10. Juli 2020 - 1:27 / Aktuell / Social Design 

Vier Studierende des Social Design Studio der Universität für angewandte Kunst Wien verfolgen mit ihrer Gründung des Schwimmvereins Donaukanal das Ziel, die traditionsreiche Schwimmkultur im Donaukanal wieder aufleben zu lassen.

Vor 100 Jahren noch ein beliebter Badeort in Wien, ist der Donaukanal heute als Schwimmgewässer in Vergessenheit geraten, obwohl dort offiziell das Schwimmen legal ist. Die Initiative des Schwimmvereins, als partizipatives Projekt an das Kunst Haus Wien andockend, will den 850.000 m2 großen "flüssigen öffentlichen Raum" Donaukanal wieder in das Bewusstsein der Wienerinnen und Wiener rücken und die Nutzung als Naherholungsraum erweitern.

Kunst Haus Wien als Ausgangspunkt für Schwimmerinnen und Schwimmer

Schon der Künstler und Gründer des Kunst Haus Wien Friedensreich Hundertwasser bezeichnete den Donaukanal als sein "erstes Meer" und durchquerte ihn regelmäßig als Schwimmer. Das Museum bildet die Ausgangsstation mit Schließfächern und Umkleidekabinen für individuelle Schwimmgänge – auf eigene Gefahr. Darüber hinaus können Handtücher und Badeschlapfen im Museum ausgeliehen werden. Vom Garten des am Donaukanal gelegenen Kunst Haus Wien im dritten Wiener Gemeindebezirk können die einzelnen Schwimmerinnen und Schwimmer zu naheliegenden Einstiegsstellen spazieren und sich im Donaukanal mit der Strömung ca. 450 Meter südlich treiben lassen. Der Schwimmverein informiert auch über geeignete Ein- und Ausstiegsflächen und die Empfehlungen für Flußschwimmerinnen und -schwimmer, die es zu beachten gilt.

Schwimmgespräche mit Expertinnen und Experten

Die Recherche zum Thema "Urbanes Schwimmen" führte den Schwimmverein nicht nur zu eigenen Schwimmerfahrungen und zum historischen Hintergrund, sondern ergab vor allem einen Austausch mit anderen, die sich des Themas annahmen oder eigene Erfahrungen beitragen konnten. So beispielsweise mit:
- Stephan Hann vom Institut für analytische Chemie der Universität für Bodenkultur Wien, der erklärt, warum er persönlich wenig Bedenken hätte, in den Donaukanal zu springen.
- Schweizer Flussschwimmerinnen und -schwimmern, die von der Normalität des urbanen Flussbadens in Städten wie Basel, Bern oder Zürich erzählen und berichten, wie sich städtisches Schwimmen in der Schweiz zu einem Massenphänomen entwickeln konnte.
- Sozio-Ökonom Andreas Novy (Wirtschaftsuniversität Wien), der die Wichtigkeit attraktiver Naherholungsgebiete für eine Alltagsökonomie betont.
- Eisschwimmer, Weltrekordhalter und Gründer des Eis- und Winterschwimmverbands Wien Josef Köberl, der von seinen Schwimmerfahrungen rund um das Jahr im Donaukanal berichtet. Er legt in seiner Mittagspause regelmäßig eine Trainingseinheit ein und kühlt sich dort ab. Er erzählt vom Donaukanal als ganzjährige Erfrischung - die Wassertemperatur übersteigt auch im Sommer nur selten 20 °Celsius.
- Ernst Gerhard Eder, Kulturanthropologe und derzeit am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien lehrender Verfasser des Bandes Bade- und Schwimmkultur in Wien, leitet aus seinen historischen Studien ein Plädoyer für einen aktuellen urbanen Wiener Schwimmgenuss ab.
Sowie mit:
- Judith Eiblmayr (Architektin und Donaukanal-Forscherin),
- Paul Haber (Schwimmer und Präsident des SC HAKOAH),
- Gabu Heindl (Architektin und Aktivistin),
- Jakob Travnik (nanotourism-Forscher, TU Wien Architektur),
- Peter Weniger (Künstler und Total Immersion inspirierter Schwimmlehrer),
- Cornelia Ehmayer-Rosinak (Stadt Psychologin)
- Christina Schraml (Urbanistin, Universität für angewandte Kunst Wien)

Historische Schwimmtradition

Vor 100 Jahren noch ein üblicher Badeort, ist der Donaukanal inzwischen zu einer aquatischen No-Go-Zone geraten. Bereits 1827 wurde das erste Strombad im Donaukanal eröffnet, eine Schiffbadeanstalt, in der man sich in einer von einem Boot getragenen Käfigkonstruktion im Kanalwasser zunächst waschen und später auch erste Schwimmversuche machen konnte. Im frühen 20. Jahrhundert erlangte der Schwimmwettbewerb "Quer durch Wien" enorme Beliebtheit. Einige der wiederholten Schwimmchampions gehörten dem Schwimmclub SC Hakoah an. Antisemitische Polemik sowie die beiden Weltkriege brachten jedoch schließlich die regelmäßig stattfindenden Sportveranstaltungen zum Erliegen. Noch in den 1930er-Jahren hatte die Zeitung "Der Abend" die Ufer des Donaukanals ironisch als "Riviera der Arbeitslosen" beschrieben und widmete dem Kanal im Sommer 1933 eine umfangreiche Reportage.

Der Schwimmverein Donaukanal

Gegründet wurde der Schwimmverein Donaukanal von Amanda Sperger, Amelie Schlemmer, Ana Mumladze und Fabian Ritzi im Social Design Studio der Universität für angewandte Kunst Wien mit dem Ziel der Erforschung der Beschwimmbarkeit des Donaukanals sowie der Reaktivierung des Bewusstseins und der Freude am Städteschwimmen. Seit Februar 2020 recherchierten die Gründungsmitgliedern mit Expertinnen- und Expertengespräche die erforderlichen Schwimmkonditionen von der Wasserqualität bis hin zur politischen Dimension in Zeiten von urbaner Überhitzung und Klimakrise. Mit der sozialen Struktur durch den Verein haben Schwimmerinnen und Schwimmer die Möglichkeit, ihre Erfahrungen im Donaukanal miteinander zu teilen und durch die individuellen Schwimmspaziergänge Wien zu erkunden. Darüber hinaus geht es dem Verein darum Vorhandenes mit neuem Blick zu betrachten und so ein nachhaltiges Angebot für Abkühlung im Angesicht der sich immer stärker erhitzenden Stadt zu schaffen.

Schwimmverein Donaukanal
Ein Projekt im Rahmen der Social Design Abteilung der Universität für angewandte Kunst Wien zu Gast im Kunst Haus Wien
Programm und weitere Informationen: www.schwimmvereindonaukanal.org

Kunst Haus Wien
Untere Weißgerberstraße 13
A - 1030 Wien

T: 0043 (0)1 71204-91
F: 0043 (0)1 71204-96
E: information@kunsthauswien.com
W: http://www.kunsthauswien.com/

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© Schwimmverein Donaukanal 2020
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Schwimmwettbewerb "Quer durch Wien" im Donaukanal zwischen 1912 und 1938
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Übersichtstafel der Fluss- und Schwimmregeln im Donaukanal  © Schwimmverein Donaukanal
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Karte des Donaukanals mit Schwimmstell und –verbotszonen © Schwimmverein Donaukanal
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