo Chapa
Nachverdichtung „Territorio de Gigantes“, Aguascalientes, Mexiko, 2013 – 2018 © Foto: Rodrigo Chapa
Wohnhaus “Los Terrenos”, Monterrey, Nuevo León, Mexiko, 2012 – 2016 © Foto: Rory Gardiner
Wohnhaus “Los Terrenos”, Monterrey, Nuevo León, Mexiko, 2012 – 2016 © Foto: Rory Gardiner
Sozialer Wohnbau – insgesamt 16 Wohneinheiten mit je 52 m2 und einem öffentlichen Raum mit 27.000m2 – in Acuña, Mexiko, 2015 © Foto: Iwan Baan
Sozialer Wohnbau – insgesamt 16 Wohneinheiten mit je 52 m2 und einem öffentlichen Raum mit 27.000m2 – in Acuña, Mexiko, 2015 © Foto: Iwan Baan
Botanischer Garten, Culiacan, Mexiko, 2012 © Foto: Iwan Baan
Botanischer Garten, Culiacan, Mexiko, 2012 © Foto: Iwan Baan