29. Juli 2021 - 6:59 / Ausstellung / Malerei / Sammlung 
24. April 2021 31. Oktober 2021

Mit "Tour de Force", der Hauptausstellung dieses Jahres im Museum Liaunig, sollen mehrere Fragen gestellt werden. Grundsätzlich folgt das Ausstellungsprojekt der Sammlung Liaunig, die in ihrer Dimension, Vielfalt und Qualität zweifellos viele inhaltliche Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren im Stande ist. Man kann aber gewisse Schwerpunkte bzw. eine Logik hinter jeder Sammlung finden und denen nachspüren. Die Malerei – vor allem im Bereich der Abstraktion – und die Skulptur als stabile Größen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Regionale wie internationale Positionen befinden sich dabei in guter Proportion. Der zeitliche Horizont der Sammlung spannt sich etwa von 1945 bis heute, inklusive einiger Beispiele früheren Datums. Diesen Tatsachen versucht auch die Ausstellung "Tour de Force" Rechnung zu tragen.

Im Kontext der Kategorien Malerei und Plastik wird in diesem Jahr eher den gestischen, informellen Traditionen nachgespürt – durchaus in der Folge der letztjährigen Jahresausstellung, wo es um konkrete, konzeptuelle bis medienkünstlerische Ansätze ging.

Die heurige Ausstellung versammelt etwa 200 Exponate aus der eigenen Sammlung, ergänzt nur durch einige wenige Leihgaben von Künstlern und Institutionen. Coronabedingt fiel die Entscheidung, dieses Jahr konzentrierter und ausschließlicher mit der eigenen Sammlung zu arbeiten und damit auch einen tieferen Blick auf die Neigungen und Vorlieben des Sammlerehepaars Liaunig zu ermöglichen. Das Gestische innerhalb der Malerei, die Tradition der "Nouvelle École de Paris", wie sie nach 1945 entstanden ist, sowie die Spuren davon in Österreich waren dabei grundlegende Aspekte der Überlegung. So liegt der Zeitraum, den diese Ausstellung umfasst, etwa zwischen 1950 und heute. Einige wenige Beispiele früheren Datums erweitern den historischen Rahmen exemplarisch. Durch die bauliche Struktur des Hauses ergibt sich eine naheliegende Aufteilung der Werke. Vier Abschnitte lassen sich definieren und inhaltlich besetzen. Von einem zentralen Eingangsbereich aus erstrecken sich zwei Raumhälften – eine nördlich und die andere südlich. Ein vierter Bereich ergibt sich in einem niedrigeren, meist für Kleinformate und Grafik benutzten Appendix, der vom zentralen Eingangsbereich ausgeht. Überschneidungen innerhalb der vier Bereiche sind durchaus in Kauf genommen, unterstützen sie doch die Aussage der Ausstellung zusätzlich.

Mit 1945 passiert ein massiver Bruch innerhalb der globalen Weltordnung. Der Zweite Weltkrieg, die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, der ideologisch motivierte, industrielle Massenmord, der Atombombenabwurf in Japan, sowie die daraus resultierende Totalzerstörung – materiell, wie ideell – sind grundlegende Faktoren, die jede weitere Entwicklung global bestimmt haben. Die Künste beziehen sich bewusst und unbewusst auf diese Ereignisse. Das Erlebnis des Traumas angesichts der Totalzerstörung war zweifellos bestimmender als dies noch bis vor Kurzen angenommen bzw. innerhalb der Kunst entsprechend artikuliert wurde. Die "Postwar-Diskussion" der letzten Jahre hat die Sichtweise 75 Jahre nach dem Kriegsende präzisiert und erweitert. Vieles, gerade innerhalb der Malerei, kann nicht mehr ausschließlich auf formale Ziele hin argumentiert werden – die Interpretation ist differenzierter geworden.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich gerade das Informel als internationaler Stil in dieser "Stunde Null" als ideales Beispiel für die Diskussion um einen Neustart innerhalb der bildenden Kunst nach 1945 anbietet. Die Auflösung der Formen, die Verselbständigung der malerischen Mittel – Punkt, Linie, Fläche, gleichgesetzt mit Pinselstrich, Fleck und Materialtransformation – sind wesentliche Elemente, die aus diesem Kontext der Destruktion kommen. In der Verselbständigung des Pinselstriches, des Materials und der Performativität des Malaktes lassen sich jeweils Subgeschichten definieren bzw. entstehen in der Folge eigene Stilausprägungen – Materialmalerei, Objektkunst, Performance, Aktionismus.

In dieser Ausstellung wird die Metapher der Reise angewandt – "Tour de Force". Auf diese Weise wird der Pinselstrich zum "Pars pro Toto" der ästhetischen Elemente und zum Ausgangspunkt zahlreicher Entwicklungen. Ob er sich konventionell in dynamischer Geste auf die Leinwand werfen lässt oder überhaupt ganz ersetzt wird, ob er die Materialität wechselt und selbst zum Gegenstand der Darstellung wird oder er sich dreidimensional und damit im Zusammenhang mit dem Skulpturalen präsentiert, man kann ihn als Basis vielfach entdecken.

