12. November 2012 - 1:42 / Ausstellung / Skulptur 
27. September 2012 18. November 2012

Die Arbeiten von Jochem Hendricks sind spektakulär, überraschend und scharfsinnig: Der Konzeptkünstler, geb. 1959 bei Frankfurt am Main, beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Persönlichkeitsstrukturen und gesellschaftlichen Mechanismen. Häufig geht er von uns vertrauten Sehnsüchten und Ängsten aus, die er dann kritisch, oft humorvoll und nicht selten ironisch kommentiert. Bewusst setzt er mit seinen Werken auf die Fantasien, Erinnerungen und Vorstellungen, kurz: auf die Projektionen der Betrachterinnen und Betrachter.

Die Ausstellung zeigt eine Übersicht mit Werken von 1984 bis heute und entsteht aus einer Zusammenarbeit zwischen Museum Haus Konstruktiv Zürich, John Hansard Gallery, Southampton (UK) und The New Art Gallery Walsall, Walsall (UK). Es erscheint eine gemeinsam herausgegebene Publikation im Distanz Verlag.

Die Arbeiten von Jochem Hendricks sind verspielt, sensibel und zugleich provokativ. Während sie auf einer ästhetischen Ebene häufig sehr einnehmend sind, zerstören ihre in zunehmendem Masse komplexen Zusammenhänge auf subtile Weise die Systeme und Bezüge, die wir gerne als gegeben annehmen. Künstler sind traditionellerweise Meister des Kunstgriffs und der Illusion. Die Art und Weise wie Hendricks mit dieser Tradition umgeht, eröffnet einen grossen Interpretationsspielraum. Wie viele andere Konzeptkünstler auch ermutigt er uns, unsere Sicht der Welt zu hinterfragen und offen zu bleiben, aber angesichts von Alltagserfahrungen einen gewissen gesunden Zynismus zu entwickeln.

Für eine Serie durchlöcherter Platten mit dem Titel "Concetti" (2007–2009) hat er Messing, Kupfer, Aluminium und Leinwand verwendet. Diese Arbeiten beziehen sich eindeutig auf die bekannte Serie geschlitzter und durchstochener Leinwände von Lucio Fontana, die dieser ab 1949 produziert hatte und mit denen er die reine Abstraktion der Moderne thematisierte sowie die Flachheit der Leinwand und die Autonomie des Kunstobjekts. Hendricks hat für seine Arbeiten Schusswaffen verwendet und hinterfragt auf diese Weise direkt Vorstellungen von Schönheit und Reinheit und bringt die Ebene von Gewalt und Drama ins Spiel.

Jochem Hendricks arbeitet mit vielen unterschiedlichen Medien, einschliesslich Skulptur, Film, Installation und zuletzt auch Malerei. Die Objekte selbst sind jedoch ohne ihre durchdachten und oft komplexen Hintergrundgeschichten unvollständig. "Linker Verteidiger, rechtes Bein" (2002–2005) besteht aus einem künstlichen Diamant, der auf einem schwarzen und mit Tabak ausgestopften Samtkissen angebracht ist. Wir werden informiert, dass der Verlust des Beines auf eine mit dem Rauchen in Zusammenhang stehende Krankheit zurückzuführen ist. Wir erfahren, dass der Künstler informell und illegal mit zwei ehemaligen sowjetischen Institutionen zusammengearbeitet hat und dass vor einem Hintergrund von Kriminalität, List sowie sozialer, politischer und ethischer Spannungen in jedes Projekt eine Reihe von Mittelsmännern eingebunden war.

Überdies hat Hendricks im Hinblick auf das Thema Steuern die Grenzen von Ethik und Legalität auf die Probe gestellt. Auf ziemlich geniale Weise hat er einen "Luxus Avatar" (von 2009 an) geschaffen, eine lebensgrosse Kunststoffreplik des Körpers des Künstlers auf der Basis von Daten eines 3D-Scans. Dem Avatar ist eine parallele luxuriöse Existenz zu der des Künstlers vergönnt, er trägt Designerkleidung und Accessoires, die vollständig durch Steuerzahlungen finanziert werden.

In einer Reihe von Fotos und Projektionen mit dem Titel "Crime – Terror – Riots" (2011), hat Hendricks mit Magdalena Kopp, einer Fotografin, zusammengearbeitet, die als Mitglied der Revolutionären Zellen zum internationalen Terrorismus gehörte. Kopp hat Bilder abgezogen, die offensichtlich aus Polizeiarchiven stammen. Die Arbeiten sind sehr überzeugend, sowohl als dokumentarischer Beleg einer kriminellen Handlung wie auch als altmodische Fotos. Es wäre schwierig, sie als raffinierten Schwindel zu disqualifizieren.

Visionäre Sammlung Vol. 19: Jochem Hendricks
27. September bis 18. November 2012

Haus Konstruktiv
Selnaustrasse 25
CH - 8001 Zürich

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Luxus Avatar (Detail), 2009-2012. Mixed Media; Foto: Wolfgang Günzel
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Luxus Avatar, 2009-2012. Mixed Media; Foto: Wolfgang Günzel
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Meute (Pack), 2003-2006. Mixed Media; Foto: Peter Mallet
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Concetto 18.6 mm, 2010. Messing, Patronenhülsen, 104.5 x 94.5 x 10 cm; Foto: Wolfgang Günzel
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6'128'374 Sandkörner, 2000-2003. Sand und Glas