28. Dezember 2007 - 1:05 / Bühne / Musiktheater 

Als am Principe-Theater in Madrid im März 1836 die Premiere von Antonio García Gutiérrez" Drama "El Trovador" über die Bühne ging, hatte das Publikum eine Sternstunde des spanischen Theaters erlebt. Zusammen mit einer kleinen Gruppe anderer Stücke – darunter auch "Don Alvaro" (1835), ein Werk des Herzogs von Rivas, Vorlage für Verdis "La forza del destino" – kennzeichnete "El Trovador" das Aufkommen einer kurzlebigen, aber eigenständigen Variante spanischer Romantik, die zwar der französischen Romantik Victor Hugos verpflichtet war, jedoch eine besondere eigene emotionale und spirituelle Prägung besass.

"El Trovador", oberflächlich betrachtet ein historisches Drama, das zur Zeit der aragonesischen Kriege im frühen 15. Jahrhundert spielt, handelt in Wahrheit von einer Krise der religiösen, sozialen und politischen Autorität, die sich in García Gutiérrez eigener Ära auftat. Dies geschieht mittels einer Geschichte, die gegen alle anerkannten Werte und Grundsätze des guten Geschmacks verstösst und in einem Tonfall erzählt wird, der abwechselnd brutal und ekstatisch wirkt.

García Gutiérrez" Welt wird nicht von gütiger Vorsehung, sondern von einem blinden und scheinbar unheilvollen Schicksal bestimmt. Religion bietet weder Sicherheit noch Trost; die Gesellschaftsordnung garantiert keine einheitlichen ethischen Normen. Die einzig sicheren Werte stellen die Leidenschaften des menschlichen Herzens dar – Liebe, Eifersucht und Hass jeglicher Couleur – und die Figuren geben sich diesen Leidenschaften blindlings mit grimmiger Erregung hin.

Sicher waren es die Kühnheit und Originalität des spanischen Stücks – seine bizarren Gestalten und Ereignisse, sein gesellschaftlich und moralisch provokanter Charakter – die Verdis Interesse für das Stück hervorriefen. Das romantische Drama mit seiner dialektischen Verschränkung von Liebes- und Rachehandlung, die beide im Tod enden, erschien ihm opernwürdig. In einem Brief an Salvatore Cammarano, den seinerzeit gefeiertsten Librettisten Italiens, äusserte er im Januar 1850 erstmals die Absicht, das Gutiérrez-Drama in Musik zu setzen und entwickelte bereits genaue Vorstellungen.

Cammarano jedoch tat sich schwer mit dem vorgeschlagenen Stoff und liess den Komponisten lange im Ungewissen darüber, was er von der "Trovatore"-Idee hielt. Ein erster Handlungsentwurf widersprach Verdis Vorstellungen. Verdi war nahe daran, das gesamte Projekt aufzugeben, fügte dann aber seinem Schreiben an Cammarano ein eigenes Szenario bei, in dem er die Grundzüge des "Trovatore" festlegte.

Dennoch ging die Arbeit nur zögernd voran. Cammarano arbeitete langsam, und Verdi selbst sah sich nicht nur mit dem Tod seiner Mutter, den Schulden und Geldansprüchen des Vaters und der Verwaltung eines in Sant"Agata erworbenen Landgutes konfrontiert, sondern auch mit den Feindseligkeiten der Bewohner von Busseto gegenüber Giuseppina Strepponi, mit der Verdi seit Jahren in wilder Ehe lebte. Nach dem vergeblichen Versuch, die Opernhäuser in Neapel oder Bologna für die Uraufführung des "Trovatore" zu gewinnen, erwarb das Teatro Apollo in Rom schliesslich die Rechte.

Neue Probleme stellten sich ein, als Salvatore Cammarano im Juli 1852 starb – ein schwerer persönlicher Schlag für Verdi. Als er fortfuhr, "immer wieder aufs neue" den Text zu lesen und zu planen, wurde klar, dass eine Anzahl Änderungen und Zusätze nötig sein würde. Sein neapolitanischer Freund Cesare de Sanctis schlug Verdi einen jungen Kollegen Cammaranos namens Leonore Emanuele Bardare vor, der ihm vielleicht behilflich sein könnte. Verdi ging auf den Vorschlag ein, und Bardare machte sich an die Arbeit. Er gab nicht nur einer Reihe von Stellen, an denen Cammaranos Text der Umarbeitung bedurfte, ihre endgültige Form und lieferte zusätzlichen Text; sein Beitrag umfasst vielmehr auch mehrere der beliebtesten Nummern wie "Stride la vampa!", "Il balen del suo sorriso" und "D"amor sull"ali rosee".

Kurz vor Weihnachten 1853 konnten die Proben im Teatro Apollo beginnen, die Uraufführung am 19. Januar 1854 geriet zu einem überwältigenden Triumph. Der Siegeszug des "Trovatore" war nicht aufzuhalten. Dennoch hatte dieser Erfolg seinen Preis. Verdis einprägsame Melodien waren wie geschaffen für die mechanische Wiedergabe auf Instrumenten wie Leierkasten, Akkordeon und Mundharmonika, die seit Anfang der 1860er Jahre in grossem Umfang industriell hergestellt wurden. Der Zigeunerchor, die Stretta des Manrico und andere Nummern waren bald überall zu hören, wo Musik gemacht wurde, und oft in plumpester Form. Die einzelnen Melodien wurden so zwar überaus populär, doch dadurch, dass sie sich auf schlichte Walzer, gefällige Polkas und Märsche reduzieren liessen, wurde die Oper als Ganzes zweifellos trivalisiert und prägte das Bild, das Musikkritik und grosse Teile des Publikum von der Oper hatten. Schnell wurde behauptet, die Handlung des "Trovatore" sei völlig verworren und diene nur als Vorwand für die Selbstdarstellung stimmgewaltiger Sänger.


Il Trovatore von Giuseppe Verdi (1813-1901)
In italienischer Sprache mit deutscher Übertitelung
Premiere: Sonntag, 2. Dezember 2007, 19.00 Uhr
Dirigent: Adam Fischer
Inszenierung: Giancarlo del Monaco

Mit Cristina Gallardo-Domas (Leonora), Luciana D" Intino (Azucena), Liuba Chuchrova (Ines); Marcelo Alvarez (Manrico), Leo Nucci (Il Conte di Luna), Giuseppe Scorsin (Ferrando), Miroslav Christoff (Ruiz), Kai Florian Bischoff (Un vecchio zingaro), Deniz Yilmaz (Un messo)

Weitere Vorstellungen:
5./9./12./15./20./23./26./29.12.2007
2. und 6. Januar 2008

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH - 8008 Zürich

T: 0041 (0)44 26864-00
F: 0041 (0)44 26864-01
E: info@opernhaus.ch
W: http://www.opernhaus.ch/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  2. Dezember 2007 6. Januar 2008 /
2385-238501.jpg
Marcelo Álvarez; © Suzanne Schwiertz
2385-238502.jpg
Leo Nucci, Chor des Opernhauses Zürich; © Suzanne Schwiertz
2385-238503.jpg
Luciana D'Intino; © Suzanne Schwiertz
2385-238504.jpg
Cristina Gallardo-Domâs; © Suzanne Schwiertz