12. November 2010 - 2:20 / Ausstellung / Fotografie 
11. September 2010 14. November 2010

Wir verschalen, verkleiden, drapieren, lackieren, decken gerne ab und zu – die schiefe Wand, das alternde Gesicht, die ausbrechende Bohrstelle, die verbeulte Karosserie. Wir arrangieren unsere Welt gerne so, dass ihre Entstehung, ihr Mechanismus, ihr Operieren nicht mehr sichtbar sind, dass sie wie eine perfekte glänzende Box vor uns hingestellt, betrachtet und bewundert werden kann. Handlungen verschwinden im Resultat, Ausrisse, Mängel und Fehlhandlungen werden kaschiert, Leerstellen wegeditiert. Wir mögen das Resultat, den Auftritt, die Aktion, das Event und den Glanz – und retuschieren das Dazwischen, das Abwesende, Matte, den Antiklimax weg, wischen das Unerwünschte in den realen oder virtuellen Papierkorb.

Stefan Burger weiss um diese Performance des Perfekten und Präsenten (gerade auch bei der Fotografie, mit ihrer so homogenen Oberfläche, ihrer brillanten Erscheinung und ihrer massenmedialen Verbreitung) und kratzt hier am Lack, betritt da den Hinterhof, entdeckt dort eine chaotische Konstruktion. Mit Vorliebe entfernt er all die Kaschierungen und lenkt den Blick auf das Dahinterliegende, Halbfertige, Stotternde, auf das Davor und Danach, das Verlassene und Leere. Nicht der blühende Blumenstock interessiert ihn, sondern der leere Blumentrog, nicht die Herbstneuigkeit, sondern der Ausverkauf, nicht der grosse Auftritt, sondern die verlassene Bühne, die erloschenen Scheinwerfer. Sein Interesse gilt den Fassungen, an und in denen sich Konstruktionen zeigen und abspielen, Halte- und Stützvorrichtungen, an denen sich Zustände manifestieren. Er deckt gerne Mechanismen auf: Mechanismen des Wahrnehmens, Produzierens und Betreibens. Sein Erkenntnisinteresse führt ihn zu den "Umständen" der Welt, den Bewegungen hinter der Bühne, den Konstellationen, die sich ergeben. Sein Blick fällt auch auf die Modus Operandi des Kunstmachens, der Bilderherstellung, des Zeigens und Ausstellens von Werken.

So wie die Polizei Markierungen am Tatort anbringt, damit sie den Ablauf des unbekannten Unfalles oder Vorfalles Schritt um Schritt rekonstruieren kann, so stellt Stefan Burger "Bojen" auf, markiert damit mögliche Schauplätze, Handlungsstränge, Situationen, um nach Bedingungen zu fragen, nach dem Wieso, wieso schon wieder, und was denn überhaupt. In der Regel sind es Bojen, die uns keine, schon gar keine endgültige Wahrheit erfahren lassen, sondern Bojen, die vielmehr neue, nachdoppelnde Fragen stellen, die uns, wie beim Orientierungslauf, immer tiefer in das Dickicht hineinführen.

Stefan Burger (*1977 in Müllheim (D), lebt und arbeitet in Zürich) pflegt einen fröhlichen Ikonoklasmus, er spielt mit den Möglichkeiten des Bildes, mit den Fallen, die sich in Produktion, Montage und Vorzeigen oder in der Rezeption, im Vieleck zwischen Betrachter, Bild, Bildmotiv, Bildträger und Legende manifestieren. Seine Fotospiele sind raumgreifende, handlungsauslösende, auch den Kunstkontext als erweiterten Raum mitreflektierende visuelle Denkspiele mit unvorhersehbarem, heiterem, manchmal abgründigem Ausgang. In Unter den Umständen werden neue, raumspezifische Arbeiten ausgestellt sowie eine Werkübersicht gezeigt.

Zu dieser ersten grossen Museumsausstellung erscheint ein Katalog im Christoph Merian Verlag.

Stefan Burger – Unter den Umständen
11. September bis 14. November 2010

Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
CH - 8400 Winterthur

T: 0041 (0)52 234 10 34
F: 0041 (0)52 233 60 97
E: fotomuseum@fotomuseum.ch
W: http://www.fotomuseum.ch/

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Sprung ins Leere unter Begutachtung einer Expertenkommission, 2006. Inkjet-Print auf Bretterwand, Beton, Metallfässer, 400 x 200 x 80 cm. © Stefan Burger
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Total-Liquidation, 2009. Gefundene Vitrine (Aluminium, Glas, Holz, Kunstseide), 94 x 172 x 25 cm. Unikat, Sammlung Hauser & Wirth, Henau; © Stefan Burger
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Würenlos, 2009. Inkjet-print, 330 x 450 cm; © Stefan Burger