In drei Abschnitten versucht die Ausstellung der Entwicklung dieser grundlegenden "ästhetischen Elemente" nachzugehen.

Der zentrale Ausgangspunkt ist naturgemäß das Informel. Die wesentlichen Protagonist_innen der österreichischen Entwicklung sind dabei vertreten, ergänzt durch einige wesentliche internationale Highlights. Die Heterogenität dieser Kunstströmung wird bereits am Beginn der Ausstellung sichtbar. Somit wird sofort klar, dass es hier nicht um eine lineare Geschichtsauffassung gehen kann. Dass diese nicht aufschlussreich genug, immer nur fragmentarisch ist und von der jeweiligen – durchaus ideologisch abhängigen – Sichtweise geprägt ist, setzt sich langsam durch. Wir können nur punktuell in die Vergangenheit zurückblicken und Interpretationen anbieten. Eine verbindliche und objektive Sicht darauf mag mancherorts behauptet werden, bleibt aber immer ausschnitthaft und oft missverständlich.

Die beiden Abschnitte, links und rechts vom Zentralbereich der Ausstellung, versuchen exemplarisch den Weg des Pinselstrichs und die damit verbundenen Konsequenzen nachzuvollziehen. So wird der Pinselstrich unmittelbar nach seiner Befreiung im Informel rasch wieder zu darstellenden Zwecken eingesetzt. Expressiv, gestisch präsentieren sich Strömungen der abstrakten Malerei, ebenso wie solche der figuralen Malerei. Die ästhetischen Mittel werden zwar isoliert, bleiben bei allem Bedürfnis zur Darstellung aber als solche erhalten bzw. deutlich sichtbar. Das Bild ist in dem Moment Malerei – thematisiert die malerischen Mittel.

Auf der anderen Seite verfolgt die "Tour de Force" den Weg des befreiten Pinselstrichs in Richtung Körper, Material und Dreidimensionalität, auch Medialität. Alles Malerische wegzulassen, es der Zerstörung anheimfallen zu lassen, die Malerei als bürgerlichen Wandschmuck zu beenden, ist der Wiener Aktionismus angetreten. Das Material konkreten Destruktionsmechanismen zu unterwerfen – Schnitte und Stiche in die Leinwand zu setzen, die Leinwand genauso wie die Ölfarbe zu ersetzen – lässt die Materialmalerei entstehen. Die Spuren der Zerstörung werden an der Behandlung des Materials erprobt – Stiche, Schnitte, Brandspuren. Die internationale Künstlergruppe "ZERO" bezieht sich explizit auf den "Nullpunkt", der sich nach 1945 ergeben hat.

Im Plastischen verändert sich das Material gegenüber der Malerei naturgemäß. Damit wird auch klar, dass in diesem Fall der Pinselstrich selbst zum dargestellten Motiv transferiert wird. Im vierten Abschnitt kann man einige historische Referenzen – internationale wie österreichische – bestaunen, die im Kleinformat bzw. in den grafischen Disziplinen vorhanden sind.

Grundsätzlich ist diese Ausstellung ein historischer Abriss, der niemals linear aufgefasst werden kann, schon gar nicht auf Vollständigkeit hin lesbar ist. Manche Linearitäten ergeben sich trotzdem. Grundsätzlich handelt es sich hier eher um eine Art historisches Feld, in dem sich Parallelitäten und Widersprüche selbstverständlich ergeben. Historizität ist wohl das Ergebnis ständiger Diskussionsprozesse um scheinbar längst Geklärtes. Dass längst Geklärtes sehr viel Selbstverständliches, aber gleichzeitig auch weitreichend Unbekanntes, Verblüffendes und derart nicht Formuliertes in sich trägt, soll diese Schau zeigen. Sie ist natürlich eine mehrfach subjektive Sichtweise bzw. ein Versuch, mit Vertrautem anders umzugehen. Dem Publikum wird das sehr wohl als eine "Tour de Force" vorkommen und einiges abverlangen. Man wird Auslassungen und Überraschungen genauso bemerken, wie man diskussionswürdige Inklusionen feststellen wird.

Die Ausstellung sieht sich nicht als verbindliche Darstellung der kunsthistorischen Entwicklungen dieses Landes, wohl aber richtet sie den Blick darauf und versucht eine alternative Perspektive zu eröffnen.

Tour der Force – Punkt und Linie und Farbe auf dem Weg durch die österreichische Kunst nach 1945
24. April bis 31. Oktober 2021
Kurator: Günther Holler-Schuster



  •  24. April 2021 31. Oktober 2021 /
© Museum Liaunig
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