Kurt Bracharz

Mo, 11.03.2019

Nach dem Ersten Weltkrieg will eine Vorarlberger Familie in die Schweiz emigrieren, also schwimmen Vater, Mutter, Kind nacheinander durch den Rhein. Der Vater als erster, als er drüben ist, ruft er: Judihu, ich bin ein Schweizer! Die Mutter schafft es ebenfalls, ruft: Judihu, ich bin eine Schweizerin! Das Kind ertrinkt in der Mitte des Flusses. Sagt die Mutter: ’s war eh bloß ein Österreicher.

Das war einer der Österreicherwitze am Beginn des Einakters „Lauter vernünftige Leute“ des Schweizer Autors Gerhard Meister, der zusammen mit einem zweiten Einakter, „Die Verunsicherung“ des Oberösterreichers Thomas Arzt, unter dem Gesamttitel „Der 27. Kanton“ am 8. März im Landestheater Premiere hatte. An diesem Witz ist zweierlei bemerkenswert, nämlich erstens seine Herkunft von einem alten, gleich strukturierten jüdischen Witz (zumindest kommt er bei Salcia Landmann vor, die freilich alle Witze für jüdisch hielt), und zweitens die Tatsache, dass im Originalwitz der Premiere die drei nicht durch den Rhein, sondern „durch den Bodensee“ schwimmen, was nur damit erklärbar ist, dass der Autor sich nicht einmal die Landkarte angesehen hat, bevor er zu schreiben begann.

Beide Stücke sind Auftragsarbeiten, vergeben von der Intendantin des Theaters aus Anlass des 100. Jahrestages der Volksabstimmung für den Anschluss an die Schweiz 1919. Das Stück von Meister ist eher eine Art Kabarett als ein Theaterstück. Es geht von der Annahme aus, dass der Beitritt zur Schweiz stattgefunden hätte, und tut dann so, als sei Vorarlberg ein Musterbeispiel dafür, die Fahne je nach Wirtschaftslage problemlos zu wechseln; erst Österreich, dann Schweiz, dann Ostmark, dann wieder Schweiz. Da sich die Schauspieler abstrampeln, die beiden schwachen Stücke einigermaßen ansehnlich über die Bühne zu bringen, ist „Lauter vernünftige Leute“ zwar Blödsinn, aber wenigstens nicht langweilig.

Das erste Stück des Abends, „Die Verunsicherung“, hat das Manko (oder den Vorteil?), dass es in jedem Bundesland gespielt werden kann, so wenig Vorarlbergbezug hat es – eigentlich gar keinen. Ein paar Leute in einem Vorarlberger Wirtshaus, das ausgerechnet „Kaiserstüberl“ heißt, sind verunsichert, weil es Umtriebe von irgendwelchen Landvermessern gibt und keiner weiß, warum und in wessen Auftrag diese tätig sind. Eine demente Alte, wie sie mit ihrem unfreiwilligen Humor in jedem Volksstück (so sieht Arzt sein Stück) nützlich ist, verkündet, dass es 100 Jahre nach dem Lustenauer Lehrer Riedmann, der 1919 die Abstimmung initiierte, wieder eine Unruhe im Land gibt, und es wird angedeutet, dass es eine wünschenswerte, kreative Unruhe gegen die aktuelle autoritäre Regierung sein sollte. Wenn man Details wie den Namen Riedmann durch einen anderen ersetzt, kann das Stück überall aufgeführt werden, am besten natürlich im jeweiligen Dialekt. Oder man belässt es bei diesem Deutsch, in dem ein im Stück so bezeichneter Gsiberger „Was ’n Ding!“ ausruft.

Es war wohl keine gute Idee, aus dieser Anschlussbewegung gleich zwei Einakter machen zu wollen. Sie hätten so etwas wie Schulfunk werden können (den es allerdings in Österreich seit 1984 nicht mehr gibt), dann hätte man Schülervorstellungen machen können (gibt’s die überhaupt noch?), oder vielleicht doch einfach nur eine Satire – aber dann bitte eine weniger plumpe als „Lauter vernünftige Leute“. Sogar die „Vorarlberger Nachrichten“ brachten als Premierenkritik einen Verriss – das kommt so selten vor, dass es einiges über die beiden Stücke aussagt. Anderswo bemühte man das Klischee, der Abend rege zum Nachdenken an. Ja, zum Nachdenken, ob es das gebraucht hat.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)